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„Es geschahen regelrechte Wunder“

Als Stadtplaner bestimmte Peter Lunze in der Wendezeit wichtige Weichenstellungen für Radeberg mit. Für die SZ erinnert er sich.

© Willem Darrelmann

Von Jens Fritzsche

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Einen Satz hört Peter Lunze von seiner Frau regelmäßig, sagt er schmunzelnd: „Musst ausgerechnet Du das schon wieder machen?“ Und Peter Lunze antwortet dann – ebenso regelmäßig – „ja, muss ich!“ Denn sich einzubringen, mit zu gestalten, gehört einfach zu seinem Leben, sagt er. Und wer den Architekten und langjährigen Radeberger Stadtplaner kennt, wundert sich auch nicht wirklich, dass die Aufzählung all der Dinge, für die sich Peter Lunze engagiert, auch tatsächlich ein wesentlicher Teil seines Lebensinhalts ist.

Er gehöre zu denen, meint Peter Lunze dabei, die bewusst als Nachkriegsgeneration aufgewachsen und so ganz anders von 40 Jahren DDR geprägt worden seien, als dies der Tenor öffentlicher Rückbesinnung heute manchmal darstelle. Aber gerade diese Erfahrungen seien ein wichtiger Faktor dafür, ist Lunze überzeugt, dass viele Radeberger seiner Generation „sich im besten Sinne für das kommunale Leben eingebracht haben – auch und gerade in die neue Zeit, die nun auch schon wieder 25-jährige Geschichte unserer Stadt geworden ist“, sagt er. „Ich habe mich nun zwar aus der freiwilligen Pflicht zurückgezogen, doch das Mitdenken betreibe ich jetzt sozusagen als Kür“, spielt er darauf an, dass er beispielsweise seit 2003 für die SPD als Stadtrat aktiv gewesen war –  sich jetzt aber nicht noch einmal hatte aufstellen lassen. „Ich bin 76, das war nun lange genug Pflicht“, sagt er. Obwohl er sich noch richtig fit fühlt, wie er gleich anfügt.

Engagiert für Radeberg

Anders, als sich einbringend, kann man sich einen Mann wie ihn auch gar nicht vorstellen. „Aber ohne das Verständnis meiner Frau, die immer voll berufstätig war, wäre dies alles nicht möglich gewesen“, stellt Peter Lunze klar. Die Schwimmsektion der einstigen Betriebssportgemeinschaft Motor – später Rafena und Robotron – Radeberg, in der er aktiv war, hat Peter Lunze jahrzehntelang geleitet. Seit 1951 ist er zudem im Mal- und Zeichenzirkel aktiv, engagierte sich bereits zu DDR-Zeiten für den Denkmalschutz und war Leiter des damaligen Baumschutzaktivs. In den Wendetagen 1989/90 saß Peter Lunze für die LDPD – die Liberaldemokratische Partei in der DDR – am Runden Tisch in Radeberg und war für die Gründung von Arbeitsgruppen verantwortlich.

1990 gründete der Architekt Peter Lunze gemeinsam mit weiteren Engagierten zudem das Kuratorium Schloss Klippenstein, aus dem später der Förderverein für das Schloss hervorging. Und überhaupt die Kunst: 2001 rief Peter Lunze den Kunstkreis Radeberg ins Leben, dessen Vorsitzender er seither ist. Zudem können Musikfans seine Stimme auch im Harry-Kaiser-Männerchor hören. Dass eine Stadt zudem nur in die Zukunft schauen kann, wenn sie auch um ihre Geschichte weiß, wie er sagt, arbeitete Peter Lunze auch von Beginn an in der Arbeitsgemeinschaft Stadtgeschichte in Radeberg mit, die die Jahreshefte zur Stadtgeschichte herausbringt. Eine Reihe Texte in diesen Heften stammt dabei aus seiner Feder …

Sauer über geringe Wahlbeteiligung

Langweilig wird es Peter Lunze also wohl auch jetzt nicht, wenn er nicht mehr regelmäßig im Stadtrat und den dazugehörigen Ausschüssen sitzt. Einmischen wird er sich auch weiterhin. „Denn Demokratie“, sagt er, „ist nur das, was wir gemeinsam schaffen – und es ist das Wichtigste, auch mitzuwirken!“ Und so ist er mit Blick auf die Wahlbeteiligung zur vergangenen Stadtratswahl noch immer richtig sauer. Dass kaum mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben haben, findet er sehr bedenklich, wie er sagt. „Dass Leute denken, ihre Freiheit besteht darin, aus Entscheidungs-Faulheit nicht wählen zu gehen, war doch wohl nicht der Kerngedanke vom Wendeherbst 1989.“

Prägende Kindheitserlebnisse

Dass Peter Lunze sich einmischt, hängt dabei mit prägenden Erlebnissen in seiner Kindheit zusammen. 1938 in Chemnitz geboren, verbrachte er seine Kindheit in Dresden – hier erlebte er am 13. Februar 1945 die verheerenden Bombenangriffe im Keller und die Flucht durch die brennende Stadt. Ein Zuhause gab es zwischen all den Trümmern nicht mehr. „Die Familie hatte nichts mehr, aber wir hatten zumindest das Glück, überlebt zu haben.“

Seine Urgroßmutter wohnte in Radeberg, also zogen seine Mutter und die Großmutter mit ihm hierher. Radeberg wurde zur neuen Heimat – eine, mit der Peter Lunze fortan viel verbinden sollte. „Und auch meine Mutter engagierte sich hier sehr schnell, sie musste einfach mittun“, erzählt er. Die Mutter trat in die LDPD ein. „Diese Partei war damals in Radeberg eine sehr starke kommunal-politische Kraft“. Seine Mutter wurde ihm jedenfalls zum Vorbild. Und so vertrat Peter Lunze schon mit 18 Jahren die Betriebssportgemeinschaft Motor Radeberg in der „Ständigen Kommission Jugendfragen und Sport“ der Radeberger Stadtverordnetenversammlung … Und ab 1961 wurde er dann auch mehrmals für die Liberalen in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Politisch, sagt er rückblickend, „stand ich durchaus zu diesem Land DDR, aber es gab für mich nie einen politischen Tunnelblick, Toleranz und Objektivität waren mir immer wichtig – auch das habe ich von meiner Mutter mit auf den Weg bekommen“, fügt er an.

Sein beruflicher Weg führte dann zur Architektur. Nach dem Studium in Dresden kam er 1965 nach Radeberg zurück, wurde „durch eher zufällige Umstände“, wie er sagt, Technischer Leiter des Betonwerks. Drei Jahre später wechselte Peter Lunze ins Bezirksbauamt nach Dresden, war dort wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bezirksarchitekten und auch als Stadtplaner für den Kreis Dresden-Land und für Innenstadt-Gestaltungen einiger Städte im Bezirk verantwortlich. Seine Spuren hinterließ der Radeberger dabei beispielsweise in Großenhain, Bischofswerda und Sebnitz – hierfür gab’s sogar den Architekturpreis des Bezirks Dresden.

Als es in der Stadt brodelte

Die Wende nahte, was ab Mitte der 1980er-Jahre zu spüren gewesen war – auch, wenn sich damals niemand wirklich eine solche Wende vorstellen konnte. In Radeberg jedenfalls gärte es. In der Stadt, die als Industriestandort so wichtig war – in der es eine starke Arbeiterschaft gab. Und in der mit dem Robotron-Werk, der Exportbierbrauerei, dem Ifa-Karosseriewerk eine Reihe wichtiger Betriebe beheimatet war, die für die DDR Gewinne – auch in Devisen – erwirtschafteten. Doch es gab erhebliche Probleme bei der Wohnungsversorgung, die Innenstadt verfiel zusehends. Es brodelte in der Stadt – und die SED-Führung in Dresden reagierte. Mit Siegfried Hennig wurde ein neuer Bürgermeister eingesetzt, der zuvor in Radebeul für moderate und intelligente Politik bekannt geworden war. Zudem stand der 40. Jahrestag der DDR an – und im Vorfeld des großen Jubiläums wurde auch für Radeberg manches möglich: das Wohngebiet Pillnitzer Straße-West wurde vorbereitet, und auch der Innenstadt-Wohnungsbau wurde geplant. An all diesen Projekten war Peter Lunze als Stadtplaner des Bezirks mit beteiligt. „Das hat mich natürlich sehr interessiert, es tat sich etwas in meiner Heimatstadt Radeberg, also bewarb ich mich bei Bürgermeister Siegfried Hennig, das Stadtplanungsamt aufzubauen“, erinnert sich Peter Lunze. Noch dazu, weil zudem das Projekt zur Sanierung und Umgestaltung des Marktplatzes mit auf den Weg gebracht wurde. Und so wechselte Peter Lunze im März 1988 zur Stadtverwaltung Radeberg. Unter Leitung des damaligen Werkdirektors von Robotron, Lutz Gärbe, wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet –  „der Betrieb finanzierte anfangs sogar meine Stelle“. Lunze hatte die Aufgabe, ein Konzept für die Sanierung der ziemlich heruntergekommenen Radeberger Innenstadt zu entwickeln. Zunächst des Marktes. Von der Gestaltung und Sanierung der Fassaden, über eine völlige neue Marktfläche bis hin zu Details, wie den Bänken. „Viel Zeit nahm aber auch die Koordinierung in Anspruch, denn in Radeberg passierte damals quasi alles auf einmal“, klingt Peter Lunze noch immer begeistert. Denn auch Sanierungsarbeiten im Krankenhaus standen an, ein Altersheim wurde gebaut und vom Neubau des Heizhauses der Molkerei Heinrichsthal wurde eine Heizleitung fürs Altenheim und Krankenhaus gebaut …

Die Wunder nach der Wende

Mitten hinein kam die Wende. „Und es geschahen in vielen Städten, so auch in Radeberg, regelrechte Wunder – denn jetzt wurde zusätzlich durch Privatinitiative vieles möglich, was vorher nicht denkbar gewesen wäre“, blickt Peter Lunze zurück. Wobei Radeberg vielleicht sogar noch ein bisschen mehr Glück hatte, als andere Städte, „denn wir waren relativ gut vorbereitet“. Plötzlich gab es eine Menge Fördertöpfe, die damals auch noch richtig gut gefüllt waren. „Und da wir ja für alles ein Konzept hatten, weil wir ja quasi in den Startlöchern gestanden hatten, konnten wir mit einer Portion Risikobereitschaft immer sagen: Hier ist unser Konzept …“ Deshalb war Radeberg in diesen Jahren einfach immer ein bisschen schneller als andere Städte. Ein Abwassersammler der Innenstadt wurde gebaut, bis dahin flossen von hier die meisten Abwässer einfach in die Röder. Das Sanierungsgebiet Innenstadt wurde auf den Weg gebracht, was die historischen Gebäude im Stadtzentrum sichtbar Schritt für Schritt rettete. „Es galt ja praktisch am Ende der DDR an allen Ecken und Enden in Radeberg Probleme zu lösen, jetzt konnten und mussten wir alles gleichzeitig tun …“

Manches ging auch schief

Und leider ging damals auch manches schief, räumt Peter Lunze ein. Ein Beispiel war die Sanierung der alten Poliklinik an der Pulsnitzer Straße. Die Poliklinik –  in der zahlreiche Ärzte ihre Praxen hatten – musste saniert werden, auch um neuen Ansprüchen zu genügen. Es brauchte auch eine neue Heizungsanlage samt Anschluss. „Es wurde ja in dieser Zeit auch das Altenheim hinterm Krankenhaus fertiggestellt, die Sanierung des Krankenhauses begann, so ergab sich schrittweise eine komplexe Planung für diesen Bereich“, beschreibt er. Doch mitten in der Sanierung zogen plötzlich alle Ärzte aus. „Denn plötzlich waren Polikliniken politisch nicht mehr gewollt – jetzt mussten Ärztehäuser her, in die die Mediziner selbst investierten …“ Und so entstand das Ärztehaus an der Badstraße – ein riesiger Aufwand war in den sprichwörtlichen Sand gesetzt. „Eine wilde, aber auch hochinteressante Zeit“, sagt der Radeberger heute. „Wir mussten risikobewusst zupacken und hatten im damaligen Stadtbauamt ein wirklich tolles Team unter Leitung von Volkmar Linhart“, schwärmt er.

Nach diesen ersten Jahren kam 1994 mit Gerhard Lemm dann ein neuer Bürgermeister ins Rathaus. Unter ihm leitete Peter Lunze ab 1995 dann das Stadtbauamt. „Bis ich 2002 aus gesundheitlichen Gründen aus der Verwaltung ausgeschieden bin.“ 1996 gründete er zudem mit seinem Sohn Jan, der ebenfalls Architekt geworden war , ein Architekturbüro. „Aber ich bin da eher der Berater gewesen, auch war ja in meiner Funktion Zurückhaltung geboten“, sagt Peter Lunze lächelnd. Und seit 2003 mischte er sich dann auch wieder kommunalpolitisch ein – zehn Jahre lang als Stadtrat  in der SPD-Fraktion.

Er will hartnäckig bleiben

Peter Lunze hat jedenfalls viele Spuren in Radeberg hinterlassen. Und will auch noch einige hinterlassen, sagt er. Und er will hartnäckig bleiben. Wie beispielsweise mit jener Grünpflanze, die er an sein Haus an der Hauptstraße gepflanzt hat, damit die Innenstadt ein Stück grüner wird. „Zweimal hat man mir die Pflanze gestohlen, da habe ich halt eine dritte gepflanzt …“, sagt er.

In den kommenden Wochen wird die Sächsische Zeitung in Radeberg regelmäßig spannende Themen zu den Erinnerungen Dr. Peter Lunzes in einer großen Artikel-Serie präsentieren. Der erste Teil in der kommenden Woche erklärt, warum die Ortsteile Radebergs aus Sicht Lunzes nicht zusammenwachsen sollten.

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