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Es gibt viel mehr Umgebindehäuser

Der Fachring Umgebindehaus hat ein Plus von 30 Prozent errechnet. Der Zugewinn hat aber auch einen Nachteil.

Von Thomas Mielke

Ronny Hausmann will es genau wissen: Wie viele Umgebindehäuser gibt es denn nun wirklich? Deshalb hat der Vorsitzende des Vereins „Fachring Umgebindehaus“ aus Spitzkunnersdorf 2011 ein von der öffentlichen Hand gefördertes Projekt angeschoben, in dem zwei Bürgerarbeiter drei Jahre lang im Landkreis Görlitz gesucht, gezählt, erfasst, bewertet, fotografiert und eine Datenbank aufgebaut haben.

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Bisher beruht die Zahl der Umgebindehäuser auf Schätzungen und der Denkmalschutzliste. 19 000 der weltweit einmaligen Häuser in dieser Volksbauweise soll es rund um das Dreiländereck Tschechien-Polen-Deutschland noch geben. Reichlich 6 000 Umgebinde- und Fachwerkhäuser verortet die sächsische Denkmalliste im Kreis Görlitz. „Der Suchbegriff Umgebindehaus war zu Beginn der Neuerfassung der Kulturdenkmale nach 1990 aber noch nicht vergeben“, sagt Michael Kirsten, Leiter der Gebietsdenkmalpflege beim Landesamt für Denkmalpflege. „Unsere Zählungen sind Ergebnisse von Freitextrecherchen, die keine exakten Zählergebnisse liefern.“

Der Fachring Umgebindehaus hat nun exakte Zahlen vorlegt – mit einer Überraschung: Wahrscheinlich gibt es zwischen Bad Muskau und Ebersbach-Neugersdorf bis zu 30 Prozent mehr Umgebindehäuser als bisher geglaubt, sagt Peter Hiesche, einer der Bürgerarbeiter. Das jedenfalls legen die bisher erhobenen Daten nahe. Der Neusalza-Spremberger Ortsteil Friedersdorf zum Beispiel hat laut Denkmalsliste 73 Umgebindehäuser. Hiesche und seine Arbeitspartnerin Ines Zimmermann haben aber 108 gefunden. Das sind rund 50 Prozent mehr als bisher angenommen.

Diese Differenz findet sich mehr oder weniger ausgeprägt in allen bisher ausgezählten Ortschaften und Gemeinden. Hausmann und seine Mitstreiter gehen deshalb davon aus, dass die Zahl der Umgebinde- und Fachwerkhäuser im Kreis Görlitz von 6000 auf 8000 nach oben korrigiert werden muss. Allerdings ist damit wahrscheinlich auch die Zahl der leerstehenden Umgebindehäuser höher als angenommen. Hochgerechnet werden es wohl knapp 500 sein. Bisher war immer die Rede von 200 bis 300.

Warum die Differenz so groß ist, wissen weder der Fachring noch das Landesamt für Denkmalpflege genau. Zum einen liegt es sicher an Kirstens Argumenten zur Freitextrecherche und zur nachträglichen Einführung des Begriffs „Umgebindehaus“. Zum anderen sind die Kriterien für die Erfassung unterschiedlich. Die Fachring-Zähler haben zum Beispiel auch alte Fachwerkhäuser aufgenommen, die nicht mehr gut in Schuss sind und sehr wahrscheinlich einmal Umgebindehäuser waren. Auf alle Fälle will sich der Fachring nach den SZ-Recherchen jetzt mit dem Landesamt in Verbindung setzen und die Frage klären.

Angesichts von Hunderten zusätzlicher Umgebinde- und Fachwerkhäuser ist die Zeit von drei Jahren für die beiden Bürgerarbeiter zu kurz gewesen. Sie sind nicht fertig geworden mit dem Zählen der Häuser und dem Erfassen ihrer Besonderheiten und Einzigartigkeiten wie der Türstöcke, der Nutzung und der Dachaufbauten.

Letztes Wochenende ist das Projekt ausgelaufen. Hausmann und die beiden Bürgerarbeiter hoffen, dass sie irgendwann weiter machen können. Zurzeit gibt es allerdings keine Finanzierung für ein Nachfolgeprojekt. Bei den Bemühungen darum wissen sie aber die Umgebindehausstiftung auf ihrer Seite. „Das Erfassungsprojekt muss unbedingt fortgeführt werden, um sichere Erkenntnisse zum Leerstand und Sanierungsrückstau zu haben und um eine bedarfsgerechte Fördermittelvergabe planen zu können“, sagt Geschäftsführer Arnd Matthes. „In der vorletzten Fachbeiratssitzung der Stiftung wurde dieses wichtige Thema auf die Tagesordnung gesetzt.“

Am Ende soll eine zentrale Datenbank stehen, die alle Umgebindehäuser mit Fotos und Besonderheiten enthält. Und die dann verbindlich sagt, wie viele Umgebindehäuser es wirklich gibt.