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Es glänzt in Dimensionen

Läden, die über Generationen von einer Familie geführt werden, sind selten. Die SZ stellt einige vor. Heute Folge VI: Meißner Bleikristall

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Von Josephine Kotsch

Obwohl das Sortiment über 3 000 veredelte Glasgegenstände umfasst, behält Marlies Sändig den Überblick. Sie übernahm nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1994 die „Meißner Bleikristall GmbH“ am Kalkberg. „Als Ehefrau des Betriebsdirektors durfte ich nach der Enteignung durch den DDR-Staat gar nicht mehr in der Firma mitarbeiten“, erzählt sie. So koppelten die Sändigs 1974 kurzerhand ihr Ladengeschäft in der Elbstraße aus, das Marlies Sändig übernahm. „Dagegen erhob der Staat keine Einwände“, ergänzt die 65-Jährige.

Qualität durch Gravur

Heute ist der Glasveredelungsbetrieb einer der wenigen in Deutschland, in dem Bleikristallwaren noch in Handarbeit hergestellt werden. „Die Qualität bekommt das geschliffene Kristall eigentlich erst durch die Gravur. Das ist der Hauptunterschied zu maschinell geschliffenen Glasgegenständen“, sagt Geschäftsführer Edgar Schwarz. Noch vor 20 Jahren wäre das Glas nur geschliffen worden. Doch während die Schleifer mit den geometrischen Figuren der Schleifkörper vorlieb nehmen müssten, könnten die Graveure Motive und Porträts auf der Glasoberfläche modellieren.

„Hauptsächlich arbeiten wir auf Bestellung“, sagt Edgar Schwarz. Die gewünschten Gravuren reichten dabei über Märchenszenen, Tiere, Kirschdekore für japanische Kunden oder Lilienmotive für Abnehmer aus Taiwan. „Die Herstellung einer Vase dauert vom Rohling bis zum fertigen Produkt ungefähr drei bis vier Monate und dabei geht sie durch zehn Hände“, so Marlies Sändig. Die Rohlinge bezieht die Firma aus Hütten in Österreich, Tschechien und Ungarn.

Glanz durch Blei

Die Firma Sändig hat eigene Formen, die von den jeweiligen Hütten nur speziell für die Meißner angefertigt werden dürfen. Den besonders starken Glanz erhält das Glas durch die Zugabe von Blei. „Glas ist ja eigentlich eine erkaltete Flüssigkeit. Durch Blei wird es weicher und schwerer; es ist nicht mehr so starr. Das macht die Bearbeitung leichter“, sagt Edgar Schwarz. Außerdem entstünde erst durch Blei der besondere Klang. Als er zwei Weingläser leicht gegeneinander schlägt, ertönt ein helles, bauchiges Geräusch.

Im Schauzimmer stehen die aktuellen Bleikristallschätze. Alle Artikel sind durchnummeriert. Edgar Schwarz hebt eine Vase mit Blumenmuster ins Licht. Es ist Überfangglas: eine blaue Vase wurde sozusagen über eine farblose gestülpt. Nach der Gravur erscheinen die Blumen klar, der Vasenkörper wurde hingegen blau belassen. Blickt der Betrachter in eine solche Blüte, sieht er sie vervielfacht, eine Mehrdimensionalität entsteht. „Das hatten wir so eigentlich gar nicht geplant, erst hinterher haben wir festgestellt, dass sich dieses Bild ergibt“, sagt Marlies Sändig.