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Meißen

Es grünt so grün

Die Grünen-Bundeschefin Annalena Baerbock verwandelt den Akti in eine Villa Kunterbunt. Gerade weil sie sich verhaspelt.

Mit hohen Schuhen und körperbetonter Hose erfüllt Grünen-Chefin Annalena Baerbock (38) keine Klischees. Am Donnerstagabend war sie in Meißen im Akti zu Gast.
Mit hohen Schuhen und körperbetonter Hose erfüllt Grünen-Chefin Annalena Baerbock (38) keine Klischees. Am Donnerstagabend war sie in Meißen im Akti zu Gast. ©  Claudia Hübschmann

Meißen. Das muss einen schon stutzig machen. Vor dem Akti in Meißen stehen mehr Fahrräder als Autos auf den Parkplätzen links und rechts. Ein Plakat klärt das Rätsel schnell auf: In Meißen gibt sich im Vorfeld der Landtagswahl am 1. September das Spitzenpersonal der Parteien die Klinke in die Hand. Für diesen Donnerstagabend ist Annalena Baerbock annonciert, die Bundesvorsitzende der Bündnisgrünen.

In einem Interview mit der Sächsischen Zeitung hatte ihr Kollege Robert Habeck erst vor wenigen Tagen erklärt: „Wir haben uns zu lange nicht für den Osten interessiert.“ Ist sie deshalb hier, um Wiedergutmachung zu betreiben? Nein, Annalena Baerbock wohnt in Potsdam. Gern erzählt sie von ihrem Brandenburger Hintergrund.

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Ein Blick ins Publikum: An diesem frühen Abend sind durchaus nicht nur Claqueure erschienen. Natürlich werden die üblichen Verdächtigen gesichtet: Der Chef des Hahnemannzentrums Helge Landmann ist zugegen. Stadtrat Heiko Schulze von den Bürgern für Meißen unterhält sich mit Linken-Stadtratsfraktionschef Tilo Hellmann.

Die Breite des politischen Spektrums in der Besucherschaft fällt allerdings weitaus größer aus. Frühes Kommen sichert gute Plätze. AfD-Mann Dieter Vogt aus Roitzschen hat noch einen sicheren Sitzplatz ergattert. Die werden tatsächlich kurz vor 18.30 Uhr rar. Neue Reihen müssen gestellt werden. Dann sind die Kapazitäten ausgeschöpft. Die Zahl der Gäste im Akti lässt sich schwer schätzen. Es dürften zwischen 150 und 200 sein. Wann hat Meißen das bei einer Veranstaltung der Bündnisgrünen in den letzen Jahren erlebt?

Leicht verspätet – und damit einmal mehr gar nicht den sogenannten deutschen Tugenden gemäß – trifft auch der rechte Rand ein. Die rechtsextreme Aktivistin Madeleine Feige postiert sich mit Anhängern in Wartestellung.

Nach der Anmoderation des Direktkandidaten Martin Wengenmayr aus Coswig kann es losgehen. Zwei Damen stehen im Mittelpunkt. Annalena Baerbock wird begleitet von der sächsischen Spitzenkandidatin Katja Meier. Auf einem kreisrunden, grünen Podest wirbeln sie herum wie Pippi Langstrumpf in der Villa Kunterbunt. Was für ein Unterschied zu den eher bräsigen Podien der Landesanstalt für politische Bildung. Dementsprechend heißt das Format auf Neudeutsch Town Hall Meeting.

Die Frager und Fragen sind bunt gemischt. Wie stabil die Stromversorgung nach dem Kohleausstieg sei. Das möchte einer der Gäste wissen. Die Antwort von Annalena Baerbock fällt für ihn zu schwammig und unkonkret aus. Deutlicher wird Katja Meier zum Thema Koalitionswünsche. Mit der Linken und der SPD sieht die 39-Jährige die größten Überschneidungsmengen. Eine CDU-Minderheitsregierung dagegen möchten die Bündnisgrünen nicht tolerieren. Das sei schließlich nur eine verkappte CDU-AfD-Koalition.

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Interessant und spannend wird es, als sich mit dem Skassaer Geflügelhof-Chef Christian Riedel ein Praktiker zu Wort meldet. Wie es um die Zukunft seines Betriebes bestellt sei, wenn die Bündnisgrünen in Sachsen in der Regierung säßen. Das möchte er gern wissen. Diese Konkretheit bringt Annalena Baerbock ins Schwimmen. Sie weißt nicht, dass Legehennen nicht länger pauschal Antibiotika erhalten. Seit zwei Jahren werden bei Riedel auch keine Schnäbel mehr eingekürzt. Doch sie zieht sich clever aus der Affäre: Regeln zur Tierhaltung müssten stets europaweit durchgesetzt werden, um deutsche Betriebe nicht zu benachteiligen.

Bis dahin dürfte es ein weiter Weg sein.