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Schade, dass der Saal brachliegt

Weißes-Roß-Inhaber Klemens Kosok über ärgerliche Gerüchte, einen folgenreichen Defekt und Pirnas Kultur-Chancen.

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© Karl-Ludwig Oberthür

Herr Kosok, im sozialen Netzwerk Facebook wird behauptet, Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke tue lediglich Ihnen einen Gefallen, wenn er das Weiße Roß sanieren lässt. Ist es tatsächlich nur ein Projekt reiner Männerfreundschaft?

Was bei Facebook kursiert, kann ich nicht sagen, ich bin nicht dabei. Mit Peter Hanke verbindet mich lediglich eine lange Bekanntschaft. Er war bei den Freien Wählern ebenso wie ich, und als Stadtrat habe ich in der Fraktion mit ihm zu tun gehabt. Eine Männerfreundschaft begründet sich doch auf mehr als dieses gemeinsame Wirken. Wir beide hatten außerhalb des zuvor beschriebenen Rahmens keinen privaten Kontakt, weder habe ich mit ihm irgendwo einen geselligen Abend verbracht noch waren wir mal gemeinsam Essen.

Wie kommt dann jemand dazu, so etwas zu behaupten?

Wie solche Gerüchte entstehen, weiß ich nicht. Wir sind per Du, aber das ist nach dem oben Geschilderten ja verständlich. Es ist offensichtlich heute kein Problem, so etwas in die Welt zu setzen ohne jeglichen Beweis.

Das Weiße Roß ist seit Mai geschlossen, Sie sind jetzt Rentner. Was hätten Sie persönlich davon, wenn die Stadt Pirna das Objekt übernehmen und sanieren würde?

Ich wäre nicht mehr in der Verantwortung. Wenn man, wie ich, 38 Jahre in so einem Haus arbeitet, hängt schon Herzblut daran. Keinesfalls möchte ich in Nostalgie verfallen, aber ein paar Dinge gehören zur Erklärung dazu. Als ich 31-jährig die Leitung der damaligen Gaststätte „Volkshaus“ übernahm, war ich der erste Nichtgenosse, umso mehr wurde meine Tätigkeit beobachtet. Gastronomisch war es anfangs eher auf dem Niveau des Spitznamens „Schuppen“, welches wir aber mit dem Engagement aller 20 Mitarbeiter über die Jahre hinweg auf ein – für damalige Verhältnisse – gutes Niveau brachten.

Was motiviert Sie, der Stadt das Gaststättengebäude zu überlassen und zu sagen: Macht was draus?

Wir hatten hier Veranstaltungen aller Art, vom Jugendtanz über Betriebsveranstaltungen bis hin zu Konzerten mit dem Pirna-Orchester. Sogar Herrn Güttler haben wir im Saal erlebt – mit bis zu 450 Gästen. Wenn man das erlebt hat und viele Pirnaer ja demzufolge auch, dann ist es schon bedauerlich, eine solche Ressource brach liegen zu sehen.

Sie könnten den Saal doch selbst bespielen …

… aber mir fehlen Kraft, Zeit und Mittel, selbst den Saal in einen betreibbaren Zustand zu versetzen. Der Saal befindet sich übrigens in einem guten baulichen Zustand und ist absolut nicht verfallen, wie oftmals behauptet wird.

Der Saal war früher regelmäßig ein Ort großer Veranstaltungen. Wie lange haben Sie ihn betrieben?

Vom 2. Januar 1980 bis Ende 1986, als er außer Betrieb ging.

Warum danach nicht mehr?

Wegen einer defekten Heizungsanlage und fehlender Mittel, diese wieder herzustellen. Wir nutzten ihn zum Schluss nur noch sporadisch im Sommerhalbjahr für Ausstellungen und Ähnliches, ab 1987 generell nicht mehr.

Haben Sie nie in Erwägung gezogen, den Saal selbst noch einmal zu reanimieren?

Doch, es gab zwei Projekte, die in der konkreten Planung einschließlich der erforderlichen Nutzungsänderungen, Bauantrag, Finanzierung und so weiter waren. Die zerschlugen sich aber aufgrund langer Bearbeitungszeiten für Fördermittel „Aufbau Ost“ und was es sonst noch so alles gab. Denn inzwischen entstanden eine Bowlingbahn auf dem Sonnenstein und eine Kletterwald-Kletterwand in Königstein. Damit wäre so etwas in unserem Haus nicht mehr rentabel gewesen.

Kritiker sagen, das Weiße Roß liege verkehrstechnisch ungünstig, vor allem für Busse wäre es schwer, das Haus anzufahren. Wie sind denn große Gesellschaften früher zu Ihnen gekommen?

Es stimmt. Verkehrstechnisch liegt es nicht optimal. Busse haben früher – also vor dem Parkhausbau – auf diesem Parkplatz gestanden. In jüngerer Zeit haben Busfahrer die Gäste auf der Robert-Koch-Straße aus- und einsteigen lassen, während sie selbst auf der Clara-Zetkin-Straße parkten. Hat auch funktioniert. Für die Familienfeiern und den Gaststättenbetrieb stehen im Grundstück über 20 Parkplätze zur Verfügung. Und Gäste, die im Parkhaus parkten, haben die Parkgebühr von uns erstattet bekommen. Und die ganz großen Gesellschaften – wie Silvester 1982 – mit 400 Personen, organisiert vom Reisebüro Dresden, kamen mit dem Zug.

Es gibt nur eine schmale Zufahrt zum Hof. Könnten Busse dort hineinfahren und auf dem Parkplatz wenden?

Nein.

Wie hat das Haus früher generell einen großen Ansturm bewältigt? Haben die Gäste ringsum alles zugeparkt, oder ging es ohne größere Probleme ab?

Es gab keine großen Probleme. In unmittelbarer Nähe waren damals zwei Parkplätze und in jüngerer Zeit ja das Parkhaus, abends sind die Breite Straße und die umliegenden Straßen nutzbar.

Manche äußern Bedenken, ein Kulturbetrieb sei in dem Haus nur bedingt möglich, weil es in einem Wohngebiet liegt. Vor allem laute Veranstaltungen könne es deshalb nur selten geben. Was ist da dran?

Das Gebiet Königsteiner Straße ist als Mischgebiet ausgewiesen, es ist kein reines Wohngebiet. Gewerbe und Wohnen sind möglich, wenn die entsprechenden Lärmschutzwerte beachtet werden. Bei dem heutigen Stand im Bau ist es durchaus machbar, diese einzuhalten. Der Zugang der Gäste erfolgt generell über den Eingang an der B 172 – und dort ist es laut, ob mit oder ohne Menschenmengen. Andere Wege sind lediglich sogenannte Fluchtwege.

Sie hatten oft die Hütte voll, auch den Saal. Wie viele Menschen haben sich bei Ihnen jemals über Lärm oder zugeparkte Straßen beschwert?

In den gesamten Jahren einschließlich DDR-Zeit: keiner.

Kurz bevor Sie das Weiße Roß schlossen, hatten Sie die Pirnaer noch einmal zur Saalbesichtigung geladen. Welche Wünsche schrieben Ihnen die Gäste überwiegend ins Gästebuch?

Dieses „Gästebuch“ habe ich am Wahlabend Herrn Hanke in der Hoffnung übergeben, dass all die Skeptiker kein recht behalten sollen, die das Projekt nur als Wahlkampfmasche sahen. Natürlich überwog der Wunsch, dass der Saal wieder in Betrieb geht. Viele verbinden mit ihm Erinnerungen an schöne Abende und Feiern. Und es sind Pirnaer, die nicht nur in Erinnerungen schwelgen, sondern noch in dem Alter sind, den Saal zu beleben.

Wie viel Geld, schätzen Sie, würde eine Sanierung des Objekts kosten?

Die Kosten einer Sanierung kann ich nicht abschätzen. Sie werden nicht unerheblich sein. Der Betrag für das letzte geförderte Projekt „Alter Bahnhof“ lässt erahnen, dass es einiges mehr ist. Aber: es wäre ein Projekt für alle Pirnaer.

Warum ist in all den Jahren zuvor niemand auf das Weiße Roß zu sprechen gekommen?

Ich habe es immer der Geschichte des Gebäudes zugeschrieben. Einst haben einfache Arbeiter Groschen gesammelt, um für sich ein Haus zu bauen, Sozialisten und Kommunisten gingen hier ein und aus. Und immer wieder kommt die DDR-Zeit hoch – die Parteiveranstaltungen fanden hier statt, aber ebenso in der „Tanne“ oder im Kulturhaus Rottwerndorf. Ich glaube, dass das heute noch einigen Leuten nicht schmeckt. Diese Geschichte ist untrennbar mit dem Haus verbunden, ebenso wie der Aufenthalt Goethes und anderer Persönlichkeiten hier.

Das Gespräch führte Thomas Möckel.