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Riesa

„Es ist bitter, dass sich die Stadt jetzt so feiert“

Annett Holtzer kämpfte lange um die Sanierung der Oberschule. Dass dort jetzt Asbest gefunden wurde, ist für die krebskranke Frau ein Schlag ins Gesicht. 

Annett Holtzer arbeitete bis zu ihrer Erkrankung mehr als 20 Jahre als Lehrerin an der Oberschule „Am Merzdorfer Park“.
Annett Holtzer arbeitete bis zu ihrer Erkrankung mehr als 20 Jahre als Lehrerin an der Oberschule „Am Merzdorfer Park“. ©  Sebastian Schultz

Riesa. Zurzeit reihen sich viele gute Tage aneinander. Annett Holtzer lacht viel, während sie in ihrem kleinen Wohnzimmer gekühlten Apfeltee serviert. Dass sie die Hochzeit der Tochter ihrer Freundin in wenigen Tagen miterleben kann, hätte sie noch vor ein paar Monaten nicht geglaubt, erzählt die 54-Jährige.

2015 wurde bei der Riesaerin ein acht Zentimeter großer Tumor an der Leber entdeckt. Bösartig. Extrem schmerzhaft. Hochgradig streuend. Die Mediziner sprechen von einem seltenen Sarkom, einem Bindegewebskrebs. „Die Chancen, dass ich das überlebte, waren gering.“ Doch die Spezialisten vom Sarkom-Zentrum der Uniklinik Dresden halten sie bis heute am Leben, sagt Annett Holtzer. 

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Seitdem genießt sie jeden Tag, freut sich über jede Stunde mit ihrem Mann, den beiden Kindern und den Enkeln. „Ich bin nicht ständig leidend“, sagt sie selbstbewusst. Klar gebe es Tage, an denen jeder Schritt zu viel ist und die Tränen fließen. An anderen lerne sie aber mit Eifer Arabisch oder ärgert sich lebhaft über die Wahlergebnisse der AfD. Doch solche Tage werden seltener.

Der Krebs ist seit 2018 wieder aktiv, hat Leber und Lunge befallen. Seit Februar bekommt Annett Holtzer erneut Chemotherapie. „Zurzeit gibt es keine Verschlechterung“, so die 54-Jährige, „das ist das Beste, was man in diesem späten Stadium erreichen kann. Ob ich Weihnachten noch erlebe, das weiß ich nicht.“

Die ehemalige Lehrerin weiß, dass sie viele Menschen mit solchen Aussagen schockt. Auch kennt sie die Wirkung ihres kahlen Kopfes nach der Chemo. Doch hinter einer Perücke oder oberflächlichen Sätzen zu verstecken, das liegt Annett Holtzer nicht. Lag ihr noch nie. 

„Ich hatte Biss“, erinnert sie sich lachend an die Zeit, als sie Mathematik und Musik an der Oberschule „Am Merzdorfer Park“ unterrichtete. Mehr als 20 Jahre lang. Fast genauso lang kämpfte sie unter anderem als Personalrätin für die Sanierung der maroden Schule.

„Es gab nichts, was funktionierte. Eigentlich hätte man die Schule schon 2012 aus Sicherheitsgründen schließen müssen.“ Annett Holtzer erzählt gruselige Geschichten von blanken Drähten im Sicherungskasten und herabstürzenden Bauteilen. „Aber ich habe die Schule und meine Arbeit trotzdem geliebt. Das ist absurd.“ 

Mit Kollegen macht sie die Sicherheitsmängel öffentlich. Kämpfte auf Demonstrationen, mit Medienaufrufen und Auftritten in Stadtratssitzungen für eine Sanierung. Sie führte Rathausmitarbeiter und Stadträte persönlich durch die Schule. 

Doch „Merzdorf hatte einfach keine Lobby“, sagt sie und erinnert sich besonders an eine Geschichte: „Im Städtischen Gymnasium wurden eines Tages Trinkbrunnen eingebaut. In derselben Woche fiel in Merzdorf der Unterricht aus, weil der Wasserdruck für die Toiletten nicht mehr ausreichte.“

Mittlerweile haben Sanierung und teilweise Neubau der Oberschule „Am Merzdorfer Park“ begonnen. 17 Millionen werden bis 2021 investiert – so richtig freuen kann sich Annett Holtzer jedoch nicht. „Es ist bitter, dass sich die Stadt jetzt so für etwas feiert, das sie hätte schon vor 20 Jahren tun sollen.“ Vor allem die Meldung über Funde von Schadstoffen macht sie betroffen.

Hunderte Schüler und Lehrer hätten unzählige Stunden in den Gebäuden verbracht. Einige leben nicht mehr, weil sie den Krebs nicht besiegen konnten, sagt Annett Holtzer und erinnert unter anderem an einen ihrer ehemaligen Schüler und einen Kollegen. 

Für die Sanierung der Schule, die nun vor wenigen Monaten tatsächlich begonnen wurde, hat Annett Holtzer lange gekämpft. Dass sie selbst das Haus nach den Bauarbeiten noch einmal besichtigen kann, daran glaubt die Riesaerin nicht.
Für die Sanierung der Schule, die nun vor wenigen Monaten tatsächlich begonnen wurde, hat Annett Holtzer lange gekämpft. Dass sie selbst das Haus nach den Bauarbeiten noch einmal besichtigen kann, daran glaubt die Riesaerin nicht. ©  Sebastian Schultz

„Es ist ein tiefer Stich ins Herz der Betroffenen, in einem Bauverzögerungs- und Kostensteigerungsbericht vom Fund der krebserregenden Stoffe Asbest und PAK (Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) zu erfahren“, ärgert sie sich über die Aussagen der Stadtverwaltung, „vergesst nicht, dass hier Menschen im Mittelpunkt hätten stehen müssen.“

Ob die Schadstoffe den Krebs ausgelöst haben? Das weiß keiner, sagt Annett Holtzer und zitiert ein Bild aus ihrer Reha in Kreischa: Ein Leben lang sammeln sich demnach viele Tropfen in einem Glas – Stress, Umwelteinflüsse, Genetik. Welcher Tropfen das Glas zum Überlaufen bringt, könne am Ende niemand mit Gewissheit sagen.

„Aber man macht sich ja so seine Gedanken“, sagt Annett Holtzer. Schließlich gelten zahlreiche PAK-Arten sowie Asbest als krebserregend. Sie will deshalb weiter mahnen und fordert die Stadt auf, Verantwortung zu übernehmen.

„So bitter meine Krebserkrankung ist, so froh bin ich, dass es nicht meine Kinder betrifft“, erklärt die Riesaerin, „deshalb ist es mir auch wichtig, dass die Gefahren gerade in Kindereinrichtungen minimiert werden.“ Ihrer Meinung nach sollte deshalb auch in anderen unsanierten Einrichtungen wie der 3. Grundschule an der Magdeburger Straße in Riesa-Weida noch einmal genau geprüft werden.

Laut Pressesprecher Uwe Päsler wurde die Oberschule Merzdorf allerdings bereits zweimal durch unterschiedliche Büros geprüft – ohne Ergebnis. Erst während der Arbeiten am Seitengebäude wurden in einzelnen Trennlagen des Fußbodenaufbaus neben PAK auch Asbestbestandteile nachgewiesen. „Jedoch in Konzentrationen kleiner als ein Prozent“, so Uwe Päsler.

Daraufhin habe ein drittes Büro nochmals konkret geprüft, um Gefährdungen bei der Entsorgung und Verwertung zu vermeiden. Weil die sehr geringen Asbestbestandteile im Bitumen stark gebunden und zudem durch Estrich überbaut wurden, „ist eine Gefahr praktisch auszuschließen“, so der Stadtsprecher. Bei den polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen seien Ausgasungen zwar möglich, derzeit gebe es aber keine Anhaltspunkte für Belastungen. „Die Stadt Riesa wird jedoch nochmals stichprobenartige Beprobungen in verschiedenen Einrichtungen veranlassen“, kündigt Uwe Päsler an.

Das ist laut Heinz-Jörn Moriske auch aus fachlicher Sicht das richtige Vorgehen: Denn bei PAK könne es zum Austritt flüchtiger Verbindungen wie Naphthalin oder Phenanthren kommen, was sich besonders bei hohen Temperaturen durch einen bitumenartigen Geruch bemerkbar mache.

„Der Geruch an sich ist aber noch kein Hinweis auf eine Gesundheitsgefährdung. Es sollte durch Raumluftmessungen untermauert werden, dass keine Konzentrationen an PAK, die über den allgemein üblichen Hintergrundwerten der Außenluft liegen, in den Klassenräumen auftreten“, rät der Geschäftsführer der Kommission Innenraumlufthygiene vom Umweltbundesamt.

Da es sich bei den Funden im alten Oberschul-Gebäude offenbar um PAK- und asbesthaltige Teer- oder Bitumenpappen unterhalb eines alten Estrichs handele, gingen vom Asbest aber keine Gesundheitsgefahren aus, so der Experte. Denn Asbest gast nicht aus.

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Auch Annett Holtzer kennt diese Aussagen und darüber hinaus viele Berichte über Krebsarten und deren mögliche Auslöser. Eine hundertprozentige Sicherheit, dass die Arbeit in der alten Schule nicht doch ein weiteres Tröpfchen in ihrem persönlichen Wasserglas war, gibt es für sie deshalb nicht.