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„Es ist ein bisschen wie nach der Wende“

Sachsens Russlandbeauftragter Manfred Liebl stellt die Wirtschaftssanktionen infrage und warnt vor Dauerschäden – für deutsche Unternehmen.

© Wolfgang Schmidt

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stellt Russland Wirtschaftskooperation in Aussicht. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) greift den alten russischen Vorschlag einer Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok auf. Zugleich lehnt die Bundesregierung ein Ende der Sanktionen ab. Wie soll es weitergehen, und welche Folgen hat die Strafaktion für Sachsens Wirtschaft? Die SZ sprach mit Manfred Liebl, seit 2006 Beauftragter der Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS) für die sächsische Wirtschaft in Russland.

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Manfred Liebl (67) war bis 2012 Chef des Ingenieurdienstleisters Hörmann-Rawema in Chemnitz. Er ist seit 1975 regelmäßig in Russland unterwegs. © WFS

Herr Liebl, Sie sind seit 40 Jahren in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten unterwegs. War es je komplizierter?

Die deutsch-russische Beziehung kennt viele Stürme. Es ist ein bisschen wie nach der Wende in der DDR. Schon nach 1989 und dem Ende der Sowjetunion gab es schwere Zeiten – auch nach dem Bankencrash in Russland 1998.

Aber selten schien die Hilflosigkeit so groß wie bei der jetzigen Strafaktion des Westens wegen der Ukraine-Krise.

Vor allem russische Maschinenbauer bekommen die Sanktionen zu spüren. Sie haben einen großen Abstand zur Weltspitze, und ihnen fehlt bei der Modernisierung das nötige Know-how. Um die Lücke zu schließen, hat Moskau ausländische Hersteller aufgefordert, Maschinen, Baugruppen und Komponenten vor Ort herzustellen. Mehrere Weltmarktführer produzieren jetzt in Gemeinschaftsunternehmen „Made in Russia“. Auch der Chemnitzer Werkzeugmaschinenbauer Niles-Simmons ist eine solche Kooperation eingegangen. Das Projekt liegt jedoch wegen der Sanktionen auf Eis.

Wie erleben sächsische Firmen

die Sanktionen?

Sie bekommen beispielsweise weniger Anfragen zu Investitionsprojekten oder zu Besuchen in Großbetrieben wie Uralwagonsawod. Obwohl dieser Konzern nicht nur Kampfpanzer sondern auch Baumaschinen, Traktoren, Container und Waggons baut. Sie sagen uns: „Wir würden ja gern, aber ...“. Wir hatten in der zweiten Jahreshälfte 2014 große Probleme, in russische Werke und Projekte mit Unternehmerdelegationen aus Sachsen reinzukommen. Und ich rede nicht nur von Herstellern von Hubschraubern oder dem neuen Mittelstreckenflugzeug MS-21.

Gerade von diesem Superjet, der die alte TU 154 ersetzen soll, hatten sich sächsische Firmen einiges versprochen.

Ja. Das Projekt war eine Riesenchance für die Zulieferer von Ausrüstern für die Bearbeitung von Magnesium- und Titanlegierungen, kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffen, technischen Textilien und für Kabinenteile. Ihnen wird jetzt gesagt: „Sie sind ja nicht in der Lage, Verträge einzuhalten ...“ Die Unsicherheit, ob wir liefern dürfen, ist nicht gerade befruchtend.

Und nun?

Die Russen betonen ihr Interesse an Kooperationen mit Sachsen, suchen aber jetzt selbst auch nach Alternativen. Zumindest haben sie die Zusammenarbeit mit Partnern in China, Brasilien und Südkorea forciert. Auch die Türken sind im Geschäft.

Wie reagiert die Wirtschaftsförderung?

Wir haben uns im vergangenen Jahr bei Kooperationen verstärkt anderen Branchen wie der Landmaschinen- oder der Bergbautechnik zugewandt. Auch klopfen wir beispielsweise mit Solartechnik, Windenergie und selbstverständlich mit Werkzeugmaschinenbau bei russischen Nachbarn an: in Georgien, Aserbaidschan, Weißrussland.

Sachsens Opposition fordert einen Rettungsschirm für betroffene Betriebe.

Das ist aus meiner Sicht nicht zielführend! Das hieße, einen Dauerzustand zu zementieren, und das wollen wir nicht. Wir setzen auf Verhandlungslösungen.

Welche Lösung haben Sie?

Ich habe in 40 Jahren viele Projekte mitrealisiert: im Automobilwerk Gaz, beim größten Lkw-Hersteller Kamaz, von Gießereien und Getriebewerken bis zum spendenfinanzierten Kinderkrankenhaus in St. Petersburg. Immer galt: Referenzen zählen mehr als Umsätze. Ich kenne die Russen und weiß: Unsere Partner in den Regionen haben nichts gemein mit den Moskauer Oligarchen oder Staatskonzernen, die die Sanktionen treffen sollen.

Gab es durch die Beschränkungen des Russland-Geschäfts in Sachsen Pleiten?

Ich kenne keine. Allerdings kann der Wegfall von 30 Prozent des Geschäfts schon zum Problem werden. Namen nenne ich nicht, denn diese Unternehmen wollen das nicht noch in der Zeitung lesen.

Macht das nicht mutlos?

Das sächsische Interesse am russischen Markt ist ungebrochen. Im vergangenen Jahr haben 45 Betriebe mit über 100 Vertretern an Messen und Technologieforen der WFS in Russland teilgenommen. 2015 ist die Resonanz ähnlich. Wir planen wieder Unternehmerreisen, und auch zur Maschinenbaumesse Metalloobrabotka in Moskau wird Sachsen wieder vertreten sein.

Und in der Gegenrichtung?

Ende Februar beginnen in Leipzig die wichtigen Industriemessen Z und Intec. Dort haben sich auch Unternehmen aus St. Petersburg, Nischni Nowgorod, Tscheljabinsk, Burjatien, Wologda und Weißrussland angesagt. Sie stellen ihre Kooperationsvorhaben vor. Sächsische Unternehmen können sich bei der WFS gern noch anmelden.

Ruft nicht die Politik bei so viel Ignoranz zur Ordnung?

Nein, es gibt keine Einflussnahme. Wir bewegen uns  ja im Rahmen des Erlaubten und halten die Sanktionen ein.

Sind die Sachsen mutiger als andere?

Schwer zu sagen. Aber es gibt langjährige Verbindungen, die man nicht einfach so aufgibt. Die Russen sagen: „Wer uns in der Not beisteht, mit dem werden wir auch künftig wieder zusammenarbeiten.“ Auf diesen Vertrauensbonus hoffen wir weiter.

Gehen die Sanktionen nach hinten los?

Zumindest sorgen sie eher bei unseren Bauern für Verdruss – weil sie auf ihren Äpfeln sitzen bleiben – als beim russischen Volk, das hinter Präsident Putin steht. Die EU wird in Russland eine gewisse Stagnation erreichen, aber mehr auch nicht. Dafür gibt es eine andere Folge, welche die Sanktionsverfechter so nicht gewollt haben: Die Russen werden nicht nur selbstbewusster, sondern auch selbstständiger. Aus der Not geboren machen sie immer mehr selbst und bilden Cluster unter Einbeziehung ihrer Universitäten und Akademien. Das funktioniert auf immer mehr Gebieten.

Keine Spur von Mangelwirtschaft?

Es gibt keinen Mangel. Die Waren sind wegen des Rubelverfalls nur teurer und nicht mehr aus Westeuropa. Milchprodukte kommen aus Finnland, Gemüse und Obst aus der Türkei, Fleisch aus Südamerika.

Wie könnte es in der festgefahrenen Situation weitergehen?

Die Russen sagen: „Warten wir mal den April ab.“ Bis dahin sind die meisten Sanktionen terminiert. Es gibt ja bereits Andeutungen, dass man die Strafaktionen nach ihrem Anlass trennen könnte.

Sie werden bald 68, sind eigentlich Rentner. Was hält Sie – noch dazu in schwieriger Zeit?

Wenn es schwierig ist, wird es interessant.

Das Gespräch führte Michael Rothe

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