SZ +
Merken

„Es ist mir eine Ehre“

Thomas Scholle erforscht die Geschichte von Mineralien und Steinen. Jetzt aber übersetzt der Stolpener ein tschechisches Buch.

Teilen
Folgen

Den meisten Stolpenern ist Geologe Thomas Scholle vor allem durch die Organisation des Tages des offenen Denkmals und verschiedene naturwissenschaftliche Untersuchungen bekannt. Jetzt übersetzte er die Lebenserinnerungen eines tschechischen KZ-Überlebenden ins Deutsche. Die SZ sprach mit ihm über das Buch „Auf sein Herz hören“.

Herr Scholle, ist es nicht etwas ungewöhnlich, dass Sie als Geologe auch Bücher übersetzen, die nicht direkt etwas mit Ihrer Forschung zu tun haben?

So ungewöhnlich ist das für mich nicht, denn Übersetzen aus dem Tschechischen, das mache ich seit mehr als 30 Jahren. Meist ging es aber dabei jedoch um geologische Fachtexte oder Gutachten. In diesem Fall handelt es sich um eine ganz besondere Übersetzung: die der Lebenserinnerungen von Professor Jiri Konta aus Prag, die dort im renommierten Academia-Verlag 2011 in der Reihe „Erinnerungen berühmter Bürger“ in tschechischer Sprache veröffentlicht wurden.

Wie kamen Sie an diesen Auftrag?

Das war kein Auftrag, sondern eine Bitte. Es ist eine ehrenamtliche Aktion. Aber mal chronologisch: Ich hatte das Glück, im Jahr 1986 einige Monate an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Karlsuniversität in Prag bei Professor Jiri Konta studieren zu dürfen. Das waren wunderbare Wochen, denn Prag bedeutet nicht nur exzellente Forschungsbedingungen und interessante Vorlesungen sowie Exkursionen. Prag bedeutete auch zahlreiche kulturelle Möglichkeiten. Jiri Konta war in Prag Mentor für meine Oberseminararbeit zum Thema „Die Goldenen Pläner“, also dem Gestein, nachdem die Goldene Stadt benannt ist. Im Jahr 2012 bat er mich, sein Buch in die deutsche Sprache zu übersetzen und in Deutschland drucken zu lassen, was für mich eine ehrenvolle Aufgabe war und ist.

Sie beschreiben Jiri Konta als besonderen Zeitzeugen. Warum?

Jiri Konta ist bereits 92 Jahre alt. Er beschreibt sehr eindrucksvoll seine Kindheit in der ostböhmischen Kleinstadt Zleby, seine Gymnasialzeit in Caslav, seine Erlebnisse beim Reichsarbeitsdienst in Berlin, mit der Gestapo in Dresden und im Konzentrationslager Mauthausen. Er beschreibt aber auch seine Studienzeit nach dem 2. Weltkrieg in Prag und seinen sehr erfolgreichen beruflichen Werdegang als international anerkannter Geologe und Mineraloge.

Wer sollte dieses Buch unbedingt lesen?

Dieses Buch ist kein Lehrbuch und auch nur bedingt eine Autobiografie, aber dessen ungeachtet außerordentlich informativ. Die Blickwinkel und die Erfahrungen eines tschechischen Bürgers und des bedeutenden Geologen Jiri Konta aus der Zeit von 1922 bis 2010 sind sicher ein Novum in Deutschland. Es ist deshalb ein Zeitdokument, nicht nur für Geologen und Mineralogen, sondern auch für Historiker und alle Menschen, die sich für die Geschichte und die Befindlichkeiten in unserem Nachbarland Tschechien interessieren. Es ist als Zeitdokument über das Leben in einem kleinen Städtchen in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg, aber anderseits auch als Erinnerungen des Begründers der modernen tschechischen Forschung wertvoll. (SZ)

Dieses Buch mit 162 Seiten und zahlreichen Fotoseiten ist zum Preis von sechs Euro bei Thomas Scholle erhältlich. Anfragen per E-Mail unter [email protected]