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Feuilleton

Es ist richtig, das Falsche zu tun

Laufen und Lesen sind gute Alternativen gegen den Corona-Frust. Teil 7 der Kolumne von Peter Ufer.

© Brian Lawless/dpa/SZ

Am Morgen beantworte ich eine Mail nach der anderen. Die Gedanken meines Arztfreundes , die ich gestern hier wiedergab, lösten eine Kontroverse aus. Die einen stimmen ihm zu, dass Politik „in scheinbar guter Absicht gerade massiv die Wirtschaft und das Zusammenleben beschädigt“. Andere kritisieren die Meinung hart und meinen, dass Menschenleben nicht gegen wirtschaftlichen Erfolg abgewogen werden dürfe. Gudrun Mohn aus Dresden schreibt: „Ihr befreundeter Arzt vermittelt seine Hoffnungslosigkeit. Glauben Sie nicht, dass die die Alten ohnehin überkommt? Sollten Sie nicht gerade jetzt Mut machen?“

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In meinem Mailfach finde ich einen Buchtipp, den mir Dieter Frank schickt: „Ich empfehle Ihnen, in Ihrem Bücherschrank nach Erich Kästners Buch ,Fabian‘ zu greifen.“ Vor 90 Jahren habe der Schriftsteller festgestellt, dass Macht und Vernunft keine Ehe eingehen können. „Und wenn Ihr bekannter Arzt Ihnen zu bedenken gibt, ob es vernünftig sei, eher acht Millionen Arbeitslose zu registrieren, um dafür 50.000 Menschen vermeintlich zu retten, deren Restlaufzeit ohnehin angebrochen zu sein scheint, so bedient er die Vernunft, hat aber keine Macht, dies überhaupt offen zu diskutieren.“ Kästner schreibt im „Fabian“ im dritten Kapitel: „Es ist richtig, das Falsche zu tun.“

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Als ich mit den Mailantworten fertig bin, vermittle ich weitere Hilfsangebote an Angelika Pässler aus Dresden. Sie näht seit Tagen zu Hause Schutzmasken. Eine Radebeulerin möchte ihr Stoff bringen, eine Pirnaerin organisiert Gummibänder, denn die Fachgeschäfte sind ja zu. Eine ihrer Nachbarinnen hat ihr sämtliche Restbestände an die Türe gehängt.

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Am späten Vormittag telefoniere ich mit dem Schriftsteller Thomas Rosenlöcher. Das letzte Mal gesehen haben wir uns zu einer gemeinsamen Lesung im vergangenen Dezember. Wir versichern uns gegenseitig, dass es uns den Umständen entsprechend gut gehe. Er habe sich mit seiner Familie in sein Domizil ins Erzgebirge zurückgezogen, sei aber zurzeit nicht in der Lage, kreativ zu arbeiten. „Ich befinde mich in einer Art Wartehaltung“, sagt er. „Alles ist gerade wie weggewischt, alle Aufregungen liegen flach, auch Pegida.“ Plötzlich erscheine so viel so nichtig. Er registriere mit einer gewissen Freude, dass er offenbar in einem gut funktionierenden Staat lebe, der sich bemühe, das Problem in den Griff zu bekommen. „Ich lese seit Tagen Shakespeare, jeden Abend ein halbes Stück. Das beruhigt mich.“

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Am Mittag bringe ich einen Verwandten zum Neustädter Bahnhof in Dresden. Auf dem Parkplatz davor stehen nur drei Autos, die Straßen sind so wenig befahren, wie seit Langem nicht. Zwei der Imbissstände in der Bahnhofshalle sind geschlossen, die zwei Bäcker dagegen geöffnet, genau wie die Buchhandlung, die Türen des Blumenladens sind verriegelt. Draußen warten Taxifahrer vergebens auf Kunden.

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Als ich zurück bin in meinem Homeoffice, nehme ich ein Video auf. Es ist ein Test für eine Lesung aus dem Buch „Der komische Gogelmosch – die Witze der Sachsen“. Gemeinsam mit der Redaktion entwickelten wir die Idee, dass ich auf saechsische.de jeden Tag einen kleinen Ausschnitt lese.

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Am Nachmittag schreibe ich mein Tagebuch, dann muss ich raus. Jeden Tag laufe ich jetzt an der frischen Luft. Mein Frau misst mit ihrem Handy die Schritte, wir schaffen zwischen 10.000 und 11.000. Es ist lange her, dass ich so viel gelaufen bin. Sonst sitze ich gekrümmt vor meinem Computer und spüre mein Kreuz. Heimarbeit kann auch von Nachteil sein.

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Am Abend sehe ich mir bei Netflix den Film „Der Medicus“ an. Die Geschichte beginnt in England im 11. Jahrhundert. Der Held Rob Cole hat eine Gabe: als kleiner Junge fühlt er, dass seine kranke Mutter sterben wird, und muss zusehen, wie sich seine Vorahnung erfüllt. Ein Bader bringt ihm mittelalterliche Heilkunst bei, aber der Junge erkennt deren Grenzen. Er fährt zum Universalgelehrten Ibn Sina, der in Persien Medizin lehrt. Am Ende wird sein Streben nach mehr Wissen belohnt. Eine bildgewaltige Geschichte.

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Wenn Sie Ihre Erlebnisse aus Ihren „Tagen mit Corona“ erzählen wollen, dann schreiben Sie an [email protected].

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer