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Es ist schön in Schönfeld

Von Einsamkeit oder gar Langeweile ist bei Christa Tarkotta nichts zu spüren, obwohl die Kinder weit weg sind.

Von Birgit Ulbricht

Mit 70 hätte sie fast den Führerschein gemacht. „Weil man ja nirgends hinkommt“, sagt Christa Tarkotta. Das war vor vier Jahren. Zur Fahrschule hat sich die Schönfelderin am Ende doch nicht angemeldet. Sie kommt schon irgendwie zurecht auf dem Land. Und wie sie das macht!

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Offene Türen am Zootag
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Am 19. September 2021 können Besucher auch einen Blick in die Futtermeisterei im Zoo Dresden werfen.

Manchmal nehmen sie Verwandte oder Nachbarn mit dem Auto zu Erledigungen in die Stadt mit, meistens radelt sie aber im Ort alles ab. Sie kümmert sich halt: Der Bäcker verkauft auch Milch, Pudding oder Sahne. Der Fleischer hat Eingewecktes, Saueres, Nudeln und Obst. Im Getränkemarkt gibt es Pralinen, und die nette Verkäuferin bringt extra für Kater Felix regelmäßig eine Palette Katzenfutter mit. Nur das mit den Keksen klappt noch nicht, das muss sie unbedingt noch einmal sagen, meint sie beiläufig bei einer Tasse Kaffee.

Christa Tarkotta wohnt seit acht Jahren allein in ihrem Haus, da starb ihr zweiter Mann. Vor zwölf Jahren hatte der Schwiegersohn einen guten Job in Österreich gefunden, das Jahr darauf hatte auch die Tochter eine Arbeit bei den Ösis. Da waren die Kinder für immer weg. Die Enkelkinder (2 und 5 Jahre alt) sind schon echte Österreicher. Und Christa Tarkotta besucht sie. Gerade war sie 14 Tage „unten“, wie sie sagt. Sie zeigt Fotos von aufgeweckten Knirpsen, sie sind ihr ganzer Stolz.

Warum sie nicht zu den Kindern zieht, frage ich? „Ach, das fragen mich auch viele in Schönfeld. Da sei es doch schön. Aber was soll ich denn da?“, antwortet sie. In dem Hochhaus, wo die Kinder wohnen, hat sie inzwischen zwar auch schon Bekannte, die Leute sind nett, unterhalten sich gern, sprechen Fremde direkt an. Aber was, wenn die Kinder vielleicht doch noch einmal umziehen? Und überhaupt. Schließlich haben die jungen Leute ihr eigenes Leben und sie habe ihr Leben – in Schönfeld.

Die zwei Wochen Österreich haben ihre Pläne durcheinandergebracht. Sie muss noch einmal Rasenmähen, auch mit dem Umgraben ist sie vorm Urlaub nicht ganz fertig geworden. Im Herbst gibt es so viel zu tun. Ob sie denn mit dem Rasenmäher immer klarkommt, frage ich vorsichtig. Aber Christa Tarkotta winkt ab: „Ach, ich hab einen Elektrischen, einen Benziner bekäm ich gar nicht an.“ Sie lacht. Das Grundstück ist in Ordnung und sie fühlt sich wohl hier. Auch dabei hat sie Helfer. Die Gärtnerei zum Beispiel, in die sie ihre Gartenabfälle bringen kann. Dafür hat sie eigens ein altes klappriges Rad mit einem Sack an jeder Seite. Man hilft sich im Dorf.

Freilich, im Winter muss sie den ganzen Weg vom Haus bis zur Straße vor frei schieben, zumindest einen schmalen Streifen an der Seite, damit sie mit dem Fahrrad zur Straße vor kommt. Aber soweit ist es noch nicht. Gott sei Dank. Die letzten Sonnentage hat Christa Tarkotta wieder besonders genossen. Der Wein in ihrem Garten ist reif, die letzten wärmenden Strahlen durchfluten die Spätblüte. Es ist schön hier in Schönfeld. Allein ist Frau Tarkotta eigentlich nie. Von Einsamkeit, Nachdenklichkeit oder gar Langeweile ist hier nichts zu spüren. Genau genommen hat Christa Tarkotta sogar einen Kalender, in den sie ihre vielen Termine einträgt. Sport, Seniorennachmittage im Schloss, Geburtstage, Kaffeeplausch mit den Freundinnen, die regelmäßigen Besuche bei der 98-jährigen Mutter im Schönfelder Seniorenheim, bei der Schwester, beim Bruder oder der Nachbarin. So leicht ist Christa Tarkotta nicht anzutreffen. Nur vor den langen Winterabenden graut ihr dann doch ein wenig, wenn der Schnee zu hoch liegt oder draußen Glatteis ist. „Da wird es doch ein bisschen einsam“, meint sie und seufzt.

Im Jahr 1977 zog sie damals mit ihrem ersten Mann in das neue Haus. Ihr sehnlichster Wunsch hatte sich erfüllt. Elf Monate später starb er, da war die Tochter gerade vier Jahre alt und das Grundstück am Haus noch nicht fertig. Schon damals haben die Nachbarn geholfen. Sie haben mit geschippt und geschleppt. Was sollte sonst werden? Viereinhalb Jahre hat Christa Täuber allein Grundstück und Haus in Ordnung gehalten, bevor sie 1982 ihren zweiten Mann kennenlernte. Nun sind es schon wieder acht Jahre allein. Kater Felix ist der Mann im Haus. Was zu werkeln ist, gibt sie in Auftrag. „Ich kenne doch viele Leute, das geht schon.“ Sie ist immer gut mit den Handwerkern ausgekommen, sagt sie. Die wissen, dass ich allein bin, und räumen den Dreck weg. „Da hab ich nie Ärger gehabt.“

Der Hof müsste eigentlich neu gepflastert werden. „Aber das werde ich wohl nicht mehr machen“, überlegt sie . Denn wie alles einmal wird, wer weiß das schon. Solange sie fortkann, wird sie jedenfalls in Schönfeld bleiben, das steht für sie fest. Mit kurzen Ausflügen versteht sich. Denn die lebensfrohe Rentnerin hat Pläne. Nächstes Jahr geht es auf Kreuzfahrt ins Mittelmeer, mit Nachbarn und Freunden. Mit fast 4000 anderen Menschen. Das ist wie Urlaub in der Großstadt. Was sie da alles erleben wird? Christa Tarkotta blättert in den bunten Prospekten und betont, sie werde sich an die anderen halten. Auf alle Fälle hat sie sich eine Außenkabine mit Fenster gewünscht.