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„Es ist schrecklich kalt in Deutschland“

Ein Austauschschüler aus Paraguay verbringt ein paar Wochen im Schöpstal. Und sieht nicht nur Schnee zum ersten Mal.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Jenny Thümmler

Großes Glück kann so klein sein

Hellwach oder im lieblichen Schlummer zeigen sich die süßen Babys. In unserer Themenwelt Stars im Strampler gibt es den Nachwuchs zu sehen.

Es war haarscharf, aber am Ende hat es doch geklappt. Nach wochenlangem Warten hat Kevin Neufeld endlich Schnee kennengelernt. In seiner Heimat Paraguay gibt’s den nicht. Dort fällt das Thermometer niemals unter zehn Grad. Während seines Schüleraustauschs in Deutschland sollte es daher endlich so weit sein – und ausgerechnet jetzt ließ sich Frau Holle bitten. Gastmutter Kathrin Hildebrand hat sich schon amüsiert, wie der 16-Jährige jeden Tag wie ein kleines Kind fragte, wann es endlich schneit. Bis es am Freitag so weit war. Kevin grinst. „Das ist cool.“ Sogar Skifahren war er an seinem ersten Schneetag. „Ich bin dauernd hingefallen. Spaß hat’s trotzdem gemacht.“

Für sechs Wochen war der Paraguayer in Girbigsdorf. Kathrin und Heiko Hildebrand haben ihn als Gasteltern aufgenommen. Und zwar recht spontan. Der Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA) hat Anfang Dezember im Schöpstal angerufen, ob Platz für einen Austauschschüler sei. „Wir haben erst Familienrat gehalten“, erzählt Heiko Hildebrand. Schließlich lag auch Weihnachten in der angefragten Zeit. Sie haben trotzdem zugesagt. Seine Familie reist seit Jahren durch die Welt, war auch schon in Paraguay. Nun also der Besuch andersherum.

Kevin Neufeld spricht perfekt Deutsch. Seine Familie ist deutschstämmig und als Mennoniten Ende der 1920er Jahre wie Tausende weitere nach Paraguay ausgewandert. Bis heute wird in der Familie Deutsch gesprochen. „Auch dadurch wollte ich Deutschland schon lange kennenlernen“, sagt Kevin. „Und es ist sehr schön hier.“ Obwohl er in Paraguays Hauptstadt Asunción mit einer Million Menschen lebt, hat er sich im beschaulichen Schöpstal sofort wohlgefühlt. Er hat Fußball und Tischtennis in den Vereinen gespielt, ist mit dem Fahrrad zum Unterricht ins Curie-Gymnasium in Görlitz gefahren, hat an einem Treffen der Jungen Gemeinde teilgenommen, war mit seinen Gasteltern in der Region unterwegs. „Wir haben uns sehr gefreut, dass so viele Menschen im Dorf ihn offen aufgenommen und zum Mitmachen eingeladen haben“, sagt Kathrin Hildebrand. Und der 16-Jährige hat dabei viel gelernt. Dass hier viel weniger Müll in den Straßengräben liegt. Dass die Lehrer weniger mit den Schülern plaudern, sondern gleich mit dem Unterricht beginnen. Er hat gelacht über die Deutschen, die an roten Fußgängerampeln stehenbleiben, obwohl kein Auto zu sehen ist. „Das gibt’s bei uns gar nicht! Rote Ampeln für Fußgänger!“ Und er hat gefroren. Bitterlich. „Ich habe ja gewusst, dass es hier kalt ist. Aber dass es so schrecklich kalt ist …“ Seine Gasteltern lachen. „Dabei war’s in den vergangenen Wochen gar nicht kalt“, grinst Heiko Hildebrand. Aber zu einer anderen Jahreszeit können die Paraguayer nicht kommen. Sie haben jetzt Sommerferien. Nur dann ist Zeit für zwei Monate im Ausland.

Inhalt des VDA-Austauschprogramms ist es auch, dass die Gasteltern „ihren“ Schüler im hiesigen Sommer zu Hause besuchen. Doch Heiko Hildebrand hat das schon früher getan. Lange geplant war er im Januar für zwei Wochen in Südamerika mit dem Fahrrad unterwegs, auch in Paraguay. Was läge da näher, als Kevins Eltern zu besuchen? „Das war ein richtig schöner Besuch. Wir haben uns unheimlich viel zu erzählen gehabt.“ Mit einer deutschstämmigen Familie gibt es ja keine Sprachbarrieren.

Jetzt ist Kevin noch mit 14 anderen Austauschschülern seiner Heimatschule, die ihre Ferien ebenfalls in Deutschland verbringen, auf Reisen. Zwei Wochen lang fahren sie durch Europa und schauen sich berühmte Städte an wie Amsterdam, Brüssel, Köln, Hamburg – und Görlitz. Dass Görlitz erstmals auf dieser Liste steht, kommt beim VDA von ganz oben, wie eine Sprecherin erklärt. Geschäftsführerin Petra Meßbacher hat früher im Haus Schlesien gearbeitet, einem Kultur- und Bildungszentrum in Königswinter im Siebengebirge, wo es enge Kontakte zu Görlitz gab. Und nun sollen auch die Austauschschüler aus aller Welt die schöne Stadt kennenlernen.

Hildebrands gewöhnen sich derweil wieder an ihr ruhigeres Haus. Trotz gelegentlichen Stresses hat ihnen der ausländische Besuch gefallen. Sie würden es wieder tun. Wie passend, dass Kevin zwei jüngere Geschwister hat, die in den kommenden Jahren auch nach Deutschland wollen …

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