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"Es ist unerträglich, was hier los ist"

Im Dreieck Dresden-Görlitz-Zittau sind in diesem Jahr 13 Mal Züge von umgestürzten Bäumen oder Ästen ausgebremst worden. Die Bahn reagiert, doch ob das reicht?

Von Thomas Mielke
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Am 1. Februar kollidierte ein Trilex auf der Strecke Dresden-Bautzen-Löbau-Görlitz mit einer Baumkrone. Das war nur einer von 13 Fällen auf den Bahnstrecken im Dreieck Dresden-Görlitz-Zittau.
Am 1. Februar kollidierte ein Trilex auf der Strecke Dresden-Bautzen-Löbau-Görlitz mit einer Baumkrone. Das war nur einer von 13 Fällen auf den Bahnstrecken im Dreieck Dresden-Görlitz-Zittau. © LausitzNews/Jens Kaczmarek (Archiv)

Der Trilex-Triebwagen steht immer noch in der Werkstatt. Bei der Kollision mit einem umgekippten Baum am 11. Februar auf der Strecke Zittau-Oberland-Dresden bei Neukirch war das Cockpit zerstört worden.

Der Lokführer hatte sich gerade noch "mit einem Hechtsprung in den Fahrgastraum retten können", wie Trilex-Sprecher Jörg Puchmüller sagt. Trotzdem wurden er und der Schaffner durch den Aufprall leicht verletzt. Der Schaden am Triebwagen beträgt laut Puchmüller "mindestens 500.000 Euro". Der Zug wurde auf freier Strecke evakuiert. Die Trilex-Mutter Länderbahn organisierte den Schienenersatzverkehr mit Bussen. Stundenlang musste die Strecke gesperrt bleiben.

Insgesamt 13 Mal sind laut Puchmüller in diesem Jahr allein auf den Strecken Dresden-Bautzen-Löbau-Görlitz und Dresden-Oberland-Zittau Trilex-Züge mit umgestürzten Bäumen oder herabgefallenen Ästen kollidiert oder von ihnen ausgebremst worden. Vor allem bei Sturm oder starkem Regen. Die Konsequenzen: Sachschäden, Verspätungen, gesperrte Strecken und unzufriedene Fahrgäste.

Das Problem besteht nicht nur auf diesen beiden Strecken, sondern sachsen-, ja sogar deutschlandweit, wie Klaus-Peter Schölzke von der Gewerkschaft Deutscher Lokführer weiß. 60 Prozent der Nebenstrecken sind seinen Angaben zufolge, die sich auf Beobachtungen der Lokführer stützen, zwischen Vogtland und Oberlausitz betroffen. Der Grund: Seit 1994 zählt die Grünpflege der Strecken durch den Betreiber, die Deutsche Bahn, zur Instandhaltung und geht damit voll ins Betriebsergebnis ein. Seit dem tut sie nach Beobachtungen von Experten nur noch das Nötigste und spart. Die Bahn selber hat dieser Sichtweise bereits mehrfach und auch nach dem Vorfall bei Neukirch widersprochen. Eine Bahnsprecherin sagte, dass die Bäume an den Strecken regelmäßig nach gesetzlichen Vorgaben inspiziert und zurückgeschnitten würden. "Grundsätzlich ist der Eigentümer von Waldstücken in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass von seinem Grundstück keine Gefahr ausgeht."

Im schlimmsten Fall geht es um Menschenleben

Gewerkschafter Schölzke sieht das anders. "Es ist unerträglich, was hier los ist", sagte er kürzlich bei einer GDL-Versammlung in Zittau wegen der Vorfälle in Ostsachsen. Inzwischen sei es sogar so, dass die Rettungsleitstellen immer öfter SMS an die Lokführer mit dem Inhalt "Achtung Tiefdruckgebiet, 80 fahren" rausschickten. Und nicht nur das: Manche Lokführer hätten so viel Angst, dass sie bei schlechtem Wetter von sich aus langsamer fahren. Schließlich könnte es bei der Kollision mit einem Baum im schlimmsten Fall um ihr und das Leben ihrer Fahrgäste gehen.

Und nicht nur das. "Erfahrene Pendler, die mit der Bahn in Sachsen unterwegs sind, überlegen schon bei der Vorhersage von Starkwind, ob sie lieber auf das Auto umsteigen sollen", so die Lokführer-Gewerkschaft. Früher hätte die Bahn auf Mitteilungen der Lokführer zu Gefahrenstellen reagiert. „Doch heute tut sich nichts“, so Schölzke. "Das Melden solcher Zustände bleibt ohne jede Wirkung.“ Deshalb fordert die Gewerkschaft, die Bahn wieder zu verstaatlichen. „Wer die Bahnen wieder zu einem verlässlichen Verkehrsmittel machen will, muss beim Netz anfangen.“

Weitere drei Abschnitte sind 2020 vorgesehen

Um das Problem im Dreieck Dresden-Görlitz-Zittau einzudämmen haben sich die Länderbahn, die Deutsche Bahn und der für Ostsachsen zuständige Verkehrsverbund der Kreise Görlitz und Bautzen auf eine separate Inspektionsfahrt begeben. Und tatsächlich reagiert die Bahn. In diesem Jahr hat sie laut Sprecherin Erika Poschke-Frost an fünf Abschnitten der von der Länderbahn befahrenen Strecken die Motorsägen angeschmissen oder will das noch tun. Hinzu kommen drei weitere Abschnitte auf den Strecken Zittau-Görlitz-Cottbus und Zittau-Mittelherwigsdorf-Großschönau. Weitere drei Abschnitte sind 2020 vorgesehen. "Für 2021 und 2022 wurden/werden bereits jetzt Streckensperrungen über mehrere Tage unter anderem für die Abschnitte Zittau–Bischofswerda und Görlitz–Löbau beantragt, um auch Fällungen in Abschnitten durchzuführen, die nur auf der Schiene zu erreichen sind" so die Sprecherin.

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Die Länderbahn sieht die Bemühungen mit Freude. "Insgesamt haben wir den Eindruck, dass in diesem Jahr einiges Mehr an Streckenpflege passiert als in den vorangegangenen Jahren", lobt Sprecher Puchmüller die Bahn. Ob das aber auch reicht, damit solche Vorfälle wie im Februar bei Neukirch nicht wieder passieren? Dazu äußern sich trotz SZ-Anfrage weder die Bahn noch der Verkehrszweckverband. Die Gewerkschaft der Lokführer zweifelt. Und Länderbahn-Sprecher Puchmüller sagt: "Wir werden es beim nächsten Sturm sehen."

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