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Es ist zu viel Geld im Umlauf

Finanzexperten sehen die massive Kreditvergabe an Firmen und Private kritisch. Die Gefahr von Blasen auf den Finanz- und Immobilienmärkten steige.

Nach EZB-Angaben reichten die Banken in der Euro-Zone im Juli sieben Prozent mehr Kredite an Unternehmen aus als vor Jahresfrist.
Nach EZB-Angaben reichten die Banken in der Euro-Zone im Juli sieben Prozent mehr Kredite an Unternehmen aus als vor Jahresfrist. © Monika Skolimowska/dpa

Es ist ein Indikator, auf den in der Regel nur Volkswirte und Notenbank-Beobachter schauen. Aber jetzt wird die Geldmenge M3, die die Europäische Zentralbank (EZB) monatlich veröffentlich, generell interessant – in negativer Hinsicht. „Die Geldmenge ist wieder ein Thema und eine Gefahr“, sagt Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank. Erstmals seit Mai 2008 ist M3, die Bargeld, Guthaben auf Girokonten und andere Bankeinlagen umfasst, im Juli mit einer zweistelligen Rate gestiegen, um 10,2 Prozent und damit stärker als Experten erwartet hatten. An den Finanz- und Immobilienmärkten drohten „gefährliche Blasen“. Hintergrund ist die in der Corona-Krise massiv gestiegene Nachfrage von Staaten, aber auch von Unternehmen und Verbrauchern nach Krediten, vor allem aber die EZB selbst, die der Entwicklung Vorschub leiste. „Es gelangt zu viel Geld in Umlauf“, sagt Krämer. „Das dürfte die Vermögenspreise steigen lassen.“ Inflationsgefahren sieht der Ökonom allerdings vorerst nicht.

Nach Angaben der EZB reichten die Banken in der Euro-Zone im Juli sieben Prozent mehr Kredite an Unternehmen aus als vor Jahresfrist. Zwar ist der Anstieg etwas geringer als ein Monat zuvor. Er bleibt aber insgesamt so hoch wie seit elf Jahren nicht mehr. Verbrauchern gewährten die Institute drei Prozent mehr Kredite als im Juli 2019. Nach Ansicht von Fritzi Köhler-Geib, Chef-Ökonomin der staatlichen Förderbank KfW, bleiben die Kredite bedeutsam und wesentlich, um Unternehmen die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs zu ermöglichen. „Für die Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung ist das enorm wichtig, das kommt allerdings mit Nebenwirkungen“, sagt auch sie. Allerdings sieht sie Probleme in anderer Richtung als Krämer. Die Schulden der Unternehmen nähmen durch die steigenden Kredite weiter zu. „Damit sinkt ihr finanzieller Spielraum für Investitionen und Innovationen in der Zukunft“.

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Die EZB ist verantwortlich

Verantwortlich für die rasant steigende Geldmenge und damit zunehmende Gefahr von Blasen an den Finanzmärkten ist nach Ansicht von Krämer und anderen Experten vor allem auch die EZB selbst – mit ihren Billionenschweren Anleihekaufprogrammen und der Möglichkeit für Banken, sich bei der Notenbank zu Minuszinsen Geld zu beschaffen. Die EZB zahlt bis zu ein Prozent Zinsen, wenn die Institute bei ihr Kredite aufnehmen. Mit den Maßnahmen versucht sie, die Folgen der Corona-Pandemie zu bekämpfen, die Belastungen für die Euro-Staaten zu reduzieren und die Kreditvergabe der Banken anzukurbeln.

Mit ihren Corona-Programmen kaufen die europäischen Währungshüter zusätzlich Anleihen im Volumen von 1,35 Billionen Euro. „Ein guter Teil landet direkt oder auf Umwegen auf den Bankkonten der Bürger und Unternehmen und bläht die Geldmenge auf“, sagt Krämer. Die Notenbank kaufe Versicherungen, Pensionsfonds und anderen Großanlegern wie Banken Staatsanleihen der Euro-Länder ab. Banken verleite das dazu, selbst in großem Stil Anleihen zu kaufen, um sie dann an die EZB weiterzureichen. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie seien die direkten und indirekten Käufe von Staatsanleihen vier Mal so wichtig für die Beschleunigung des Geldmengenwachstums wie Kredite von Banken an Unternehmen.

Inflation droht vorerst nicht

Unproblematisch wäre die Entwicklung nach Ansicht von Krämer nur dann, wenn die Euro-Staaten und auch Unternehmen sich nur vorübergehend verschulden würden. Das aber sei vorerst nicht zu erwarten, unter anderem auch deshalb, weil es in den meisten Euro-Staaten keine Schuldenbremse gibt wie in Deutschland.

Immerhin droht, so der Chef-Ökonom der Commerzbank, trotz der aufgeblähten und sich weiter aufblähenden Geldmenge vorerst keine Inflation, zumindest in den nächsten zwei bis drei Jahren. Grund: Der hohe Anstieg der Arbeitslosigkeit halte die Arbeitskosten niedrig.

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