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„Es kann überall passieren“

Heute endet im Copitzer Berufsschulzentrum die Ausstellung „Opfer rechter Gewalt“. Sie hat den betroffenen Menschen ein Gesicht gegeben.

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Von Katarina Lange

Mit großen Augen betrachten die Schüler die Plakate. Eine unheimliche Stille breitet sich in der Halle aus. Niemand traut sich, etwas zu sagen. Zu groß ist der Schock über das, was sie gerade lesen und sehen. Auf den großen, blau-weißen Postern ist das Schicksal von 131 Menschen dokumentiert, die zwischen 1990 und 2004 deutschlandweit Opfer rechter Gewalt wurden.

„Ich bekomme eine richtige Gänsehaut, wenn ich mir die Gesichter ansehe“, flüstert die zwölfjährige Julia. Zusammen mit den anderen Schülern der 6. Klasse des Copitzer Herder-Gymnasiums schaute sie sich gestern die Wanderausstellung „Opfer rechter Gewalt“ der Opferberatung Dresden im Copitzer Berufsschulzentrum für Technik an. „Ich kann nicht glauben, wie brutal man sein kann“, sagt auch die zwölfjährige Janine. Als sie liest, wie grausam Jugendliche, Obdachlose, Ausländer, ja sogar Kinder von Skinheads und Rechtsextremen misshandelt, gequält und umgebracht wurden, läuft es ihr eiskalt den Rücken hinunter.

„Wir wollen damit vor allem Jugendliche für das Thema Rechtsextremismus sensibilisieren“, sagt Marianne Thum von der Dresdner Opferberatung. Vorurteile gegenüber Ausländern und Menschen mit einer anderen Hautfarbe würden sich schon im Kindesalter festsetzen. „Deshalb kann man mit der Aufklärungsarbeit nicht früh genug anfangen“, erklärt die 49-Jährige.

Diese Meinung vertritt auch Dagmar Mühle. Für die Ethiklehrerin am Copitzer Gymnasium kam die Ausstellung deshalb gerade richtig. Eine Schülerin hat sie mit einem Flyer darauf aufmerksam gemacht. „Da wir das Thema Vorurteile im Unterricht ausführlich behandeln, bot sich die Gelegenheit mehr als an“, sagt Dagmar Mühle.

Wie offen die jungen Schüler über das Thema Rechtsextremismus sprechen, überraschte dabei sogar Sozialarbeiterin Marianne Thum. „Es ist einfach irre, wie interessiert die Kinder sind und wie viele Fragen ihnen zu dem Thema auf den Nägeln brennen“, erzählt sie begeistert.

Ihren Wissensdurst zu den Hintergründen der Ausstellung konnten die Schüler nach dem Besuch der Schau stillen. Kaum war eine Frage von Marianne Thum und Juristin Ina Gorpe beantwortet, schossen gleich die nächsten Hände in die Luft. „Aus welchem Grund werden überhaupt Menschen zusammengeschlagen?“, war eine der vielen Fragen. „Einen richtigen Grund gibt es meist nicht. Allein der Hass treibt die Rechtsextremen zu solchen Straftaten“, versucht Ina Gorpe zu erklären. Der Hass richte sich dabei gegen verschiedene Gruppen wie Punker, Farbige, Lesben und Schwule sowie Behinderte und Obdachlose.

Dass nicht alle Schüler so tolerant und unbefangen mit diesem Thema umgehen, erlebten die Mitarbeiterinnen der Dresdner Opferberatung erst kürzlich. Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung spielte ein afrikanischer Musiker vor dem Berufschulzentrum ein Lied aus seiner Heimat Ghana. „Während des Stückes flogen auf einmal zerknülltes Papier und Obst aus einem Klassenzimmer auf den Schulhof“, erinnert sich Marianne Thum. Schulleiter Manfred Weiß fackelte nach dem Vorfall nicht lange. Er zog die Jugendlichen sofort zur Verantwortung.

„Mit solchen Vorkommnissen haben wir leider tagtäglich zu tun“, sagt die 49-Jährige. Wichtig ist ihr dabei, dass Menschen nicht wegschauen, sondern Hilfe organisieren. „Man soll sich aber nie selbst in Gefahr bringen und den Helden spielen, sondern einfach zum Telefon greifen und die Polizei informieren“, rät Marianne Thum, „denn es kann überall passieren.“