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„Es macht mich fassungslos, dass so viele die AfD wählen“

Der bekannte Tenor Björn Casapietra kommt nach Bautzen – mit Himmelsliedern und einer klaren Botschaft.

Der Tenor Björn Casapietra tritt am 15. September im Sorbischen Museum in Bautzen auf.
Der Tenor Björn Casapietra tritt am 15. September im Sorbischen Museum in Bautzen auf. © PR

Bautzen. Mit seiner Musik will Tenor Björn Casapietra Herz und Seele berühren. Neben seiner großen Stimme bringt der Berliner aber auch eine klare Botschaft mit. Am 15. September ist er in Bautzen zu erleben. Die SZ sprach mit dem Sänger über das Ende der DDR, Familiengeschichte und politische Liedermacher.

Herr Casapietra, Ihr Programm heißt „Hallelujah - Die schönsten Himmelslieder“. Wann haben Sie sich zum letzten Mal wie im Himmel gefühlt?

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Eigentlich fühle ich mich gerade wie im Himmel, denn ich bin glücklich einen neuen Fokus jenseits meiner Programme mit Liebesliedern gefunden zu haben. Dabei geht der Blick über geistliche Musik – wie dem „Ave Maria“ von Schubert – hinaus. Das Konzert spannt einen Bogen von der klassisch-geistlichen zur weltlichen Musik. Zu hören ist „Imagine“ von John Lennon, die heimliche irische Nationalhymne „Danny Boy“ oder „Tears in Heaven“. Und selbstverständlich fehlt nicht „Hallelujah“ von Leonard Cohen oder Brahms „Guten Abend, gute Nacht“.

Warum ist Ihnen dieses „Himmels“-Programm so wichtig?

Musik muss Herz und Seele berühren sowie Hoffnung und Zuversicht unter die Menschen bringen, besonders in unruhigen Zeiten. Meine Konzerte möchte ich als Transportmittel für Humanismus, Menschlichkeit, Liebe und Güte nutzen.

Sie sprechen von „unruhigen Zeiten“, bekannt sind Sie inzwischen auch wegen ihrer klaren Haltung gegen rechts. Sie könnten als Unterhaltungskünstler auch nur unterhalten.

Ja, ich bin Unterhaltungskünstler, aber wir leben in wirren Zeiten: Ein 13-Jähriger sitzt im Weißen Haus, Putin geht als Autokrat gegen Andersdenkende vor, Salvini hat in Italien Chaos angerichtet. Als Mensch auf der Bühne habe ich die Pflicht, mich für Demokratie einzusetzen. Natürlich nicht allein. Ich weiß, mein Publikum kommt, um sich von meinen Liedern berühren zu lassen. Einen politischen Liedermacher wie Konstantin Wecker kann ich nicht geben.

Lassen Sie uns trotzdem weiter über Politik sprechen. Ihr Auftritt in Bautzen ist zwei Wochen nach der Landtagswahl, bei der die AfD fast ein Drittel aller Wählerstimmen holte.

Ich muss sagen: Es macht mich fassungslos, dass so viele die AfD wählen, zumal ich nicht erkennen kann, dass in der Geschichte eine rechte oder rechtsextreme Partei auf der Welt irgendetwas Gutes für das Land oder die Bevölkerung getan hat. Nun sind wir noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. „Wir“ kann ich sagen, weil ich selbst halber Sachse bin. Mein Vater Herbert Kegel war Chef der Dresdner Philharmonie und gehörte zu den bedeutendsten Orchesterleitern der DDR.

Aber haben Sie eine Erklärung für die vielen AfD-Wähler?

Das ist meiner Meinung nach das Erbe der Diktatur und der Wirtschaftspolitik der DDR. Wenn man 40 Jahre eine Wirtschaft gegen die Wand fährt, lässt sie sich nicht in 30 Jahren wiederaufbauen. Wenn ich ein Unternehmen gründen würde, würde ich nach Baden-Württemberg oder Bayern gehen mit einer ganz anderen Infrastruktur als im Osten. Bei meinen Tourneen komme ich viel herum, Orte, wie Wurzen oder Meißen sind herausgeputzt, auch mithilfe des Solizuschlags. Die jungen Menschen sind gegangen, geblieben sind die Älteren, die nichts zu tun haben. Das ist tatsächlich ein Riesenproblem. Dazu kommen oft Ignoranz, Selbstgerechtigkeit und Dummheit.

Meinen Sie, jedem in ihrem Publikum gefällt diese Haltung?

Wissen Sie, ich bin in der DDR aufgewachsen, habe hier die Schule besucht, bin bei den Demos 1989 vor der Volkskammer mitgelaufen und habe gerufen „Wir sind das Volk“. Erinnern wir uns noch, wie das Land 1945 aussah? Wir haben es aus einer einmaligen Katastrophe wiederaufgebaut, und nach der Wende haben wir doch schon viel erreicht. Das alles können wir uns doch nicht kaputtmachen lassen und Nazis und Rechte wählen – egal, in welchen Kostüm sie daherkommen. Ich wünschte mir mehr Fantasie und Zukunftsorientierung. Stattdessen schauen zu viele in die Vergangenheit – die einen in die DDR und die anderen noch weiter nach hinten. Deshalb bekommt mein Publikum gute Musik, Augenzwinkern, Ironie und auch die Botschaft, wie gut es uns eigentlich geht.

Nicht viele ihrer Kollegen aus der Unterhaltung äußern sich so politisch.

Dabei sollten es mehr machen. Es gibt zu wenige Künstler, die sich offen äußern, vor allem unter den Ost-Stars. Udo Lindenberg dagegen ist mein Held. Er hat schon immer Position bezogen, dafür schätze ich ihn.

Das Publikum darf sich also auf ein himmlisches und nachdenkliches Konzert freuen?

Ich möchte Bautzen erobern, denn ich habe noch eine Rechnung offen. Seit einem Gastspiel vor vielen Jahren bin ich ein anderer Sänger geworden. Damals habe ich geahnt, wie man singen muss, heute weiß ich es. Meine Konzerte gebe ich, um Menschen und um mich selbst glücklich zu machen.

Das Konzert „Hallelujah – Die schönsten Himmelslieder“ findet am Sonntag, dem 15. September, 16 Uhr, im Sorbischen Museum statt. Tickets für 34,35 Euro (Kinder 17.85 Euro) gibt’s auch im SZ-Treffpunkt, Lauengraben 18.

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