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Es war einmal eine große Bücherstadt ...

Leipzig ist nur noch in der Messe-Woche Deutschlands Zentrum des gedruckten Wortes.

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© dpa

Von Sven Heitkamp

2.070 Aussteller, Lesungen mit 2900 Autoren an 365 Veranstaltungsorten, mindestens 160.000 Besucher: Mit neuen Superlativen ist Leipzig diese Woche abermals der Nabel der deutschsprachigen literarischen Welt. Doch von der einstigen Buchstadt, die in vielen Köpfen ungebrochen weiterlebt, ist fast nichts geblieben. Nahezu alle großen Verlage, die im 19. Jahrhundert den Ruf der Stadt begründeten, dazu Druckereien, Logistiker und ihre Zulieferer sind verschwunden. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) räumte zur Buchpreisverleihung im Gewandhaus ein: An den alten Glanz würden vor allem noch Straßennamen wie Reclam-, Brockhaus- oder Inselstraße erinnern. Doch es gebe auch neue Lichtblicke.

Thomas Keiderling, Buchwissenschaftler und Autor, sagt: „Der Begriff Buchstadt Leipzig hat heute keine reale Entsprechung mehr. Passender wäre, von der Buchmessestadt oder der Verlagsstadt zu sprechen.“ Erst vor zwei Wochen musste die Stadt einen neuerlichen Verlust hinnehmen. Das Traditionshaus „Messedruck“, 1906 als „graphische Druckanstalt“ gegründet und 1972 in Volkseigentum umgewandelt, schaltete am 28. Februar die letzten Druckmaschinen aus – insolvent. Mit ihr stirbt im Mai die Kunst- und Verlagsbuchbinderei KuVe. Insider machen für das Aus zwar vor allem Managementfehler und nicht mangelnde Rentabilität verantwortlich – doch Leipzig gehen damit erneut 100 Arbeitsplätze und angesehene Unternehmen verloren. Es sind weitere Dominosteine, nachdem schon viele andere gefallen sind: Zuletzt hatte 2010 der renommierte Inselverlag – 1901 in Leipzig gegründet – seine dortige Niederlassung aufgegeben. Zuvor schloss der hoch angesehene Brockhaus-Lexikonverlag nach mehr als 200 Jahren seinen Leipziger Standort. Große, namhafte Verlage mit nationaler Ausstrahlung sind außer dem Klett-Kinderbuchverlag heute nicht mehr zu finden. Kaum eine Handvoll Traditionshäuser wie die Musikverlage „Breitkopf und Härtel“ sowie „Edition Peters“ oder der Kunst- und Kulturspezialist „Seemann Hentschel“ sind noch präsent. Neu hinzu kamen indes Nachwende-Gründungen wie die Connewitzer Verlagsbuchhandlung sowie Faber & Faber.

Claudius Nießen, Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts und der Literaturagentur „ClaraPark“, ist dennoch optimistisch. Leipzig sei eine „ungekrönte Königin“ des literarischen Lebens, sagt er. Neben dem Literaturinstitut seien die Hochschule für Grafik und Buchkunst und die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur wie auch die Lese-Festivals überregional bekannte Brutstätten für den Nachwuchs der Buchherstellung. „Wenn sie irgendwo in Deutschland sagen, dass sie aus Leipzig kommen, gehen ihnen Türen auf“, sagt Nießen. In der Stadt herrsche ein Gefühl des „Hier geht was!“.

Die Großen sitzen aber woanders

Dafür sprechen innovative Verlags-Neugründungen für junge Literatur, moderne Lyrik und Subkultur, wie der „Poetenladen“, der auf gesprochenes Wort spezialisierte Newcomer „Voland und Quist“ und seit 2011 der „Open House Verlag“. Auch beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, 1825 in Leipzig gegründet, will man das Totenglöckchen nicht hören. „Es gibt Hoffnungsschimmer“, sagt Geschäftsführerin Regine Lemke. Sie sitzt im „Haus des Buches“ und spricht in Zahlen: 97 Verlage gibt es wieder in Leipzig, zur Wende waren es nur 32. In der bundesweiten Rangliste der Titelproduktion habe sich Leipzig mit 929 Neuheiten wieder auf Platz elf zwischen Bielefeld und Göttingen hochgearbeitet, 1991 war es nur Platz 30. Die ganz Großen der Branche sitzen aber in Berlin und München, Hamburg, Stuttgart, Köln und Frankfurt. Wenn ein Leipziger Karriere macht, wie Clemens Meyer, landet er bei den großen Häusern im Westen.

Das war einmal anders. Spätestens um 1800 dreht Leipzig das große Rad. Die Messestadt entwickelt sich zum Hauptumschlagplatz des Buchgewerbes. Fast jede Büchersendung geht über diese Drehscheibe. Mehr als 1.000 Firmen des herstellenden und vertreibenden Buchhandels, der polygrafischen Industrie, Verlags-Legenden wie Baedeker, Brockhaus, Insel, Kiepenheuer, Reclam, dazu Druckmaschinen-Bauer und Buchbindereien sind in der international bekannten „city of books“ zu finden. Zwischenzeitlich ist jeder zehnte Einwohner in der Branche tätig. 1912 entsteht zudem die Deutsche Bücherei. Doch schon im Ersten Weltkrieg beginnt der Niedergang. Er wird bitter beschleunigt durch die Bombennächte vom Dezember 1943, als das „Graphische Viertel“ östlich des Augustusplatzes, in dem sich ein Großteil der Firmen konzentrierte, zerstört wird. Eine weitere Zäsur setzt die Verstaatlichung des Kommissions- und Großbuchhandels 1952: Die Monopolisierung im Großbetrieb LKG bedeutet die Abschaffung des 150 Jahre alten Handelsplatzes. „Das Kernstück der Buchstadt war verschwunden“, sagt Thomas Keiderling, der „Aufstieg und Niedergang der Buchstadt Leipzig“ voriges Jahr minutiös beschrieben hat. Auch die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung tragen das Ihre zum Verfall bei: Im Juni 1945 fährt die US-Armee einen ganzen Bus leitender Verlagsleute in den Westen, die folgende Abwanderung von mehr als 360 Verlagen bedeutet den größten Exodus einer Verlags- und Druckstadt. 1990 dann werden tonnenweise ideologisch geprägte, unverkäufliche Bücher im Tagebau verklappt. „Der Titel Buchstadt“, sagt Privatdozent Keiderling, „war schon seit DDR-Zeiten propagandistische Überhöhung.“