merken
PLUS

„Es wird bald kein Zeitzeuge mehr da sein“

Doktor Rolf Haberland leitete im Klinikum 30 Jahre lang die Kinderabteilung. Heute arbeitet er die Vergangenheit auf.

Von Manfred Müller

„Was wissen Sie über das Lager Mühlberg?“, fragt Rolf Haberland. Ein ungewöhnlicher Einstieg in ein Gespräch, bei dem es eigentlich um sein Wirken als Kinderarzt in Riesa gehen soll. Aber das Thema ist ihm wichtig. Zwei Jahre seines Lebens war der heute 85-Jährige in Mühlberg inhaftiert. Mit 16 verdächtigt, Angehöriger der Organisation „Werwolf“ gewesen zu sein, hatte ihn die sowjetische Besatzungsmacht ohne Gerichtsurteil weggesperrt. Zusammen mit Lehrern, Schülern, Handwerkern, Mitgliedern der NSDAP, die oft durch Denunziation oder vage Anschuldigungen ins Lager gekommen waren. „Es reichte damals, jung zum Volkssturm eingezogen worden zu sein“, sagt der geborene Mittweidaer. „Da wurden auch alte Rechnungen beglichen!“

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Rolf Haberland hatte Glück im Unglück. Er wurde 1947 entlassen. Viele andere überlebten das Lager nicht. Jeder Dritte der etwa 21 000 Inhaftierten starb, geschwächt von Hunger und Krankheiten. Sie wurden in Massengräbern verscharrt. Andere wurden in die Sowjetunion gebracht und arbeiteten als Kriegsgefangene im Gulagsystem. Die meisten seien in dem Maße „schuldig“ gewesen wie er selbst, sagt Rolf Haberland. Ihr Verbrechen: Nicht gegen das Dritte Reich opponiert, sondern in ihm gelebt zu haben. Haberland arbeitet noch heute in der „Initiativgruppe Lager Mühlberg“ mit, die das Schicksal der Gefangenen erforscht. Allein aus Riesa seien 62 Bürger in Mühlberg inhaftiert gewesen, zwölf von ihnen dort verstorben. „Wenn wir dieses Kapitel nicht bald aufarbeiten, wird kein Zeitzeuge mehr da sein!“

Bekannt ist Dr. Rolf Haberland aber aus einem anderen Grund. 30 Jahre lang leitete er die Kinderabteilung des Krankenhauses der Stadt. Viele Elbestädter sind in jungen Jahren von ihm und seinem Ärzte- und Schwesternteam betreut und geheilt worden. Haberlands Verdienst: Er hat die Abteilung in den frühen 1960er Jahren initiiert und mit aufgebaut. „Die Riesaer Bevölkerung wuchs damals durch die Erweiterung der Großbetriebe sehr stark“, erinnert er sich. „Es gab viele Kinder, und mir wurde klar, dass unser Krankenhaus eine Kinderabteilung braucht.“ Im schwerfälligen Staatsplan-System der DDR waren aber keine Bilanzen für ein solches Projekt vorgesehen. Deshalb wandte sich der Mediziner an die Betriebe und Institutionen der Stadt und fand Gehör. Ob Stahlwerk, Reifenwerk, BMK, Aropharmwerk, Armee oder Polizei – alle unterstützten den Aufbau der Kinderabteilung finanziell oder mit Baukapazitäten und ehrenamtlichen Arbeitseinsätzen. Auch die Ehemänner der Schwestern legten mit Hand an, sodass nach zweijähriger Bauzeit eine Säuglings- und eine Kinderstation eröffnet werden konnten. „Wir verfügten damals schon über eine zentrale Sauerstoffanlage, von der andere Kliniken nur träumten“, blickt Rolf Haberland zurück. Mit dem ersten Neubau des Kreiskrankenhauses 1973 kam sogar noch eine Kinderinfektionsstation dazu.

Es war jedoch nicht nur die materielle Ausstattung, die die Riesaer Kinderabteilung von anderen Krankenhäusern abhob. Bereits um das Jahr 1968 herum entschied man sich hier, die Betreuung der Neugeborenen in die Hände von Kinderärzten zu legen. Bei jeder Risikogeburt stand nun ein Kinderarzt mit im Kreißsaal, der das Neugeborene sofort übernahm. Die klinische Tätigkeit wurde ergänzt durch die Mitarbeit im ambulanten Vorsorgesystem, bei Mütterberatungen, durch Untersuchungen in Kindereinrichtungen und durch die ambulante Betreuung von akut kranken Kindern auch im Krankenhaus rund um die Uhr. Vorsorgesprechstunden für Kinder mit Diabetes, mit Nierenerkrankungen, mit Herzerkrankungen sowie für Neu- und Frühgeborene und entwicklungsbedrohte Kinder entstanden. Aus letzterer entwickelte sich Anfang der 90er Jahre das Sozial-Pädiatrische Zentrum. Insgesamt hat Rolf Haberland während seiner aktiven Zeit 26 Kinderärzte zum Facharztabschluss geführt.

Im Jahr 1990 wählten die Riesaer Rolf Haberland in die Stadtverordnetenversammlung, nachdem er sich sowohl im „Friedensgebet“ als auch in den Bürgerforen und später der CDU engagiert hatte. „Da ging es oft heiß her“, erinnert er sich. Dass kommunale Gesellschaften wie die Stadtwerke und die Wohnungsgesellschaft letztlich ohne Privatbeteiligung aus dem Boden gestampft wurden, sieht Haberland noch heute als große Errungenschaft der Riesaer Kommunalpolitik. Über die aktuellen Entwicklungen in der Stadt will sich der Senior nicht äußern. Da habe er keinen Einblick mehr, sagt Rolf Haberland. Aber er könne verstehen, dass die Kommune, wenn kein Geld in der Kasse sei, auch mal kürzer treten muss.