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"Es würde mich reizen"

Seit Freitag ist Wolfgang Berghofer als SPD-Kandidat für die Dresdner Oberbürgermeisterwahl im Gespräch. SZ sprach gestern mit dem früheren SED-Stadtoberhaupt.Hat Sie die SPD überhaupt schon mal gefragt? Nein.

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Seit Freitag ist Wolfgang Berghofer als SPD-Kandidat für die Dresdner Oberbürgermeisterwahl im Gespräch. SZ sprach gestern mit dem früheren SED-Stadtoberhaupt.
Hat Sie die SPD überhaupt schon mal gefragt? Nein. Mit mir hat niemand geredet.
Wissen Sie, ob es einmal erwogen wurde? Möglicherweise. Aber nicht mit mir.
Und wenn man Sie fragte? Zunächst bin ich den Medien dankbar, denn sie sorgen ja mit Bezugnahme auf viele Leute für meine demokratische Legitimation. Und wer mein Verhältnis zu Dresden kennt, der weiß, dass ein solcher Vorschlag für mich großen Charme ausstrahlt - was nicht heißen soll, dass ich ihn für realisierbar halte.
Warum nicht? Bei allen Fortschritten in Dresden ist noch gewaltig viel zu tun, und der Stadtvater sollte doch den Rücken frei haben für die Zukunft und nicht Dreiviertel seiner Arbeitszeit mit Vergangenheitsbewältigung vertun. Das wäre in meinem Falle mit Sicherheit zu erwarten.
Es würde Sie aber reizen... Ja, es würde mich reizen. Kommunalpolitik unter den neuen Bedingungen bietet ungeheure Gestaltungsmöglichkeiten. Die hatte ich leider nicht.
Was wäre, wenn der Vorschlag nicht von einer Partei käme, sondern von einer Bürgerinitiative? Wenn das Amt zum Manne käme, könnte man darüber nachdenken.
Was heißt das? Wenn die Bürgerinitiative groß genug und überparteilich wäre, denn Kommunalpolitik muss nach meiner Auffassung überparteilich sein.
Was heißt groß genug? Das lässt sich nicht quantifizieren. Im übrigen ist alles nur Spekulation, denn eine solche Initiative gibt es nicht. Was nichts daran ändert, dass mich immer wieder Dresdner wegen dieser Frage ansprechen. Das muss ja Ursachen haben, die entweder an der Qualität der jetzigen Stadtführung liegen oder an einer gewissen Nostalgie.
1994 wollte die PDS Sie für eine Kandidatur werben. Warum haben Sie Nein gesagt? Ich bin im Januar 1990 aus der PDS ausgetreten mit einer sehr grundsätzlichen Erklärung, an der sich bis heute nichts geändert hat. Im Gegenteil, das Leben hat mir in den letzten Wochen ja Recht gegeben.
Kritiker werfen Ihnen vor, Sie hätten keine Erfahrung mit demokratischer Kommunalpolitik. Ich bin seit Beginn meiner wirtschaftlichen Tätigkeit auch mit kommunalen Investitionen beschäftigt, die dabei gesammelten Erfahrungen wünsche ich jedem Bürgermeister. Und wenn jemand weiß, was Diktatur bedeutet, dann bin ich das. Ich sehe mich heute als Bürger der Bundesrepublik Deutschland auf demokratischen Positionen.
Trotzdem sehen viele in Ihnen einen Mann der Vergangenheit. Sie waren Stasi-IM, wurden wegen Wahlfälschung verurteilt. Ich habe mich auch in der DDR nicht als Gestriger gefühlt, sondern als Reformer, der viel riskiert hat. Zu der MfS-Tätigkeit: Ich wurde 1971 als Mitarbeiter des FDJ-Zentralrates in einem Sommerlager mit westdeutschen Jugendlichen angesprochen, ein Papier zu unterschreiben, in der ich meine Bereitschaft erklärte, zum Schutze der DDR mit dem MfS zusammenzuarbeiten. Berichte über Bekannte und Mitarbeiter zu verfassen habe ich aber rigoros abgelehnt. Nach einem langem Streit beendete die Hauptabteilung XX am 3. 12. 81 die Zusammenarbeit. Nach der Wende konnte ich im MfS-Abschlussbericht nachlesen: "Er wich jeder konkreten Berichterstattung aus. Er hat versucht, das MfS zu täuschen." Wer die MfS-Praxis kennt, kann beurteilen, wieviel Auseinandersetzung sich hinter dieser Feststellung verbirgt. Und zu der Wahlfälschung: Wahlen im demokratischen Selbstverständnis gab es in der DDR nicht. Wahlen wurden immer gefälscht. Ich habe 1989 versucht, die Fälschung zu verhindern, wie aus den Prozessakten hervorgeht. Aber ich konnte mich nicht durchsetzen.
Das Gespräch führten Jörg Marschner und Steffen Klameth.

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