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Deutschland & Welt

ESC in Tel Aviv - trotz Raketengefahr 

Am Samstag findet der Eurovision Song Contest in Israel statt. Fans sind bisher wenig angereist. Liegt es an den hohen Preisen?

© dpa

Von Susanne Knaul 

Sommer, Sonne, Meer und Partys. Tel Aviv ist wie geschaffen als Austragungsort für den Eurovision Song Contest (ESC). Längs der Küste wird letzte Hand angelegt an einer riesigen Bühne für Open-Air-Konzerte und die Stände des Tel Aviver Food-Festivals gleich nebenan. 100 Prozent vegane Burger werden dort serviert, Dim Sum, tunesische Spezialitäten und Bier aus Bayern. Nichts gibt es, was es nicht gibt. Ein Fress-Spektakel für die Gäste aus aller Welt.

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„Lundvik“, rufen vier Freunde aus Schweden wie aus einem Munde auf die Frage, wer wohl Gewinner wird. Der schwedische Sänger John Lundvik gilt als aussichtsreicher Kandidat für den ersten Platz. Die vier Freunde sitzen mit nackten Oberkörpern beim Cocktail am Strand und genießen das schöne Wetter mit Temperaturen um 25 Grad. „Teuer ist es hier“, sagt der 48-jährige Magnus Delien und will nicht darüber nachdenken, wann er als erkennbarer Tourist noch mehr bezahlen muss als die Einheimischen. Umgerechnet 20 Euro soll ein Fallafelbäcker einem ausländischen Kunden für ein mit Salat, Humus und Falaffelbällchen gefülltes Pitabrot abgeknöpft haben, das sonst nur vier Euro kostet. Willkommen im Nahen Osten.

Kurz vor den zwei Halbfinals sind die Karten noch lange nicht ausverkauft. Ab 100 Euro kostet der Eintritt. Wer das Finale in den Expo-Messehallen im Norden Tel Avivs, miterleben will, muss sogar umgerechnet 500 Euro auf den Tisch legen. Selbst für die Eurovisions-begeisterten Israelis ist das ein zu hoher Preis. „Wir gehen sicher nicht hin“, sagen die Mittdreißigerinnen Jael und Ruth, zwei miteinander verheiratete Frauen aus Tel Aviv, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen wollen. Gefreut haben sich die beiden, als Netta Barzilai im letzten Jahr mit ihrem Song „Toy“ den ECS gewann. „Für Israel war das ein toller Erfolg“, sagt Jael, sie aber mag die Musik nicht so besonders und „den Glitter" der Veranstaltung.

„Trau dich zu träumen“, so lautet das Motto des diesjährigen ESC, der über Drohungen palästinensischer Islamistischen beinah ins Wasser gefallen wäre. Kaum zwei Wochen vor dem großen Finale fochten Israel und die Hamas in Gaza noch einen Minikrieg miteinander aus. Sollte sich Israel nicht an die Abmachungen des Waffenstillstands halten, so drohte die Hamas anschließend, werde „der (palästinensische) Widerstand“ Israel um „kommende Vergnügungen, wie den ESC berauben“. Höchste Alarmstufe gilt für die Armee vor allem am 15. Mai, an dem die Palästinenser der „Nakba“, dem Beginn der Flüchtlingskatastrophe vor 71 Jahren gedenken.

Sven Skaltelyvare, einer der vier schwedischen Freunde am Strand von Tel Aviv, will sich von den Drohungen nicht beirren lassen. „Wir kommen aus Malmö“, sagt der 45-jährige, damit seien sie Nachfahren der Wikinger und „kennen keine Angst“. Die österreichische Sängerin Paenda, die mit ihrem Titel „Limits“ dabei ist, macht sich ebenso wenig Gedanken um ihre Sicherheit. „Ich bin kein ängstlicher Mensch“, sagt die sympathische Musikerin, die mit bürgerlichem Namen Gabriela Horn heißt. Sie habe sich vor ihrer Reise über die Lage informiert und sei außerdem über Verhaltensmaßnahmen bei Raketenalarm instruiert wurde. Tel Aviv hätte sie sich „nicht entgehen lassen wollen“. Die „tolle, weltoffen und multikulturellen“ Stadt habe sie so wenig enttäuscht wie die Israelis, die sie „sehr liebe und intelligente Menschen“ empfindet.

Paenda war „vor allem über die sozialen Netzwerke unter Druck gesetzt“ worden, nicht nach Israel zu reisen. Die von Palästinensern initiierte BDS-Bewegung (Boykott, De-Investition und Sanktionen) appellierte an Künstler und Fans, nicht zum ESC zu fahren, den Israel missbrauche, um die Verbrechen der Besatzung „weißzuwaschen“. Für die österreichische ESC-Teilnehmerin stand ein Boykott nicht zur Debatte. „Ich bin Musikerin“, sagt sie und hält sich mit einer politischen Stellungnahme zurück. Der frühere Pink-Floyd-Musiker Roger Waters, lebhafter Gegner der israelischen Besatzungspolitik, schloss sich hingegen dem BDS-Appell an und kritisierte Madonna, die als prominenter Star während der finalen Veranstaltung auftreten soll, für ihre Zusage.

Netta Barzilai hat 2018 gewonnen
Netta Barzilai hat 2018 gewonnen © dpa

Nach Ansicht der Israelin Netta Barzilai sei bei dem Gesangswettbewerb „kein Platz für einen Boykott“. Vor Korrespondenten in Jerusalem erinnerte die voluminöse Sängerin an die Ursprünge des ESC, der in diesem Jahr zum 64. Mal stattfindet, und der nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt worden sei, um „die Wunden des zerfetzten Kontinents zu heilen“. Barzilai begrüßt, dass keiner der 41 Teilnehmer, die sich für das Halbfinale qualifizierten, abgesagt hat.

Die besatzungskritische israelische Organisation „Das Schweigen brechen“ heißt die ESC-Gäste willkommen und lädt sie ein, an einer kostenfreien Tour in der besetzten palästinensischen Stadt Hebron teilzunehmen, um „das ganze Bild“ zu bekommen. Die ehemaligen israelischen Soldaten machen sich das ESC-Motto zu eigen und „trauen sich, von der Befreiung von der Besatzung zu träumen“, wie es in der Einladung heißt.

Für Israel bietet der ESC eine der wenigen Bühnen, auf denen sich das kleine Land international profilieren kann. Viermal schon holte Israel die meisten Punkte. Umstritten ist der diesjährige Song Contest, weil das Finale an einem Samstag stattfindet. Von ultraorthodoxer Seite kam Protest gegen die „Verletzung des heiligen Schabbat“. Die Frommen in Israel stören sich aber auch inhaltlich an dem Musikspektakel, das längst zur Bühne für Diversität geworden ist. Zum letzten Mal gewann die transsexuelle Sängerin Dana International vor 20 Jahren den ESC mit ihrem Titel „Diva“ den ersten Platz für Israel.

Seit Sonntag dürfen Fans, die mit weniger Geld anreisen, ihre Zelte am Strand aufstellen und im Hajarkon-Park, der direkt gegenüber von dem Messegelände liegt. Auf riesigen Leinwänden soll die Show von dort direkt zu verfolgen sein. Insgesamt kommt nur rund die Hälfte der erhofften 15 bis 20.000 Gäste aus dem Ausland. Für den Fernsehsender Kan, der die Kosten der Veranstaltung trägt, dürfte es ein Verlustunternehmen werden.


Das ist der Gewinner-Song vom vergangenen Jahr: