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Eselswurst mit Mandarinen

Im Kindergarten betreut eine Mitarbeiterin ein Kind. Schwarzer Humor wird überlebenswichtig. Teil 20 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Daniel Karmann/dpa/SZ

Vor meinem Fenster blüht eine Magnolie. Sie leuchtet. Natürlich will sie auffallen, spreizt sich extravagant, üppig, strahlt etwas Urtümliches aus. Die Gehölze besiedelten bereits vor über 100 Millionen Jahren die Erde. Vielleicht sind sie die Vorfahren aller Frühlingsblüher? In China sind Magnolien uralte Kulturpflanzen, die oft in Tempelanlagen wuchsen. Als besondere Auszeichnung wurden sie vom Kaiser verschenkt. Die Pflanze geizt allerdings mit ihrer Pracht. Nach wenigen Tagen ist alles vorbei. Aber Jahr um Jahr wächst sie kraftvoller und fordert mehr Raum. Im Vorgarten des Hauses, wo ich aufwuchs, steht ebenfalls ein prächtiges Exemplar, das ich mit meinen Eltern vor 40 Jahren pflanzte.

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Im Supermarkt kaufe ich für das Frühstück neuen Kaffee und Käse. Ich nehme zudem eine ungarische Salami mit. Schon als Kind aß ich die gern und glaubte meiner Großmutter, die mir erzählte, das sei echte Eselswurst. Sie arbeitete als Kaltmamsell im Hotel Königstein auf der Prager Straße in Dresden. Immer wenn ich sie dort besuchte, gab es für mich Schwarzbrot mit Butter und drei Scheiben dünn geschnittener Wurst. Die gehörte offenbar zu den Delikatessen des Buffets für Valuta-Gäste, denn mehr als diese drei Scheiben gab es für mich nicht. Nur eine Kompottschale mit Mandarinen aus der Büchse bekam ich noch von Oma gereicht. Als sie mir noch ein Fünf-Mark-Stück zusteckte, um mein Taschengeld aufzubessern, hätte ich ihr gern eine Magnolienblüte geschenkt. Als ich das erste Mal nach Ungarn reiste und dort einen dieser dürren Esel in der Puszta grasen sah, bekam ich ein schlechtes Gewissen, einen Verwandten des Vierbeiners scheibchenweise verdaut zu haben.

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Für den 8. Mai plante ich ursprünglich gemeinsam mit Autor Mario Süßenguth die Premiere eines neuen Programms mit dem Titel: „Der Sachse stirbt zuletzt“. Die Veranstaltung wird nun nicht stattfinden, sondern verschoben. Den Titel dachten wir uns im vergangenen Oktober aus. Da war an Corona noch nicht zu denken. Heute wirkt das Ganze dagegen sehr makaber. Dabei sollte heiter erzählt werden, wie der Sachse geschickt alle Unglücke in seiner Geschichte übersteht. Die Sachsen, lagen die nicht unterm Tisch, waren die nicht vor Jahren ausgestorben? Ausgestorben wie Saurier, Beutelwölfe, Vandalen oder Unterröcke. Sie wurden tot geredet, ihnen wurde das Land geteilt, ihre Siedlungen mehrfach in Scherben gehauen, doch immer nahmen sie ihren Scherbenteil und begannen, alles wieder aufzubauen. Die Sachsen sind die Resteverwerter ihrer eigenen Katastrophen, als deren Ergebnis sie resistent wurden gegen Krisen, vor allem gegen die eigenen. Die Mundartdichterin Lene Voigt schrieb: „Was Sachsn sin von echdm Schlach, die sin nich dod zu griechn, driffd die ooch Gummer Dach fier Dach, ihr froher Mud wärd siechn.“ Zwischen den Texten wird es, findet die Veranstaltung irgendwann statt, den einen oder anderen Witz geben. Ich suche danach, finde den: Zwei Ärzte treffen sich zufällig nachts auf einem Friedhof. Sagt der eine Arzt zu dem anderen: „Na, machen sie auch Inventur!?“ Und den: Zwei Kollegen stehen auf dem Friedhof, denn ihr Chef Arno Müller wird beerdigt. Der eine Kollege sagt zum anderen: „Unser Chef muss ganz schön arm gewesen sein.“ Fragt der andere: „Wieso denn das?“ Der erste: „Sieht Du denn das nicht, er muss mit zwei anderen Toten in seinem Grab liegen. Auf dem Grabstein steht doch: Hier ruht Arno Müller, ein echter Fachmann und ein treuer Familienvater.“ Schwarzer Humor ist zurzeit kaum zu ertragen, aber der beste Scherz entstand schon immer aus dem tiefsten Schmerz.

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Am Nachmittag gehe ich an einem Kindergarten vorbei. In dem Garten sitzen zwei Kinder mit zwei Kindergärtnerinnen. Das ist die Notbetreuung, die allerdings zu einem Betreuungsschlüssel geführt hat, der bisher undenkbar war: Eine Mitarbeiterin pro Kind. Ich treffe eine Nachbarin, die ihre drei Kinder jetzt schon seit vier Wochen zu Hause abwechselnd mit ihrem Mann betreut. Er fahre jeden Tag in die Klinik, wo er als Arzt arbeite, sie drei Tage in der Woche in ihre Praxis. Die Doppelbelastung sei enorm kräftezehrend. Sie hoffe inständig, die Schulen und Kindergärten würden endlich wieder öffnen, zumal die Kinder ja nicht zur Risikogruppe gehören würden.

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Auf meinem Balkon bauen sich zwischen den Holzdielen Wespen ein Nest. Noch vor einem Jahr hatte ich sie vertrieben. Diesmal lasse ich es zu und verfolge ihre Flugbahnen.

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

Peter Ufer liest aus dem „Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“:

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