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Essen auf Rädern

Der Star des Teams Bora-Argon taucht auf keinem Tour-Siegerpodest auf.

Von Berthold Neumann

Lotto ist mit Andre Greipel schon auf dem Kurs, wo ist John Degenkolb? Die Tour-Livebilder bei der ARD wechseln, jetzt gibt es eine Live-Schaltung zu Tony Martin an dessen Krankenbett. Im Hintergrund der TV-Übertragung rollen derweil die Profis vom deutschen Team Bora-Argon 18 beim Mannschaftszeitfahren – weitgehend unbeachtet auf den 13. Rang.

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Dass die Fahrer in den dunklen Trikots kaum vom medialen Scheinwerferlicht erfasst werden, ist für Bora-Sportchef Enrico Poitschke nicht entscheidend. Zu Recht heißen die deutschen Helden Greipel, Degenkolb und Martin bei der diesjährigen Tour de France, befindet der aus Niesky stammende Poitschke. „Das haben sie sich durch ihre Erfolge und ihr Auftreten verdient“, sagt er. „Es ist für uns als Zweitliga-Team schon eine große Ehre, dank einer Wildcard am größten Radrennen der Welt teilnehmen zu können“, findet Poitschke.

Und doch haben sie bei Bora-Argon auch einen Star: einen der größten, aber zumindest den ungewöhnlichsten Truck bei der 102. Frankreich-Rundfahrt. Der Clou: Außer dem Technik- und Materialwagen hat das Team einen eigenen Küchentrakt zur Verfügung. Im 19 Meter langen Gefährt mit Glas-Kubus und Anhänger sind eine Küche und ein Speiseraum untergebracht. Es bietet 14 Sportlern und Betreuern Platz. Sozusagen Essen auf Rädern. Hat Bora Sorge, die Hotel-Mahlzeiten könnten den eigenen Profis nicht schmecken?

„Nein. Wir wollen einfach neue Wege gehen, um unsere Fahrer optimal zu betreuen“, erklärt Poitschke. „Und da ist die schnelle Regeneration für die Sportler nirgends so wichtig wie bei der Tour mit ihren täglichen Höchstschwierigkeiten“, ergänzt Teamchef Ralph Denk.

Und dies beginne bei der sportgerechten Ernährung. „Diese ist der Schlüssel zur schnellen Erholung“, sagt Denk. „Wir sind nicht so vermessen, dass wir mit unserem Kader in den Kampf um vordere Plätze und Wertungstrikots eingreifen können“, erläutert Poitschke. Der frühere Kapitän des Leipziger Teams Wiesenhof meint damit die Qualitätsunterschiede zu den namhaften Teams. Zu Recht. Der mit vielen Ambitionen gestartete Bora-Kapitän Dominik Nerz aus Wangen liegt nach der flachen Start-Woche schon mit sechseinhalb Minuten Rückstand zum Spitzenreiter auf Rang 26, der Rostocker Paul Voß als nächster Bora-Profi findet sich schon mit elf Minuten Rückstand auf Rang 37 wieder. „Stars vom Schlage eines Contador können und wollen wir uns nicht leisten“, meint Poitschke. Im Rennstall setzen sie bewusst auf junge Fahrer. Um aber die Abstände zu Sky, Quickstep und anderen führenden Rennställen wenigstens etwas zu vermindern, geht Bora-Argon den Weg über „optimierte sport- und ernährungswissenschaftliche Betreuung“, sagt Poitschke. Mit dem effizienteren Fettstoffwechsel der Profis beschäftigen sich ein Ernährungswissenschaftler, eine Ärztin und ein Heilpraktiker, die der Rennstall zusätzlich zu dem üblichen Betreuerstab engagiert hat.

Die Mahlzeiten werden im Truck frisch zubereitet, jeder Fahrer kann sich zudem aus mehreren frischen Salaten bedienen. „Und zwar auf einem gleichbleibend hohen Qualitätslevel, unabhängig von täglich wechselnden Hotels“, sagt Denk. Alles komme aus „verlässlichem Bio-Anbau“. Die Fahrer schätzen dies. „Das ist eine super Sache, da das Essen auf unsere Bedürfnisse als Sportler abgestimmt ist und wir nicht Stunden darauf warten müssen“, sagt der deutsche Meister Emanuel Buchmann.

Eine Betreuung vom Feinsten, die selbst bei den finanzkräftigeren und namhafteren Teams eher die Ausnahme bildet. „Freilich betreiben wir als Zweitliga-Team einen außergewöhnlich hohen Aufwand, um unseren Fahrern optimale Mahlzeiten bereitzustellen“, räumt der Teamchef ein. Aber dem Hauptsponsor gefällt es. „Dank der Glasfronten können die Fans live dabei sein, wenn für die Fahrer gekocht wird“, erklärt Willi Bruckbauer. Und der Geschäftsführer des Küchenausstatters Bora freut sich über den zusätzlichen Werbeeffekt.

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Mit dem Truck hat das deutsche Team einen kräftigen Impuls im Peloton gesetzt. Auch zum Wohlgefallen von Christian Prudhomme. Selbst wenn es sportlich zu keinen Großtaten mehr reichen sollte – für den Direktor der Tour de France ist bereits klar: „Das Team Bora hat sich Schritt für Schritt weiterentwickelt und gezeigt, dass es den Platz bei der Tour verdient hat.“