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Essen und Kleidung an Flüchtlinge verteilt

Eine junge Eibauerin war als Helferin in Idomeni. Der SZ erzählt sie, wie sie Kontakt zu den Zeltbewohnern fand.

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© dpa

Von Patrick Richter

Das Flüchtlingslager im griechischen Idomeni ist ein Sinnbild für die Schließung der Balkan-Route. Einige Tausend Flüchtlinge sitzen dort noch immer fest – kommen nicht voran und wollen auch nicht zurück. Um den Menschen dort zu helfen, hat sich die Eibauerin Anna Käsche im März mit einem Team für eine Woche nach Idomeni aufgemacht. Dabei war ihr Ziel ursprünglich ein anderes.

Vorgenommen hatte es sich Anna Käsche schon lange, zur Balkanroute zu fahren. Sie wollte dort ihre Hilfe anbieten. „Ich dachte, man kann dort einfach auf einem ganz anderen Niveau tätig sein, als von Deutschland aus“, sagt sie. Den Anstoß hatte ein Mitbewohner gegeben, den sie in Tschechien hat. Anna Käsche arbeitet seit ihrem Abitur am Herrnhuter Gymnasium im vergangenen Jahr jetzt im Freiwilligendienst in Usti nad Labem. Dort gibt sie unter anderem Deutschkurse und arbeitet mit Kindern.

Zunächst hatte sie und ihre Mitstreiter nicht das Lager in Idomeni als Ziel, sondern eigentlich die serbische Stadt Sid an der Grenze zu Kroatien, wo sich ebenfalls ein Flüchtlingslager befindet. Vor Ort angekommen, stellten sie jedoch schnell fest, dass schon genügend Helfer da waren und kaum noch Flüchtlinge ankamen, weil Mazedonien seine Grenze zu Griechenland geschlossen hatte. Die Truppe entschloss sich schließlich, nach Idomeni weiterzuziehen, wo schätzungsweise 13 000 Menschen im Flüchtlingslager zusammengekommen waren. „Wir wussten nicht so recht, was uns erwartet“, sagt Anna Käsche. Viel Zeit zum Nachdenken habe sie nicht gehabt, da Idomeni ganz spontan zu ihrem Ziel wurde. Im Lager selbst sah es nicht so dramatisch aus, wie sie es sich vorgestellt habe, sagt Anna Käsche. „Es waren viele Zelte zu sehen und Menschengruppen, aber die Stimmung war in Ordnung. Das lag aber auch am guten Wetter“, sagt sie. Sie selbst und ihre Gruppe kamen auf dem Gelände eines Hotels in der Nähe unter, wo sie ihr Zelt aufschlagen konnten.

Nach der ersten Erkundung in Idomeni musste sich Anna Käsche erst einmal selbst auf die Suche nach Stellen begeben, wo sie helfen konnten. „Es war alles ein bisschen unkoordiniert dort“, sagt die Eibauerin. Sammelpunkte für Helfer habe es nicht gegeben und zunächst wurden hauptsächlich Ärzte und Arabisch-Übersetzer gesucht. Schließlich fanden sie jedoch schon am ersten Tag eine Stelle, wo sie beim Verteilen von Tee helfen konnte.

In den folgenden Tagen wurde das Wetter und damit auch die Stimmung im Lager schlechter. Die Flüchtlinge hatten damit zu tun, sich warm und trocken zu halten, meint Anna Käsche, die ab dem zweiten Tag dabei half, Essen für die Flüchtlinge zu kochen und später auch noch im Kleiderlager aushelfen ging.

Hungern mussten die Flüchtlinge im Lager laut der jungen Eibauerin offensichtlich nicht. „Ich hatte vorher die Vorstellung, dass es den Flüchtenden dort richtig schlecht geht. Ich will die Sache nicht herunterspielen, aber ich hatte das Gefühl, dass sie wenigstens satt waren“, sagt sie. Dafür würden die vielen freiwilligen Helfer sorgen. Schwieriger sei es da in Sachen Kleidung gewesen, die bei den Flüchtlingen durch Regenwetter oft sehr durchnässt gewesen sei.

Wirklich persönlichen Kontakt mit den Menschen im Lager hatte Anna Käsche erst beim Verteilen von Kleidung: „Es war aber immer schwierig. Sobald man etwas offen verteilte, bemerkten das immer mehr Menschen und es wurden irgendwann zu viele“, sagt sie, „Wie soll man einem Kind Socken geben, um dann irgendwann dem nächsten sagen zu müssen, dass es keine bekommen kann?“

Freundlich seien die Flüchtlinge im Lager aber immer gewesen. Einige hätten sie und andere Helfer auch in ihre Zelte zum Essen eingeladen. Besonders bemerkenswert fand es Anna Käsche, dass die Menschen dort nicht über ihre Lage gejammert haben, sondern immer die Hoffnung hatten, dass sie bald weiter über die Grenze gehen können. „Wenn ich ihnen dann gesagt habe, dass die Grenze wohl nicht so bald öffnen wird, haben sie es mir nicht geglaubt“, sagt die Eibauerin. „Viele haben mich auch nicht verstanden, warum ich zurzeit in Tschechien wohne, wenn ich doch aus Deutschland komme“, meint sie. Deutschland sei unter den Leuten im Lager mit Abstand das bekannteste europäische Land gewesen.

Die Helfer kamen hingegen aus ganz Europa nach Idomeni. Selbst den langen Weg aus England hatten einige Helfer auf sich genommen. Nach einer Woche ging es dann für Anna Käsche auch wieder zurück Richtung Heimat. Gern wäre sie länger geblieben, um zu helfen, wie sie sagt. Allerdings habe sie nicht mehr Urlaub gehabt. Vielleicht später, wenn sich noch einmal die Möglichkeit ergeben sollte, meint sie. Denn noch immer sitzen geschätzte 10 000 Menschen an der griechisch-mazedonischen Grenze in der Zeltstadt in Idomeni fest.