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„Etwas außerordentlich Schönes“

Vor 100 Jahren gelangte das Altarbild in die Emmauskirche Freital-Potschappel. Das Motiv ist eine Geste an die Region.

Von Christel Hebig

Beim Besuch eines Gotteshauses richtet sich unser Blick für gewöhnlich zuerst auf den Altar. Und der wird neben dem Kruzifix meist von einem kunstvollen Bildnis geziert. So auch in der Freitaler Emmauskirche, für die 1914 – also vor 100 Jahren – der renommierte Dresdner Maler Osmar Schindler das beeindruckende Altarbild „Christus und die Emmausjünger“ schuf. Noch im selben Jahr gelangte es in die 1875–1877 erbaute Kirche, die ihren Namen jedoch erst 1921 mit der Gründung der Stadt Freital erhielt.

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Das Altarbild in der Emmauskirche: In der Szene ist Jesus (r.) mit zwei Jüngern im Gespräch. Foto: Karl-Ludwig Oberthür
Das Altarbild in der Emmauskirche: In der Szene ist Jesus (r.) mit zwei Jüngern im Gespräch. Foto: Karl-Ludwig Oberthür

Der 5. Juli 1914, einst der vierte Sonntag nach Trinitatis, war im kirchlichen Gemeindeleben von Potschappel, trotz trüben Wetters, ein ganz besonderer Tag. Denn im Rahmen einer Kirchen Visitation wurde im vormittäglichen Gottesdienst, bei dem die damaligen Ortspfarrer Carl Albert Theodor Rost und Johannes Roßbach zugegen waren, auch jenes Kunstwerk gebührend gewürdigt. Darüber hinaus konnte Konsistorialrat Paul Philipp August Edmund Benz, Superintendent der Ephorie Dresden II, begrüßt werden. Dessen „eindrucksvolle Worte, die er im Glänze des neuen allgemein bewunderten Altarbildes hielt, gaben seinen Zuhörern Anlaß“, den kurz vor der Emeritierung stehenden Theologen „mit der Lichtgestalt dieses Bildes zu vergleichen“. Anschließend fanden unter reger Beteiligung noch eine „Hausväterversammlung“ sowie ein Jugendgottesdienst statt.

Was für eine erstaunliche Leistung: Schindler benötigte für die Fertigstellung des Bildes nur zwei Monate! Bereits mit früheren Kreationen hatte er sich einen Namen gemacht. Nunmehr folgte die künstlerische Arbeit für die Emmauskirche, mit der er wieder „etwas außerordentlich Schönes“ zustande brachte. Es zeigt den erhebenden Augenblick, wo der auferstandene Christus am Osternachmittag mit den beiden Jüngern von Emmaus, einem kleinen Ort nahe Jerusalem, in einer Herberge einkehrt und ihnen, wie schon zuvor auf dem gemeinsamen Weg, das Wort Gottes auslegt. Wenngleich sie ihn noch nicht erkannten, wurde der Wunsch laut „Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden ...“, ein vertrauter Text, der auch in Musik umgesetzt wurde. Daraufhin bleibt er und erklärt ihnen, was bis Karfreitag und zu Ostern geschah.

Jesus und die zwei Jünger sind als Halbfiguren dargestellt. Der Hintergrund, in schlichtem Goldton gehalten, lässt die Gestalten kraftvoll und lebendig hervortreten. Zweifellos bildet Christus den Mittelpunkt des Gemäldes: die edlen Gesichtszüge, mit dem sanften, dennoch wachen Auge, das auf die beiden Jünger blickt. Dazu die unterweisend erhobene rechte Hand – noch bedeckt mit der Wunde vom Nagel des Kreuzes, was die Wirkung des Bildes geradezu steigert. Im weißen Gewand, als Wanderer durch den nach antikem Brauch auf den Rücken fallenden Hut markiert, sitzt er mit den beiden am Tisch und spricht mit ihnen über das göttliche Wunder der Auferstehung. Die Jünger lauschen nachdenklich und verinnerlichen, was um sie herum geschieht. Der Betrachter fühlt gleichsam, wie ihre Herzen in Flammen stehen und wie sie nach aller Trauer und Verzweiflung allmählich die Gewissheit erlangen, dass das Kreuz Jesu in Gottes Willen lag und letztendlich mit „dem Tod seine Macht zerstört ist“.

Doch ganz sicher, dass der Auferstandene mit ihnen redet, waren sie erst abends, als er das Brot brach. Das beflügelte sie zu neuem Mut. Bezeichnend ist, dass der Maler die beiden Jünger – wobei es sich nach der biblischen Überlieferung um Kleopas und dessen Freund handelt – als Männer der arbeitenden Bevölkerung wiedergibt; eben für die hiesige Region, deren älteste und bedeutendste Industrie von Eisen, Metallen und dem Bergbau geprägt ist. Somit eine höfliche Geste und zugleich eine große Ehre für die Arbeiterschaft. Jedenfalls hat er mit dem Gemälde „ein Meisterwerk geschaffen, das dem Gotteshause in Potschappel zur bleibenden Zierde und der feiernden Gemeinde auch zur Erbauung dienen wird“. Ehemals verschönte hier sogar das Motiv des Altarbildes die Konfirmationsscheine.

Osmar Heinrich Volkmar Schindler, geboren am 21. Dezember 1867 in Burkhardtsdorf bei Chemnitz, verbrachte seine Kindheit in Bischofswerda, wo noch eine Straße an ihn erinnert. Zunächst wollte er Bildhauer werden, wechselte aber dann zur Malerei und studierte an der Dresdner Kunstakademie, unter anderen bei Ferdinand Pauwels und Karl Gottlob Schönherr. An dieser Einrichtung, wo er 1902 zum Professor ernannt wurde, lehrte er über 20 Jahre. Schon 1897 hatte er auf der I. Internationalen Kunstausstellung in Dresden mit einem Plakat den ersten Preis gewonnen. Zu seinen Schülern zählten bekannte Persönlichkeiten, wie beispielsweise Bernhard Kretzschmar, Paul Wilhelm und der aus Niederhäslich stammende Karl Hanusch, der 1951 zum Ehrenbürger der Stadt Freital ernannt wurde. Schindler, den man angesichts seiner „Sicherheit und Zuverlässigkeit im Zeichnerischen“ lobt, profitierte in seinem Können von Studienreisen, die ihn nach Belgien, Frankreich, Holland und Italien führten.

Als Ausgleich für die Malerei erfreute er sich an der Blumen- und Bienenzucht. Überdies besaß er einen gesunden Humor und vor allem erfüllte ihn eine tiefe Frömmigkeit. Davon könnten weitere sächsische Gotteshäuser berichten, für die er Wand-, Decken- und Fenstergemälde anfertigte, wie etwa die Chemnitzer Lutherkirche „Christus der Weltheiland“, die Annenkirche in Dresden „Die Bekehrung des Apostels Paulus“, das jedoch leider dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen ist und die Christuskirche Dresden-Klotzsche „Kreuzigung“. Sein Gemälde „Im Kumtlampenschein“ befindet sich neben anderen in der Dresdner Gemäldegalerie und „verschaffte ihm durch seine Volkstümlichkeit internationalen Ruf. Ebenso gilt er als erfolgreicher Porträtmaler. Und nicht zuletzt ist seine Meisterhand in Landschafts-, Tier-und Stilllebenbildern erkennbar.

In den letzten Lebensjahren mied der bescheidene Künstler die breite Öffentlichkeit und starb am 19. Juni 1927 nach langer, schwerer Krankheit in Dresden-Wachwitz. Beerdigt wurde er auf dem Friedhof Dresden-Loschwitz. Seine Ehefrau Emma Minna, geborene Arnold, überlebte ihn um zwölf Jahre.