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Die Ikone der Verschwörungsszene

2007 flog Eva Herman bei der Tagesschau raus. Seitdem wurden ihre Theorien immer kruder. Nun soll sie an einem rechten Netzwerk in Kanada beteiligt sein.

Einst bekannte TV-Moderatorin, nun in der Verschwörerszene beliebt: Eva Herman.
Einst bekannte TV-Moderatorin, nun in der Verschwörerszene beliebt: Eva Herman. © Archivbild: dpa

Von Christoph Kluge

Freundlich lächelnd begrüßt die Moderatorin ihren Interviewgast: „Wir beide haben schon vor vielen Jahren gemeinsam auf ARD-Bühnen gestanden“, sagt Eva Herman zu Xavier Naidoo. „Inzwischen sind wir raus aus dem System.“ Warum? Da sind sich beide einig: Wer die „Wahrheit“ sage, werde mundtot gemacht. Herman veröffentlichte das Video im Mai auf YouTube.

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Mittlerweile ist es 13 Jahre her, dass sie ihren Platz als Tagesschau-Sprecherin räumen musste. Doch bis heute ist diese Schmach ihr wichtigstes Thema. Mit großem Eifer arbeitet sie sich an der „Lügenpresse“ ab. Ein Bericht des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ hat sie nun wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Es war ein tiefer Fall. Eva Herman war einer Emnid-Umfrage zufolge einmal die „beliebteste Moderatorin Deutschlands“. Doch dann warf sie mit kruden Thesen um sich, wurde zur Persona non grata. Heute soll die 61-Jährige dem Bericht zufolge in den Aufbau einer Kolonie deutscher Rechtsextremisten in Kanada verwickelt sein. Sie bestreitet das.

Fest steht jedoch, dass sich die einstmals erfolgreiche Journalistin zu einer Ikone der Verschwörungsszene entwickelt hat. Ihre Videos und Artikel werden von AfD-Anhängern, rechten Christen und anderen Extremisten geteilt. Wie konnte es so weit kommen?

Wenn Eva Herman auf ihrem Telegram-Kanal vor mehr als 138.487 Abonnenten (Stand Sonntagvormittag) von düsteren Verschwörungen der Elite erzählt, hat das in den Augen ihrer Anhänger eine besondere Glaubwürdigkeit. Denn für sie gilt Herman als eine furchtlose Aufklärerin, die das „System“ durchschaut, weil sie selbst dazu gehört hat.

Dabei fing alles recht banal an. 2006 schrieb Herman in einem Artikel im konservativen Magazin „Cicero“. Darin bezeichnete sie den Feminismus als Irrweg und forderte eine Rückkehr zu klassischen Geschlechterverhältnissen: Frauen sollten ihrer Ansicht nach vor allem Mütter sein. Die Redaktion titelte: „Zurück an den Herd!“ Bei den Lesern kam die kalkulierte Provokation gut an. Also legte Hermann mit einem Buch namens „Das Eva-Prinzip“ nach.

Die „Bild“ titelte: „Eva Herman lobt Hitlers Familienpolitik“

Doch zum wirklichen Eklat kam es im September 2007, als Herman vor Journalisten ihr Buch „Das Prinzip Arche Noah“ vorstellte. Dabei verstrickte sie sich in einen langen, wirren Satz, in dem sie unter anderem sagte, „das Bild der Mutter“ sei in Deutschland „mit dem Nationalsozialismus und der darauffolgenden 68er-Bewegung abgeschafft“ worden. Sie warf also Hitler und die linke Studentenrevolte in einen Topf, als hätten sie gemeinsam die traditionellen Werte zerstört.

Die „Bild“-Zeitung machte daraus: „Eva Herman lobt Hitlers Familienpolitik.“ Das stimmte zwar nicht ganz, führte aber letztlich dazu, dass sich Hermans Arbeitgeber, der Norddeutsche Rundfunk, mit sofortiger Wirkung von ihr trennte. Herman verschlimmerte ihre Situation noch, indem sie die Medienberichte darüber im Nazi-Jargon als „vorsätzliches Liquidieren durch eine zum Teil gleichgeschaltete Presse“ bezeichnete. Sie klagte gegen ihre Entlassung, doch das Arbeitsgericht Hamburg wies die Klage ab, weil Herman als freie Mitarbeiterin tätig gewesen war.

Johannes B. Kerner warf Eva Herman aus dem Studio

Den Höhepunkt erreichte der Skandal mit einem Auftritt in der Talkshow „Kerner“. Dort beklagte Herman, bestimmte Meinungen seien in Deutschland tabu: „Ich muss einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht sprechen kann, ohne in Gefahr zu geraten.“ Der Moderator warf sie daraufhin aus dem Studio. Die Folge erreichte Rekord-Einschaltquoten, doch Hermans Karriere war erledigt.

Doch im Augenblick der Niederlage öffnete sich für den gefallenen Star eine neue Tür. Rechte Nischenmedien wie das „Compact“-Magazin, die Zeitung „Junge Freiheit“ und die islamfeindliche Website PI-News stellten sie so dar, wie sie sich vermutlich selbst sehen wollte: als aufrechte Märtyrerin in einem Kampf gegen finsterere Mächte. Kurzzeitig übernahm Herman die Moderation einer christlich-fundamentalistischen Internet-Talkshow, bevor sie beim Kopp-Verlag eine neue publizistische Heimat fand.

Publizistische Parallelwelt für Verschwörungsfreunde

Der Kopp-Verlag hat sich auf Esoterik und Verschwörungsmythen spezialisiert. Viele Bücher des Programms beschwören den baldigen Zusammenbruch der Zivilisation herauf. Dazu passend werden auch praktische Ratgeber wie „Das große Buch der Überlebenstechniken“ verkauft, außerdem gibt es Outdoor-Ausrüstung wie Rucksäcke, Zelte oder die „Vollkonserve Bratkartoffeln mit Ei und Speck“.

Der Verlag kennt sein Publikum. Apokalyptische Ideen sind in der Verschwörungsszene beliebt – ebenso wie bei Rechtsextremisten. Es gibt Überschneidungen zur Szene der Prepper, die sogar Bunker und teilweise Waffenlager anlegen, um sich auf mögliche Katastrophen oder Kriege vorzubereiten.

Auf der Website des Kopp-Verlags trat Herman eine Zeitlang als Sprecherin einer Sendung auf, die in Aufmachung und Stil die Tagesschau imitierte. Außerdem schrieb sie Artikel. Unter anderem kommentierte sie das Unglück auf der Duisburger Loveparade, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen. Dabei suggerierte sie, die Opfer hätten eine Art göttliche Strafe auf sich gezogen, weil sie „fast völlig nackt“ getanzt hätten, ohne „Sittlichkeit oder Anstand“. Ihr aktuelles Buch „Blutgericht Europa“ hat Herman in ihrem eigenen Verlag veröffentlicht.

In der Flüchtlingskrise äußert sich Herman rassistisch

Die Ukraine-Krise 2014 gab der Verschwörungsszene insgesamt Aufschwung und auch Herman wandte sich neuen Themen zu. In verschiedenen staatlichen russischen Auslandsmedien warf sie dem Westen „Kriegstreiberei“ gegen Russland vor. Während der Flüchtlingskrise äußerte sie sich in einem Artikel rassistisch und mit antisemitischem Unterton: Europa würde „geflutet mit Afrikanern und Orientalen“, dahinter stecke „eine bestimmte Gruppe von Machtmenschen des globalen Finanzsystems“.

Dieser Artikel erschien auf der Website „Wissensmanufaktur“, einer weiteren Plattform für krude Ideen. Deren bekanntester Macher ist Andreas Popp, mit dem Herman heute liiert ist und in Kanada siedelt. Popp prophezeit schon seit vielen Jahren in Büchern wie „Das Matrix-Syndrom“ sowie zahllosen YouTube-Videos den bevorstehenden Zusammenbruch des Finanzsystems.

Seinen Fans empfiehlt er, schon einmal Notvorräte anzulegen. Popp verbreitet aber auch rechtsextremes Gedankengut. Auf der Website beruft er sich unter anderem auf eine antisemitische Hetzschrift des NSDAP-Wirtschaftstheoretikers Gottfried Feder.

Andreas Popp schürt nicht nur aus Überzeugung Angst, er verdient auch Geld damit. Bereits in den 2000er-Jahren bot er Edelmetall-Investmentfonds als vermeintlich krisenfeste Geldanlagen an. Aus den weltpolitischen Krisen ergaben sich für Scharlatane neue Möglichkeiten und Geschäftsmodelle. Davon profitierte auch der rechte „Selbstversorger“ Frank Eckhardt, der nach eigenen Angaben bereits seit 2007 auf der kanadischen Insel Cape Breton eine Farm unterhält.

Dem „Spiegel“ zufolge verkauft der ehemalige Versicherungsmakler dort Land zu hohen Preisen an deutsche Auswanderer. Seine Kunden finde er in der Verschwörungsszene. Auch Popp und Herman seien durch ihn nach Kanada gekommen, mittlerweile aber selbst dort geschäftlich tätig.

Das Paar dementiert den „Spiegel“-Bericht

Herman und Popp widersprechen dem „Spiegel“-Bericht mit einer Erklärung im Internet und behaupten, mit Frank Eckhardt nichts zu tun zu haben. Popp habe „seit 15 Jahren keinen Kontakt“ zu ihm und „Eva Herman kennt diesen Mann überhaupt nicht“. Sie hätten außerdem niemanden aufgefordert, Grundstücke zu kaufen, sondern nur Seminare veranstaltet. Gegen den Bericht würden sie nun juristisch vorgehen, schreiben sie.

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