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Ewigkeitssonntag – ein Tag, der zum Leben gehört

Eine Betrachtung über die Etappen der Bewältigung von tiefer Trauer.

Von Roland Hartzsch

In den letzten Tagen waren viele Menschen unterwegs. Sie haben die Grabstätten ihrer Angehörigen aufgesucht. Die Gräber sind liebevoll abgedeckt mit Tannengrün oder mit besonderem Grabschmuck versehen worden. Am Ewigkeitssonntag werden sie mit Familienangehörigen das Grab ihrer Lieben besuchen. Vielleicht war man vorher zum Gottesdienst, da wurden die Verstorbenen des letzten Jahres verlesen und an sie gedacht. Für viele ein schwerer Tag.

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Erinnerungen werden wach an die Zeit, da man sich kraftlos gefühlt hat und alle Energie wie weggeblasen war. Es braucht Zeit und vor allem eine schutzbietende Umgebung, wo man den Verlust eines lieben Menschen verarbeiten kann. Mitunter ist es für Außenstehende qualvoll langsam, die Abwendung vom alles bestimmenden Thema „Tod“ und die Hinwendung zum Leben mit seiner Lebendigkeit.

Wiederkehrende Zuwendung

Das Trauer auslösende Ereignis muss immer wieder erinnert sowie beschrieben und auf diese Weise „wieder(ge)holt“ werden, damit in seinem Umfeld entstandene Gefühle erneut Kontur gewinnen und so gestaltet werden können. Nur wenn dies geschieht, kann Trauer von innen nach außen gebracht und mitvollziehbar kommuniziert werden. Dieser Prozess ist in der Regel für direkt und indirekt Betroffene äußerst anstrengend, aber auch hilfreich; darum stehen an seinem Ende häufig Erschöpfung und Erleichterung nah beieinander. Die meisten Menschen wollen nicht nur einmal von dem sprechen, was ihre Trauer/Traurigkeit hervorgerufen hat. Sie möchten bewusst oder auch unbewusst mehrfach darauf zurückkommen und benötigen deshalb wiederkehrende Zuwendung und Aufmerksamkeit. Der dabei entstehende, auf Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten ausgerichtete Trauervorgang umfasst voneinander abgrenzbare Einzeletappen, die unterschiedlich beschrieben werden können.

In der ersten Zeit kommt es zum Nicht-wahrhabens-wollen, Erstarrung und Empfindungslosigkeit sind vorherrschend. Ursache ist nicht ein Mangel an Gefühlen, sondern ein regelrechter Emotionsschock, der Menschen dazu bringt, sich innerlich und manchmal auch äußerlich zu versteifen. Reaktive Passivität zeigt etwas von der überwältigenden und bannenden Macht hereinbrechender Todes- bzw. Trennungswirklichkeit.

In einer anschließenden Zeit brechen dann die Emotionen auf und es entsteht ein regelrechtes Gefühls-Chaos. Das wechselhafte Durcheinander widerstreitender Empfindungen spiegelt die allgemeine Un- und Umordnung, in der sich die Welt des Trauernden befindet: Ohnmachtgefühle lösen diffuse Ängste aus und rufen Zorn und manchmal ungezügelte Wut empor. Haltlosigkeit verursacht aggressive Schübe, die sich gegen andere oder auch gegen das eigene Selbst richten. Allerdings kann es auch erste Anzeichen einer sich anbahnenden Versöhnung mit dem erlittenen Schicksal geben. Manchmal rücken positive Erinnerungen an frühere Zeiten immer häufiger neben negative und deshalb belastende Erinnerungsfragmente. In der Phase des Suchens und Sich-Trennens geht es in erster Linie darum, von ausschließlich rückwärtsgewendeten Wiederfinden des Verlorenen ausgerichtete Suchbewegung aufzugeben bzw. sie an Findungsprozesse hier und heute und für die Zukunft anzukoppeln.

Neue Lebensenergien

Wo Altes losgelassen wird, kann Neues in Angriff genommen werden und eine auf Gegenwart und Zukunft ausgerichtete, realistische Neuorientierung entstehen. Suchen, Finden und Trennen bilden so eine Einheit, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft organisch miteinander verbinden. In dieser Zeit des neuen Selbst- und Weltbezuges kommt der Prozess des Suchens und Sich-Trennens zum Abschluss: Der erlittene Verlust kann mehr und mehr akzeptiert werden, ohne dass das Verlorene ausgeblendet bzw. vergessen werden muss. Erinnerung darf und soll sein; sie ist nicht mehr zu bekämpfen, sondern wir in Bereiche neuer Erfahrungen integriert.

Trauer kann so zu einer Kraft werden, die Lebensenergien neu ausrichtet und durch zahlreiche Wandlungen hindurch zu veränderter Orientierung finden lässt.

Ewigkeitssonntag – ein Tag der zum Leben gehört. Damit sieht und feiert die evangelische Kirche den Tod ähnlich der frühchristlichen Kirche und ähnlich Allerheiligen/Allerseelen als den „dies natalis“, den Geburtstag zum ewigen Leben.

Roland Hartzsch ist Pfarrer in der Kirchgemeinde Lommatzsch-Neckanitz