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Ex-Kruzianer René Pape auf Zeitreise

Zum ersten Mal singt der Kreuzchor am Freitag auf dem Semperopernball. Auch für den Opernsänger wird das ein berührendes Erlebnis sein.

© Norbert Millauer

Von Nadja Laske

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Ein Hochbett links, ein Stockbett rechts und dazwischen der sprachlose René Pape. Dem Opernsänger versagt kurz die Stimme, auf dem Tisch vor ihm liegen Schwarz-Weiß-Fotos. Still sucht er nach seinem Kindergesicht von einst unter vielen. Wie all die Knaben auf den alten Aufnahmen war auch der Star-Bassist ein Kruzianer, bevor er auf den Bühnen der Welt sang. Und er hatte ein zu Hause auf Zeit in einem Zimmer wie diesem.

© Norbert Millauer

Vor gut 40 Jahren lebte er im Alumnat. Da war er etwa so alt wie Lukas und Leander, die René Pape in ihr Reich eingeladen haben. Dafür gibt es einen besonderen Anlass. Ein Filmteam des MDR dreht einen Beitrag, der am Abend des Semperopernballes zu sehen sein wird. Denn der Kreuzchor tritt auf dem Jubiläumsball auf, das erste Mal in der zehnjährigen Ballgeschichte. Ebenfalls zum ersten Mal seit dem Ende seiner Schulzeit steht René Pape wieder in den Räumen seiner Chor-Jahre. Seine Söhne haben zwar das Kreuzgymnasium besucht. Doch weiter als bis auf den Schulhof sei er dadurch nie gekommen, sagt Pape. Ball-Chef Hans-Joachim Frey wird ihn am Freitag als Ehrengast in der Semperoper begrüßen, doch im Moment beschäftigt ihn das Hier und Jetzt viel mehr.

Nachts schlafen nun also Lukas, Leander und ihr Mitbewohner Florian in den Wohnheimbetten des Dresdner Kreuzchores. Die Möbelstücke stammen zwar nicht mehr aus den 70er-Jahren und auch sonst hat sich viel geändert. Doch René Pape übermannen trotzdem die Erinnerungen. „Die Jungs haben alle den gleichen Haarschnitt“, sagt er schließlich mit Blick auf seinen Jahrgang. „Vielleicht lag das daran, dass meine Mutter öfter zum Haare schneiden her kam.“ Die Frisuren seien heute anders, aber die Musik die gleiche, murmelt René Pape und lacht auf. Ihm ist eine Tischszene wieder eingefallen, die hat sich im Speisesaal abgespielt, den er später auch noch unbedingt sehen will. „Wenn ein Junge rief: Schmeiß mal die Kartoffeln rüber, dann konnte es passieren, dass sie wirklich geflogen kamen.“ Doch normalerweise herrschte Disziplin. Und wenn während der Probe doch jemand quatschte, stieg der damalige Kreuzkantor Martin Flämig trotz fortgeschrittenen Alters über Stuhlreihen, um sich den Übeltäter zu greifen. „Pape raus!“, auch an diesen Brüller kann sich der Sänger gut erinnern. Dann musste er raus vor die Tür und sich schämen und seiner Mutter blieb das Dilemma auch nicht verborgen.

„Tragt ihr beim Auftritt richtige Hemden?“, fragt René Pape die beiden Sechstklässler, in deren Zimmer er seine Zeitreise begonnen hat. Früher seien nur Hemdkragen in die Sakkojacken hineingeknöpft worden. „Bei Hitze im Sommer haben wir in kurzen Hosen gesungen, dazu Kniestrümpfe und komische Lackschuhe.“ Lukas und Leander tragen ganze Hemden mit großem Kragen überm Anzug-Revers. Lukas wird beim Semperopernball sogar solo singen. „Wollt ihr auch Opernsänger werden?“, fragt Pape weiter. „Ich lieber Schauspieler“, sagt der 12-Jährige und sein Freund schließt sich der Zukunftsmusik an.

Dass René Pape mit Gesang sein Geld verdienen würde, das habe sich erst spät abgezeichnet, erzählt er. Für den Stimmbruch und die sogenannte Mutantenphase habe er nur drei Wochen pausiert, da war er 14 Jahre alt. Dann sang er weiter und hatte sein Studium an der Dresdner Musikhochschule sicher, als er kurz vor dem Abitur von der Kreuzschule flog. Die Staatsoper Berlin hat ihn engagiert, die Bayreuther und die Salzburger Festspiele auch. An der Metropolitan Opera New York, der Mailänder Skala, der Wiener Staatsoper und der Opéra National de Paris sang er und bekam zwei Mal den Grammy. In Berlin, Dresden und Mailand ist er regelmäßig zu erleben. Sänger zu sein heiße, ein Leben lang zu lernen, sagt er.

Das Schönste für ihn daran: „Singen, Musik machen und Menschen glücklich sehen.“ Dafür will er Dinge vergessen, die ihn inmitten der frohen Erinnerungen ans Kruzianerleben auch beklemmen: Der ständige Kampf um höchste Leistung schon als Kind, die Härte und Strenge der Erziehung, die Ratlosigkeit auf Reisen in den Westen, wo sich so wenig mit der sozialistischen Erziehung deckte. „Ich habe aus meiner Zeit hier viel Wichtiges mitgenommen“, sagt René Pape zum Abschied. „Doch dass an diesem Nachmittag so tiefe Erinnerungen wach werden, das hätte ich nicht gedacht.“

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