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Experten der Sprengschule weltweit im Einsatz

Am Stadtrand werden Fachleute zur Beseitigung von Kampfmitteln ausgebildet. Der Beruf ist gefragt.

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© dpa

Von Christiane Raatz

Günter Fricke, einer der Geschäftsführer der Dresdner Sprengschule, schließt das Tor zum Übungsgelände auf. In dem ehemaligen Steinbruch zwischen Freital und Dresden stört es niemanden, wenn es ab und an kracht – natürlich nur zu Ausbildungszwecken. Hier, in der abgelegenen Heidenschanze, wird regelmäßig Feuerwerk abgebrannt, in den Bunkern werden kleine Sprengungen ausgelöst. „Auch Bohrlochsondierungen können wir üben“, erläutert Fricke und zeigt auf ein hohes Holzgerüst. In der Erde sind Granaten und andere Sprengkörper vergraben. Mit einem Metalldetektor müssen die Schüler sie finden, erkennen und freilegen.

In Baracken lagert das Anschauungsmaterial für die künftigen Kampfmittelbeseitiger: Jede Menge Splitterminen, Handgranaten und Artilleriemunition. Die älteste Granate stammt aus dem Jahr 1870, aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges, und ist von einer Schicht Rost umgeben. Mehrere Tausend Objekte haben sich im Laufe der Jahre angesammelt. Fricke kennt sämtliche Bezeichnungen und Daten auswendig. Deutsche, russische, französische, amerikanische und britische Geschosse stehen nebeneinander. „Die nehmen sich alle nichts, Krieg ist Krieg“, so der Experte.

Tipps für Krisenregionen

An der Dresdner Sprengschule werden Experten für Spreng- und Pyrotechnik sowie für die Kampfmittelbeseitigung und Minenräumung ausgebildet. Weil es nur wenige vergleichbare Lehrgänge gibt, ist das Wissen der Dresdner gefragt – auch weltweit. Gerade ist Fricke aus Katar zurückgekehrt. In dem kleinen Emirat am Persischen Golf hat er gemeinsam mit Kollegen Spezialkräfte der Polizei geschult. Auch in den USA, Angola, Bosnien, Großbritannien und anderen Ländern sind die Dresdner aktiv, oft geben sie Tipps zur Kampfmittelbeseitigung in Krisenregionen. „Die Nachfrage ist da“, erklärt Fricke. Seit ihrer Gründung 1961 zählt die Sprengschule rund 30 500 Absolventen.

Einer der Auszubildenden, die einen Kampfmittellehrgang besuchen, ist Christian Holler. Eigentlich arbeitet er in einem Ingenieurbüro, nun drückt er neun Wochen lang die Schulbank. Für seine Firma lernt er, wie man – etwa auf Baustellen – alte Munition findet, freilegt und die Fundorte anschließend richtig absperrt. Entschärfen dürfen aber nur die Experten des staatlichen Kampfmittelbeseitigungsdienstes. „Ich gehe mit einer Mischung aus Angst und Respekt an die Sache heran“, sagt Holler. Denn ein Risiko bleibt immer.

Wer einen Lehrgang an der Sprengschule besuchen will, muss Grund- und Fachkenntnisse mitbringen. Neben einem makellosen polizeilichen Führungszeugnis braucht es zudem vor allem eine Voraussetzung: „Starke Nerven“, so Fricke. Denn auch in brenzligen Situationen müssen die Experten einen kühlen Kopf bewahren. Fehler beim Erkennen von Zündern oder einer Sprengladung können tödlich enden. Die Schule hat deshalb eine eigene Munitionsdatenbank mit rund 3 800 Einträgen. Darin sind alle technischen Details aufgelistet, die auch von vielen Experten weltweit angefragt werden. Die Energiewende hat den Kampfmittelbeseitigern neue Tätigkeitsfelder verschafft: Es gibt immer mehr Offshore-Anlagen, vor deren Bau der Meeresgrund auf brisantes Kriegserbe untersucht werden muss. Nicht selten haben nach dem Kriegsende 1945 Schiffe nicht mehr benötigte Munitionsbestände in der Nord- und Ostsee versenkt. „Ein Problem, das sich nicht von alleine löst“, sagt Fricke.

Als ehemaliger waffentechnischer Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR und Experte für Sowjetmunition kennt Fricke sich aus. Anfang der 1990er-Jahre kam er an die Sprengschule. Auch wenn er demnächst 64 Jahre alt wird, denkt er noch nicht ans Aufhören. Er präsentiert eine Kammer, in der jede Menge verrostete und ungeordnete Munition lagert. „Das muss ich noch alles aufarbeiten, das werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr schaffen.“