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Explosion war zu verhindern

Vor einem Jahr waberten Rauchschwaden von Tschechien Richtung Sachsen. Zwei Mitarbeiter haben Schuld am Chemieunfall.

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© dpa

Von Steffen Neumann

Usti nad Labem. Zehn Minuten können lang sein. So lange zögerten am 13. August letzten Jahres zwei Mitarbeiter des Chemiewerks Unipetrol im Erzgebirgsvorland, eine Schutzwand aus Wasser und Dampf über der dortigen Ethylenanlage aufzubauen. Die Polizei sieht in den beiden die Hauptschuldigen an der größten Havarie bei Unipetrol seit 1996. Zwei Explosionen und mehrere Brände erschütterten das Werk. Der Schaden wird von Unipetrol auf 150 Millionen Euro geschätzt. Die 2 500 Beschäftigten und die umliegenden Gemeinden mit fast 100 000 Einwohnern hatten dagegen riesiges Glück: Es gab nur fünf Verletzte und keine Toten.

Doch hätten sich die zwei Mitarbeiter strikt nach den Vorgaben des innerbetrieblichen Notfallplans gerichtet, wäre es gar nicht zu der Explosion gekommen, ist die Polizei überzeugt. „Sie wussten, was zu tun ist, haben es aber nicht umgesetzt, obwohl bei ihnen mehrfach Warnsignale eingingen“, sagte Zbynek Dvorak, Chef der Kriminalpolizei, gestern in Usti nad Labem. Doch das war nicht die einzige Erkenntnis, welche das 13 Personen starke Team aus Polizisten und Feuerwehrleuten nach monatelanger Arbeit präsentierte.

Die beiden Mitarbeiter hätten zwar Schlimmeres verhindern können. Dass das entzündliche Propylen überhaupt austrat, war aber nicht ihre Schuld. Bereits im September hatten die Ermittler die Aufmerksamkeit auf die Ventile gerichtet. Zwei waren eine halbe Stunde vor der Explosion ausgefallen, für die vier Sicherheitsventile einsprangen.

Bei der Aufklärung, warum trotzdem Propylen austrat, halfen den Polizisten zwei Gutachten der Universitäten in Ostrava und Prag. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Sicherheitsventile überdimensioniert und für den heutigen Stand der Technik falsch eingestellt waren. „Das führt zum Shattering – dem mehrfachen schnellen Öffnen und Schließen“, zitierte Dvorak wörtlich.

Doch eine Anklage gegen das Chemiewerk, das zu dem polnischen Öl-Konzern PKN Orlen gehört, wird es nicht geben. „Die Anlage stammt noch aus der Zeit vor 1989 und entsprach damaligen Normen. Außerdem konnte das Werk eine regelmäßige Wartung nachweisen“, erklärt der Kriminalpolizeichef Zbynek Dvorak, warum eine solche Klage vor Gericht keinen Bestand hätte.

In der Nachbarschaft von Unipetrol hat man dafür kein Verständnis. „Von Bürgern bekomme ich immer wieder zu hören, Orlen kümmere sich zu wenig um Unipetrol und die Technik sei veraltet“, so Bürgermeisterin Kamila Blahova von Litvinov, das direkt an Unipetrol grenzt. Allerdings wurde ihr von Unipetrol versichert, dass die Technik regelmäßig gewartet wird. Wie um zu beweisen, dass sie es ernst meint, lässt die Firma nun die Ethylenanlage von der deutschen Firma Linde aufbauen.

Und: Das Unternehmen hat nicht nur alle Sicherheitsvorkehrungen auf den Prüfstand gestellt, sondern auch eine schnellere Information angekündigt. Für den Havariefall finanziert die Firma den Nachbarstädten den Versand von Warn-SMS an alle Bürger. Die Stadt Litvinov baut zudem einen Stadtfunk über öffentliche Lautsprecher auf.