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Exportschlager Sozialberatung

Die Beratung des ASB ist die Einzige weit und breit. Sogar aus Berlin und Bautzen reisen Hilfesuchende an.

Von Susanne Plecher

Im Gang hängt eine Tafel. Sie klärt auf über Neuregelungen im Arbeitslosenrecht, informiert darüber, wann Rückforderungen möglich sind und warum das Warmwasser im Regelsatz nicht mehr enthalten ist. Außerhalb der Sprechzeiten, so wie jetzt, sind die Stühle leer. Zu regulären Öffnungszeiten passiert das nicht. Dann gibt es Andrang. 2300 Menschen haben im Arbeitslosentreff des Arbeiter-Samariter-Bundes Ortsverband Riesa e.V. im Alleegässchen im vergangenen Jahr Hilfe gesucht. Der Großteil kam aus dem Landkreis, es gibt aber immer wieder Ratsuchende aus Dresden, Pirna, Heidenau, dem Südbrandenburgischen. Selbst aus Berlin und Bautzen reisen die Menschen an.

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Es duftet nach Zitronenöl. „Das entspannt. Das brauche ich manchmal.“ Petra Wegner hat ihre rotgeränderte Brille in ihr rot gefärbtes Haar geschoben. Sie leitet die Beratungsstelle und ist damit so etwas wie ein Fossil. „Es gibt nicht mehr viele von uns“, sagt sie. Seit der Arbeitslosenverband 2008 pleite gegangen ist, sind fast alle seiner Anlaufstellen für Ratsuchende zugemacht worden. Was vorher in Sachsen nahezu flächendeckend funktioniert hat, gibt es jetzt nur nach ganz vereinzelt. „Im Vogtland ist es noch eine Beratungsstelle, und in Leipzig“, zählt Petra Wegner auf. Sonst keine? Sie grübelt. „Nein“, sagt sie dann. „Wissen Sie, das ist das Paradoxe: Man wird gebraucht, aber das Angebot ist eine freiwillige Aufgabe, keine gesetzlich vorgeschriebene Pflicht.“ Für Kür sitzt keinem das Geld locker, ganz egal, wie nötig sie ist.

Hartz IV ist kein Zuckerschlecken

Der ASB hat die Beratungsstelle übernommen, dafür ist sie sehr dankbar. Zum Glück hält auch die Stadt zur Stange. Sie übernimmt im Rahmen der Vereinsförderung die Miete und die Nebenkosten. 3 500 Euro gibt sie in diesem Jahr, 500 Euro weniger als 2013. Der ASB zahlt Petra Wegners Stelle. Zwölf Stunden arbeitet sie pro Woche. Offiziell. Sie sieht das so: „Ich kann hier ja nicht einfach zumachen, wenn ich weiß, dass mich viele Leute brauchen.“ Und, dass sie gebraucht wird, ist unbestritten.

Rentner, denen man zwielichtige Verträge aufgeschwatzt hat, kommen zu ihr. Menschen, die Fragen zum Erbrecht oder zur Patientenverfügung haben, finden den Weg hierher. Oder Leute, die so verschüchtert von der Arbeitsagentur sind, dass sie nicht alleine hingehen wollen. Das Gros sind Arbeitslose, die von Hartz IV leben müssen und Aufstocker, deren Verdienst nicht zum Leben reicht. Das Beratungsspektrum ist weit gefächert. „Es gibt viele Probleme und viele, denen das Geld für einen Anwalt fehlt“, sagt Petra Wegner. Aus eigener Erfahrung weiß sie, was es bedeutet, arbeitslos zu sein, keine Perspektive zu sehen. Sie weiß aber auch, wie es ist, wenn man sich wieder berappelt, wieder teilhat am Leben, wieder mitmacht. „Es geht schnell bergab, wenn man ohne Aufgabe zu Hause sitzt. Ich finde es wichtig, dass man sich nicht vergräbt“, sagt sie. Ihre vier ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die sie in der Beratung kennengelernt hat, und die sie nun insgesamt sechzehn Stunden pro Woche unterstützen, sehen das ähnlich.

Das weit verbreitete Stigma des faulenzenden Hartzers bringt sie auf die Palme. „Es gibt sicher einige, die sich darin eingerichtet haben. Aber das ist nicht die Mehrheit“, sagt die 58-Jährige. „Hartz IV ist kein Zuckerschlecken.“ Der Bedarfssatz wird für jeden Antragsteller entsprechend seiner Lebensumstände einzeln ermittelt. Alles muss offen gelegt, Erspartes aufgebraucht, Rücklagen aufgelöst werden. Hartz IV, sagt Petra Wegner, ist ein Sozialdarlehen. „Wer es benötigt, macht sich zum gläsernen Menschen.“

Ein typisches Klientel gibt es nicht. Lehrer, Künstler, Büroangestellte, Arbeiter kommen hierher, die alleine überfordert mit den Anträgen sind. Petra Wegner holt einen Wälzer hervor. „Leitfaden zum Arbeitslosengeld II“ steht darauf. Er ist so dick wie das Dresdner Telefonbuch. „Meine Bibel“, sagt sie. „Die Menschen müssen verstehen, dass sie keine Bittsteller sind. Sie haben ein Recht auf das Geld“, sagt die Großenhainerin. Etwa jeder dritte Bescheid, der ihr vorgelegt wird, ist fehlerhaft. Dass sich das Amt einmal zugunsten des Antragstellers verrechnet hätte, hat sie noch nicht erlebt.

Häufig werden die Heizkosten falsch berechnet, fehlen Einträge. Mehrfach sind Verpflegungspauschalen eines Ehepartners, der sein Geld auf Montage verdient, dem anderen Ehepartner voll angerechnet worden. „Auch, wenn das Geld der Frau und den Kindern nicht zur Verfügung stand“, sagt sie. In solchen Fällen, die nach Widerspruch schreien, ist es angeraten, sich professionelle Hilfe zu holen.

Zwölf Jahre in der Sozialberatung haben Petra Wegners Sicht realistisch gemacht. Sie akzeptiert die gesetzlichen Gegebenheiten und versucht, für ihre Hilfesuchenden das Mögliche herauszuschlagen. „Ich habe gelernt, die Welt nicht mehr verbessern zu wollen“, sagt sie und geht ans Telefon. Ihre Hilfe ist gefragt.

Arbeitslosentreff, Alleegässchen 1, Öffnungszeiten: Mo., Die., Do., 8 bis 12 Uhr. 503136.