merken
PLUS Sport

Wenn das Essen nur bis zum Nordpol reicht

Wegen Corona lebt Myrtle Simpson allein und fühlt sich doch nicht so einsam wie damals in der Arktis – ein Interview mit der Frau, die als Erste Grönland durchquerte.

Das grönländische Eisschild glitzert 1965 in all seiner Schönheit, als ob Diamanten auf dem Boden liegen. Der Schlitten ist wie der von Fridtjof Nansen aus Holz, damit keine Metallteile anfangen können zu rosten.
Das grönländische Eisschild glitzert 1965 in all seiner Schönheit, als ob Diamanten auf dem Boden liegen. Der Schlitten ist wie der von Fridtjof Nansen aus Holz, damit keine Metallteile anfangen können zu rosten. © Banff Mountain Film Festival World Tour 2020/Hugh

Vor 55 Jahren durchquerte Myrtle Simpson als erste Frau Grönland. Im Interview erzählt die Schottin, die seit 60 Jahren verheiratet ist, warum sie auf Expedition nie Ehefrau war, wann sie mehr Einsamkeit gespürt hat als bei der Selbstisolation in der Corona-Krise und wieso sie auch mit 90 Jahren eines empfindet: Wanderlust.

Frau Simpson, 1965 haben Sie als erste Frau zu Fuß und auf Ski Grönland durchquert. 1969 folgte eine große Nordpolexpedition. Sie wurden gefeiert und zugleich als vermeintlich schlechte Mutter Ihrer vier Kinder angefeindet. War es Ihnen wichtig zu zeigen, dass Frauen und Mütter auch auf Expedition gehen können?

Gesundheit
Gesund und Fit
Gesund und Fit

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Nein. Ich bin nicht in die Berge und später in die Arktis gegangen, um zu zeigen, was Frauen drauf haben, sondern nur, weil es mir gefallen hat.

Woher kommt diese Begeisterung für Berge, Eis und Wildnis?

Wahrscheinlich hat das mit meiner frühen Kindheit zu tun. Mein Vater war britischer Offizier in Indien, an der Grenze zu Afghanistan. Im Sommer flohen alle Briten vor der Hitze in die Berge. Aus der Zeit stammt eine meiner frühesten, aber stärksten Erinnerungen. Da sitze ich in einem Korb auf dem Rücken eines Esels und starre mit großen Augen auf die Berge, das Eis und den Schnee.

Jahrzehnte später haben Sie Ihren Mann Hugh auf Forschungsreise am Polarkreis begleitet – und Ihr erstes, wenige Wochen altes Kind war auch dabei. Das war in den 1960er-Jahren noch ungewöhnlicher als heute. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, es nicht zu tun – auch, weil es die Samen im hohen Norden Skandinaviens nicht anders machen: Sie folgen ihren Rentieren – auch dann, wenn ein Kind geboren wird. Natürlich haben mein Mann und ich unsere Kinder später nicht auf die großen Expeditionen mitgenommen, aber oft bis zum Ausgangspunkt, und in der Zwischenzeit waren sie bei Freunden und haben uns am Endpunkt unserer Expedition erwartet.

Die Presse kritisierte Sie dafür.

Und wie! „Rabenmutter begibt sich mit ihren Kindern in Gefahr.“ So oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen.

Was haben Sie geantwortet?

Dass es den Kindern gut gehe und tue. Auf Reisen haben wir ja mehr Zeit mit den vier Kindern verbracht, als dass wir ohne sie auf Expedition waren.

Warum haben Sie 1965 bei der Grönland-Durchquerung keine Schlittenhunde eingesetzt?

ein Mann war als Expeditionsarzt drei Jahre in der Antarktis. Da hatten sie auch Schlittenhunde. Er wusste, dass es etwa ein Jahr dauert, um ein gutes Hundeteam zusammenzustellen und zu trainieren. Die Zeit hatten wir nicht. Es war zudem britische Tradition, es ohne Hunde zu machen.

Wie reagierten die Menschen in Grönland auf Sie?

Als wir zu Beginn unserer Durchquerung an einem der letzten Orte halt machten, fragten die Einwohner: „Wo sind eure Schlittenhunde?“ Dass wir den Schlitten zogen, fanden sie sehr lustig.

Sie waren Ihre eigenen Hunde.

Genau.

Bis Sie den Schlitten in ein kleines Segelschiff verwandelten …

Nach dem Vorbild Fridtjof Nansens, der 1888 als Erster Grönland durchquerte, haben wir ein kleines Segel gesetzt, nachdem wir die Berge überwunden hatten – also ungefähr nach der Hälfte der Strecke. Auch das Navigieren auf den riesigen Eisflächen war wie auf einem Ozean.

Wie viel Strecke schafften Sie pro Tag?

Wir hatten ausgerechnet, dass wir zwölf Meilen am Tag schaffen mussten. Die ersten drei, vier Wochen schafften wir nur drei Meilen. Das lag am schwierigen Terrain, aber auch an den Temperaturen. Bei uns war es schon deutlich wärmer als zu Nansens Zeiten. Daher lief der Schlitten nicht so gut. Ich denke, das waren die ersten Anzeichen der Klimaerwärmung, auch wenn wir das noch nicht wussten.

Als Sie endlich die Westküste erreicht hatten, machte sich einer Ihrer drei Expeditionspartner über die ersten Blumen her.

Das war die verrückte Art von Billy Wallace, sich zu freuen, weil diese Pflanze der lebende Beweis dafür war, dass wir das grönländische Eisschild hinter uns gebracht hatten. Ich weiß noch genau, was er da kaute: Gegenblättrigen Steinbrech. Den gibt es überall dort und auf den hohen Bergen. Oft ist das die erste Pflanze, die man zu sehen bekommt, wenn man aus dem Eis kommt.

1969 wollten Sie zum Nordpol, mussten aber umkehren. Warum?

Das Batteriesystem für unser Radio hatte Feuer gefangen – und ohne Strom kein Radioempfang und keine Uhrzeit und damit keine Navigation. Wir wollten uns am Nordpol mit japanischen Wissenschaftlern auf einem U-Boot treffen. Ohne Navigation hätten wir sie verfehlt. Wir hätten nicht gewusst, ob wir den Nordpol erreicht hätten, selbst wenn wir dort gewesen wären.

Myrtle Simpson vermisst ihren Mann Hugh. Er lebt in einem Pflegeheim. Beide telefonieren ständig.
Myrtle Simpson vermisst ihren Mann Hugh. Er lebt in einem Pflegeheim. Beide telefonieren ständig. © Erol Gurian

Waren die Essensvorräte auch ein Faktor?

Wir hatten genug dabei. Wir hatten nur nicht genug zu essen dabei, um am Nordpol vorbeizulaufen.

Waren sich alle in der Gruppe einig, umzukehren?

Wir haben drei Tage und drei Nächte darüber gestritten. Mein Mann wollte umkehren. Er war Wissenschaftler und vertrat die abwägende Vernunft. Ich wollte weitergehen. Roger Tufft, der Dritte im Bunde, war zuerst auf meiner Seite, bis er sich auf die Seite meines Mannes schlug, weil er dachte, dass wir umdrehen und es gleich wieder versuchen sollten. Am Ende stand es zwei zu eins gegen mich.

Hat das eine Ehekrise ausgelöst?

Auf Expedition hat es nie eine Rolle gespielt, dass wir verheiratet waren. Da waren wir einfach nur Expeditionsteilnehmer. Dass wir Ehemann und Ehefrau waren, hat man höchstens beim Schlafen gemerkt. Wir hatten einen großen Schlafsack für alle. Also haben Hugh und ich auf der einen, die anderen auf der anderen Seite geschlafen.

Wo harren Sie jetzt in der Corona-Krise aus?

Bei mir zu Hause – ganz allein. Wir Alten mussten uns ja isolieren, damit uns das Virus nicht kriegt. Bis zum nächsten Geschäft sind es über elf Kilometer.

Wie halten Sie die Einsamkeit aus?

Sehr gut. Ich bin es ja auch sonst gewohnt. Und verglichen mit der Zeit in der Arktis bin ich ja nicht so allein. Dort war außer uns gar niemand.

Wann haben Sie sich dort am einsamsten gefühlt?

Als wir uns nach dem Abbruch unseres Nordpolunternehmens auf einer riesigen Eisscholle wiederfanden – einer Eisscholle, die Richtung offene See trieb. Wenn Sie auf offenes Wasser blicken und nicht wissen, ob die Verbindung zum Land wieder gefriert: Da fühlen Sie sich einsam. Wir hatten Glück, dass es wieder zugefroren ist.

Ihr Mann lebt heute in einem Pflegeheim?

Seit mehreren Jahren schon. Es ist hart, dass ich ihn jetzt so lange nicht besuchen durfte. Aber ich verstehe natürlich, dass sie alles tun müssen, damit das Virus nicht ins Pflegeheim eindringt. Bis jetzt ist alles okay. Wir telefonieren regelmäßig, manchmal auch per Video. Es wäre schön, wenn er bei mir sein könnte und geistig so fit wie früher wäre. Als ehemaliger Arzt könnte er mir alle meine Fragen zu dieser Pandemie erklären.

Hilft Ihnen das, was Sie auf Ihren Expeditionen gelernt haben, auch jetzt?

Natürlich. Wenn man in Isolation lebt, braucht man noch mehr als sonst einen regelmäßigen Rhythmus – wie auf Expedition. Vor allem darf man sich nicht gehen lassen.

Haben Sie einen persönlichen Tipp fürs Fitbleiben?

Dass man dranbleibt. Wenn einem die Kräfte schwinden, ist es ein Leichtes, sich gehen zu lassen, bequem zu werden. Aber das ist falsch. Man muss weitermachen und sich das erhalten, was Sie auf Deutsch so schön in nur einem Wort ausdrücken können. Sie haben dieses wunderbare Wort … Wander …

Wanderlust?

Das ist es. Ich müsste zehn Sätze formulieren, um auszudrücken, was in diesem Wort steckt.

Sie haben sich also die Wanderlust auch mit 90 erhalten?

Ich glaube, jeder Mensch hat sie in sich. Aber wenn man zu konform lebt, immer nur im kleinen Häuschen, und immer nur das tut, was alle erwarten, dann geht sie verloren.

Haben Sie schon Pläne, was Sie nach der Corona-Krise tun?

Ich möchte, wenn es geht, noch einmal in den hohen Norden. Am liebsten in den russischen Teil, weil das früher nicht möglich war. Da möchte ich hin – und mit einem Kajak die Küste entlangfahren.

Das Gespräch führte Claus Lochbihler.

Mehr zum Thema Sport