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Hier hat auch der Chef keinen Zugang

Die Fahrrad-Affäre hat das Vertrauen in die sächsische Polizei stark beschädigt. Ein Besuch in der streng überwachten Asservatenkammer der Direktion Dresden.

Die Leiterin der Asservatenstelle Carmen Buczek inmitten der rund 170 Fahrräder des Polizeilagers in Radebeul.
Die Leiterin der Asservatenstelle Carmen Buczek inmitten der rund 170 Fahrräder des Polizeilagers in Radebeul. © Arvid Müller

Volker Lange hält seinen Chip an den Scanner neben der massiven Sicherheitstür. Doch das Lämpchen bleibt rot. Nur vier Mitarbeiter der Polizeidirektion Dresden haben Zugang, Kripo-Chef Lange gehört nicht dazu. Der Grund: Hinter den unscheinbaren Kellergängen des Gebäudes neben der Frauenkirche lagern unter anderem Beweismittel aus Mordfällen, Drogen und manchmal auch teurer Schmuck. Ein äußerst sensibler Bereich in jedem deutschen Revier – und ein verlockender.

Im Juni kam heraus, dass aus der Asservatenkammer der Leipziger Polizei heraus über tausend beschlagnahmte Fahrräder illegal an Beamte aus ganz Sachsen verkauft worden sein sollen. Vier Jahre lang sollen diese Geschäfte geblüht haben. 

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Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft, der Fall hat medial hohe Wellen geschlagen. Innenminister Roland Wöller (CDU) wird von der Opposition vorgeworfen, die Affäre bewusst der Öffentlichkeit verschwiegen zu haben. Auch zwei Mitarbeiter der Polizeidirektion Dresden sollen laut Ermittlungsakten in die illegalen Geschäfte verwickelt gewesen sein.

"Besonders penibel und zuverlässig"

Beschlagnahmt ein Polizist zum Beispiel ein illegales Butterfly-Messer, muss er damit zu Buczek in die sogenannte „Annahmestelle“. Hier haben nur vier Mitarbeiter Zugang zu dem Computerprogramm, das die Asservate registriert und ihnen eine spezielle Nummer zuweist. Im Anschluss landet das Messer verpackt und beschriftet in einem von 23 Räumen unterhalb des Areals am Neumarkt.

Dort sieht es dementsprechend auch eher unspektakulär aus. In zweckmäßigen Regalen liegen aufgereiht braune Papiertüten und Päckchen, in Plastikkisten sind Beweismittel der Spurensicherung in Briefumschlägen einsortiert, über 10.000 Stück insgesamt. 

Bis hierhin und nicht weiter: Hinter den Holztresen der Asservaten-Annahmestelle dürfen nur Carmen Buczek und ihre Mitarbeiter.
Bis hierhin und nicht weiter: Hinter den Holztresen der Asservaten-Annahmestelle dürfen nur Carmen Buczek und ihre Mitarbeiter. © © by Matthias Rietschel

Man wolle Transparenz schaffen, heißt es in der Schießgasse. Zeigen, wie das System Asservatenkammer funktioniert, verlorenes Vertrauen wiederherstellen. Kriminalhauptmeisterin Carmen Buczek leitet die zentrale Asservatenstelle der Polizeidirektion seit Januar 2018. 

Volker Lange hat sie damals für den Job ausgewählt, weil ihre Vorgesetzten ihr in allen Beurteilungen bescheinigten „besonders penibel und absolut zuverlässig“ zu sein. Buczek, eine hagere Frau mit strengem Zopf und Brille, überwacht die Reise der Asservate.

Wer kontrolliert die Kontrolleure?

„Wir legen viel Wert auf Ordnung, Messi-Chaos wollen wir nicht“, sagt Jens Schneider, Leiter des Kommissariats 44 und direkter Vorgesetzter von Buczek. Auch er hat weder Zugang zur Asservaten-Software noch zu den Kammern. Wer aber kontrolliert dann Buczek und ihre Kollegen? In Leipzig, so informierte die Staatsanwaltschaft, ist die Verantwortliche der Asservatenstelle die Hauptverdächtige. 

Sie soll die beschlagnahmten Fahrräder an ihre Kollegen weiterverkauft haben.Einmal im Jahr gebe es eine angekündigte Überprüfung, sagt Schneider. Mitarbeiter von Buczek wählen dabei ohne das Wissen ihrer Chefin in einer „willkürlichen Recherche“ mehrere Asservate aus. 

Schneider und Polizeibeamte aus verschiedenen Abteilungen prüfen dann mindestens im Sechs-Augen-Prinzip, ob die jeweiligen Gegenstände vorhanden sind, ob etwa Mengen von Betäubungsmitteln stimmen und ob die Asservate richtig nummeriert und im System hinterlegt sind. „Darüber hinaus legt Frau Buczek regelmäßig Berichte über die Ein- und Ausgänge in die Asservatenstelle vor“, erklärt Schneider. 

Kripo-Chef: "Fehler in Leipzig lag woanders"

Natürlich könne Missbrauch theoretisch stattfinden, gibt Schneider auf Nachfrage zu. Denn dass sich die Mitarbeiter vor einer angekündigten Überprüfung absprechen, kann nicht abschließend verhindert werden. 

Trotzdem: „Die Asservatenkammer ist betrugssicher“, betont Kripo-Chef Lange. Denn im täglichen Betrieb bräuchte die Polizei immer wieder Zugriff auf Beweismittel und Co. und kontrolliere damit automatisch die Bestände. Und um etwa die Codes der Asservate im System zu ändern, brauche es schon tief greifende Hacker-Kenntnisse und Zugriffsmöglichkeiten.

Kripo-Chef Volker Lange hat vollstes Vertrauen in Technik und seine Mitarbeiter: "Das System ist betrugssicher", sagt er.
Kripo-Chef Volker Lange hat vollstes Vertrauen in Technik und seine Mitarbeiter: "Das System ist betrugssicher", sagt er. © © by Matthias Rietschel

„Es ist gut, wenn der Personenkreis möglichst klein gehalten wird, der mit Asservaten zu tun hat“, sagt Schneider. Das halte bei Unstimmigkeiten den Kreis der Verdächtigen klein. In Leipzig habe nicht die Asservatenkontrolle versagt, springt Lange ihm zur Seite. Vielmehr sei der Fehler nach Abschluss des Strafverfahrens passiert. Dann nämlich ordnet die Staatsanwaltschaft an, was mit den Asservaten passiert. Dabei gibt es drei Möglichkeiten: Vernichtung, Verwertung oder Rückgabe an den Besitzer. 

Das passiert nach dem Verfahren mit Asservaten

Rund 170 Fahrräder stehen in Lagerräumen der Dresdner Polizei im Nachbarort Radebeul, knapp 250 in einer weiteren Außenstelle. Viele teure Modelle gehören erst der Versicherung, die den Geschädigten bereits ausbezahlt hat und bleiben weiter bei der Polizei, weil die Versicherungen kein Interesse an den Rädern haben. Die Beamten sind dann verpflichtet, die Räder von einem Auktionshaus versteigern oder einem gemeinnützigen Verein zukommen zu lassen. Der Erlös fließt direkt in die Staatskasse.

Den ersten Ermittlungen zufolge soll die Mitarbeiterin der Asservatenstelle in Leipzig die Räder nach der Austragung aus dem Computersystem an einen dubiosen Kleingartenverein vermittelt und von dort für 50 bis 100 Euro an Arbeitskollegen verkauft haben. 

Keine Schulungen nach Affäre: "Personenkreis ist zu klein"

„So eine Praxis wäre in Dresden gar nicht möglich“, sagt Polizeisprecher Thomas Geithner. Die Polizeidirektion habe eine interne Richtlinie, nach der Fahrräder nur an ausgewiesene Vereine mit eigener Fahrradwerkstatt vergeben werden, die Jugendarbeit leisten.

Die Leipzig-Affäre stellt also weniger das strenge Sicherheitssystem in der Asservatenkammer infrage. Sie hat letztlich mehr mit Vertrauen und Berufsethos zu tun. Welche Konsequenzen zieht man in Dresden aus dem Skandal? „Es wurden über Wochen hinweg alle Asservate inventarisiert und überprüft“, sagt Geithner.

 Außerdem seien die Beamten über Führungskräfte in regelmäßigen Treffen für das Thema sensibilisiert worden. Spezielle Schulungen habe es aber nicht gegeben. „Dafür ist der betroffene Personenkreis zu klein“, sagt Geithner. 

Jedes Asservat erhält eine Nummer, die im System vermerkt und aufgeklebt wird. So soll Missbrauch verhindert werden.
Jedes Asservat erhält eine Nummer, die im System vermerkt und aufgeklebt wird. So soll Missbrauch verhindert werden. © © by Matthias Rietschel

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