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Fahrraddieb schwärzt seinen Bruder an

Immer wieder stiehlt ein Riesaer Räder im Stadtgebiet - und bringt damit auch einem Familienmitglied Ärger mit der Justiz ein.

Mutmaßlich gestohlene Fahrräder im Riesaer Polizeirevier. Oft ist es schwierig, die Taten aufzuklären.
Mutmaßlich gestohlene Fahrräder im Riesaer Polizeirevier. Oft ist es schwierig, die Taten aufzuklären. © Sebastian Schultz

Riesa. Der Riesaer zweifelt zuallererst an sich selbst, als er am zeitigen Morgen zur Frühschicht aufbrechen will. "Ich musste erst einmal meine Frau fragen, ob ich das Fahrrad wirklich im Hof abgestellt hatte", erzählt der 49-Jährige. "Sie war sich aber sicher, dass es am Abend noch dort stand." Einige Stunden später ist es weg, der Mann wird an diesem Novembermorgen zu spät bei seinem Arbeitgeber erscheinen. 

Normalerweise enden solche Geschichten schon an dieser Stelle. Fahrraddiebstähle werden vergleichsweise selten aufgeklärt - nicht zuletzt, weil sich schwierig nach dem Diebesgut fahnden lässt, wenn die Räder nicht codiert wurden. "Außerdem gibt es oft keine Ermittlungsansätze, weil der Spurenträger, also das Fahrrad, verschwunden ist", sagt Riesas Revierleiter Andreas Wnuck. Von den 336 Fahrraddiebstählen im Jahr 2019 haben die Beamten aus dem Revier Riesa etwa 22 Prozent aufgeklärt. Das ist zwar etwa doppelt so gut wie noch 2010, weil heutzutage deutlich öfter kontrolliert werde. Aber verglichen mit anderen Straftaten bleibt diese Zahl eher dürftig.  

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Falschaussage bringt Bruder vor Gericht

Doch im Fall des aus dem Hof gestohlenen Fahrrads liegt die Sache anders. Einer Polizeistreife fällt nur einen Tag nach dem Diebstahl ein Riesaer auf, der mit dem Rad  unterwegs ist. Der 25-Jährige ist schon polizeibekannt - und wird kontrolliert. Den Beamten erzählt der Deutsche schließlich, sein großer Bruder habe das Fahrrad gestohlen. 

Ein halbes Jahr später sitzen nun also beide Brüder auf der Anklagebank des Riesaer Amtsgerichts. Schnell stellt sich dabei heraus: Der Ältere der Beiden ist von seinem Bruder zu Unrecht angeschwärzt worden. Als er es mitbekam, da habe er ihn sogar noch aufgefordert, "zur Kripo zu gehen und die Dinge geradezurücken". Offenbar vergebens. Und so sitzt nun der Familienvater neben seinem jüngeren Bruder auf der Anklagebank und muss dem Prozess bis zur Urteilsverkündung folgen. Er wird später freigesprochen werden. 

"Er kann's nicht lassen"

Dem 25-Jährigen werden dagegen im Verfahren noch zwei weitere Fahrraddiebstähle zur Last gelegt, die sich ebenfalls 2019 ereignet haben sollen. In einem Fall setzte er sich auf ein unangeschlossenes Fahrrad vor der Elbgalerie in Riesa und fuhr davon. Der Besitzer hatte es dort abgestellt, als er beim Friseur war - und sah nun durchs Schaufenster, wie der Dieb darauf davonradelte. Weit floh der Angeklagte nicht: Schon am Alexander-Puschkin-Platz stellte ihn der Fahrradbesitzer. Nur sein Gefährt war weg - der Dieb hatte es in einer Hecke versteckt. Die Polizei fand das Rad später wieder. 

Der dritte Diebstahl wiederum ereignete sich am Bahnhof in Riesa. Dort war im September 2019 ein weißes Damenrad gestohlen worden. Die Täter schnitten offenbar mit einem Bolzenschneider das Seilschloss durch. Die Besitzerin erkannte das Fahrrad schließlich ein paar Tage später wieder und sprach den 25-Jährigen an, der damit unterwegs war. "Das Rad hab ich nicht gemaust", sagt der Dieb allerdings. Ein Freund, der ebenfalls wegen derartiger Diebstähle gerichtsbekannt ist, habe ihm das Fahrrad gegeben. "Ich wusste aber, dass es gestohlen ist." Kein Diebstahl also, aber Hehlerei. 

Was ihn in den einzelnen Fällen dazu brachte, die Räder zu stehlen, kann der 25-Jährige nur bedingt erklären. Er habe eben jeweils ein Fahrrad gebraucht, sagt er. Sein Bruder wird da, Familie hin oder her, deutlich: "Er kann's nicht lassen. Wenn er ein Fahrrad sieht, dann muss er es einfach klauen." Da lande dann auch gern mal der von Verwandten geliehene fahrbare Untersatz im Gebüsch, erzählt der 31-Jährige. 

Diebstahl wird teurer als Fahrradkauf

Im Riesaer Polizeirevier wird grundsätzlich zwischen zwei Motiven für Fahrraddiebstahl unterschieden. "Das eine ist der klassische Nachhause-Fahrer", sagt Revierleiter Andreas Wnuck. Der komme etwa abends am Bahnhof an und benutze ein unangeschlossenes Rad für den Heimweg. Das andere Motiv sei der gewohnheitsmäßige Diebstahl, um die Gefährte zu verkaufen oder für sich selbst zu nutzen.

Für die Begründung des Angeklagten zeigt Amtsrichterin Ingeborg Schäfer wenig Verständnis. "Haben Sie schon jemals überlegt, sich übers Fundbüro ein Fahrrad zu holen, wenn sie eins brauchen?" 

Das jedenfalls wäre wohl günstiger ausgefallen, als die Geldstrafe, die die Richterin dem Riesaer aufbrummt. 120 Tagessätze zu zehn Euro, in Summe also 1.200 Euro, wird der junge Mann wegen Diebstahls und Hehlerei zahlen müssen. Über eigenes Vermögen verfügt er nicht, er steht unter Betreuung. Die 80 Euro Taschengeld pro Woche gibt seine Betreuerin den Eltern. "Sonst wäre das innerhalb eines Tages weg." 

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Mit dem Urteil kommt der Mann noch gut weg, macht Staatsanwalt Peter Lässig deutlich. Dass er gerade so noch keine Freiheitsstrafe fordert, liegt am Ende auch an der Aussage des 49-Jährigen, dem das Rad aus dem Hof gestohlen wurde. Der ist sich nämlich nicht mehr hundertprozentig sicher, ob er sein Fahrrad angeschlossen hatte. So musste der Angeklagte deutlich weniger kriminelle Energie aufbringen. Trotzdem, so warnt die Richterin: "Noch ein, zwei Mal, dann sitzen Sie in Haft." Zumal die Falschaussage gegen seinen Bruder dem 25-Jährigen noch ein Strafverfahren einbrocken könnte - wegen falscher Verdächtigung. 

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