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Falsch liegen immer nur die anderen

Auch viele Frauen hängen an veralteten Rollenbildern – und Linksliberale halten sich nicht selten für etwas Besseres, so Soziologin Laura Wiesböck.

Wer den Zeigefinger auf andere richtet, auf den weisen drei Finger zurück, sagte einst Bundespräsident Gustav Heinemann.
Wer den Zeigefinger auf andere richtet, auf den weisen drei Finger zurück, sagte einst Bundespräsident Gustav Heinemann. © plainpicture

Von Michael Bittner

Jeder Mensch wird von dem Verlangen umgetrieben, als einzigartige Person wertgeschätzt und behandelt zu werden. Diese Anerkennung aber ist nur bei den anderen zu erlangen. So finden sich Menschen in Gruppen zusammen, in denen sie einander bestärken und eine gemeinsame Identität entwickeln. Aber es gibt keinen Zusammenschluss ohne Ausschluss. Wo die einen sich finden, werden andere als fremd ausgegrenzt.

Oft bleibt es nicht bei solcher Ausgrenzung. Die Fremden gelten bald nicht mehr nur als andersartig, sondern werden als minderwertig betrachtet, um sich selbst zu erhöhen. Überdies wird dem anderen kein individueller Charakter mehr zugestanden, er wird zum bloßen Vertreter einer feindlichen Masse, in der vermeintlich alle gleich sind.

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Aus einer solchen Haltung entwickelt sich „Der selbstgerechte Blick auf die Anderen“, den die Wiener Soziologin Laura Wiesböck zum Thema und Untertitel ihres ersten Buches gemacht hat. Die Autorin hält sich nicht lange mit den wissenschaftlichen Grundlagen auf. Ihr geht es um eine Anwendung dieser soziologischen Einsichten auf die verschiedenen Felder der gegenwärtigen Gesellschaft: Arbeit, Geschlecht, Einwanderung, Armut und Vermögen, Kriminalität, Konsum, Aufmerksamkeit und Politik.

Laura Wiesböck: In besserer Gesellschaft: Der selbst-
	gerechte Blick auf die Anderen. Verlag Kremayr & Scheriau, 208 Seiten, 22 Euro.
Laura Wiesböck: In besserer Gesellschaft: Der selbst- gerechte Blick auf die Anderen. Verlag Kremayr & Scheriau, 208 Seiten, 22 Euro. © Kremayr & Scheriau

Während man viele Werke ihrer Fachkollegen vorm Lesen erst einmal vom Soziologischen ins Deutsche übersetzen müsste, schreibt Wiesböck erfreulich verständlich. Und sie hat einen Blick auf die Welt, den man vor geraumer Zeit noch dialektisch genannt hätte. 

Sie sieht nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch Zwischentöne und Widersprüche: Opfer von Diskriminierung können zugleich Täter sein. Und Menschen, die Vorurteile pflegen, leiden auch selbst unter ihnen. Beispiele für solche Verstrickungen finden sich in den Bereichen rassistischer, sexistischer und klassenbedingter Abwertung gleichermaßen.

Es sind nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die Frauen abschätzig betrachten: „Das Geschlecht schützt eben nicht vor einer patriarchalen Haltung.“ Umgekehrt schaden sich Männer selbst, indem sie einem überkommenen Bild von „Männlichkeit“ nacheifern: Sie leben ungesünder, lassen sich häufiger auf gewalttätige Auseinandersetzungen ein und verschmähen Bildung – weil sie glauben, als „echter Mann“ zu solchem Verhalten verpflichtet zu sein. Doch ein solches Rollenverständnis führt in der heutigen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft nicht mehr zum Erfolg, sondern zum Frust.

Ein Ventil findet die Unzufriedenheit vieler weißer Männer über den Verlust von Macht im rechten Kampf gegen „Multikulturalismus und Feminismus“. Aber auch hier liegen die Dinge, wie Wiesböck zu Recht herausstellt, nicht so einfach. Vorurteile gegen Zuwanderer sind nicht nur unter Abgehängten verbreitet, sondern auch im wohlhabenden Bürgertum, allerdings nicht gegen hochqualifizierte „Expats“, sondern vor allem gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“. 

Wann ist der Mann ein Mann?

Und auch unter Migranten gibt es Migrationsgegner: Schon länger in Deutschland ansässige Zuwanderer solidarisieren sich oft nicht mit neu Hinzukommenden, sondern schmähen sie, um ihre eigene Zugehörigkeit zur neuen Heimat unter Beweis zu stellen.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Wiesböck der sozialen Diskriminierung. Die Abwertung von Armen und Arbeitslosen als faule Versager ist nicht weniger verbreitet als Rassismus und Sexismus, wird aber selbst im linken Diskurs seltener besprochen. Dabei sind die Auswirkungen fatal:

Der Autor des Textes: Literaturwissenschaftler und Kolumnist Michael Bittner.
Der Autor des Textes: Literaturwissenschaftler und Kolumnist Michael Bittner. © Ronald Bonß

„Mit der Abgrenzung nach unten sind die Stabilität und der Zusammenhalt innerhalb der demokratischen Gesellschaft infrage gestellt. Wenn die Differenz und die Abwertung im Vordergrund stehen, dann werden soziale Benachteiligungen eher zur moralischen Entrüstung als zu politischem Engagement führen.“

Wie ungerecht die Gesellschaft urteilt, zeigt sich beispielsweise im Bereich der Kriminalität: Ein Taschendieb aus der Unterschicht wird oft weit härter verdammt und bestraft als ein elitärer Milliardenbetrüger.

Proleten-Verachtung im Bioladen

An der Entsolidarisierung der Gesellschaft wirken aber auch Menschen aus dem linksliberalen Milieu mit, die sich selbst für besonders aufgeklärt halten. Sie lassen sich als Scheinselbstständige in der „Kreativwirtschaft“ ausbeuten, um wenigstens auf gewöhnliche Handarbeiter herabblicken zu können. 

Sie verachten Proleten, die nicht im Bioladen moralisch und ökologisch einwandfreie Produkte kaufen, ohne zu bedenken, dass dazu eine Menge Wohlstand nötig ist. Sie verurteilen die Wähler der „Rechtspopulisten“ ebenso pauschal als dumm und böse, wie diese es mit ihren Gegnern tun.

Unvernunft erkennt eben jeder nur bei den anderen. Besser wäre es, so schließt Laura Wiesböck, öfter einmal einen „strengen Blick“ auf das eigene Reden und Handeln zu richten.

Ihr Buch bietet in allen Kapiteln erhellende Einsichten und anschauliche Beispiele. Doch eine Menge Abschweifungen und die Vielzahl der behandelten Themen erschweren dem Lesenden den Überblick, den Faden der Argumentation verliert man mehr als einmal aus den Augen. Vielleicht sollte sich die Autorin bei ihrem nächsten Buch auf ein Thema beschränken, um dieses dann eingehender und geduldiger zu behandeln. Freuen darf man sich auf dieses Buch in jedem Fall schon jetzt.

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