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Dresden

Falscher Polizist vor Gericht

Ein 28-Jähriger soll ein führendes Mitglied einer türkischen Telefonbetrüger-Bande sein. Er bestreitet das.

Wachtmeister bringen Velit D. in seinen Gerichtssaal. Der gelernte Kaufmann bestreitet die Vorwürfe entschieden.
Wachtmeister bringen Velit D. in seinen Gerichtssaal. Der gelernte Kaufmann bestreitet die Vorwürfe entschieden. © Ronald Bonß

Wenn sie einmal Erfolg haben, dann machen diese Telefonbetrüger richtig viel Geld. Sechsstellige Summen sind keine Seltenheit. Seit Jahren rufen die Täter gezielt ältere Menschen an, denen sie sich am Telefon als Polizeibeamte vorstellen. Dann erzählen sie den zum Teil betagten Rentnern Geschichten von einer osteuropäischen Bande, die soeben gefasst worden sei, und in deren Besitz man Hinweise auf einen geplanten Einbruch bei eben der angerufenen Person gefunden habe. Ganz freundlich sind die Betrüger am anderen Ende der Leitung, wenn sie ihren Opfern Angst machen. Mal ein Kommissar vom Bundeskriminalamt, mal ein Ermittler der Polizei vor Ort. Oft sehen die Angerufenen sogar eine Polizei-Telefonnummer mit Ortsvorwahl auf ihrem Display, so dass sie sich in Sicherheit wiegen und dem netten Mann glauben.

Tatsächlich jedoch sind es „falsche Polizisten“. Die Betrüger sitzen nach Überzeugung der echten Ermittler in Callcentern in der Türkei, also weit weg im Ausland. „IP-Spoofing“ nennt sich der Trick, bei Internet-Telefonaten eine gefälschte Telefonnummer mitzuliefern. Die Gauner schaffen es, dass ihre Opfer ihre Wertsachen einem Kurier übergeben, dass sie ihre Guthaben von der Bank abheben und ebenfalls einem falschen Polizisten aushändigen. Die Polizei ist oft machtlos, weil die Täter im Ausland agieren. Nur hin und wieder gelingt es Ermittlern, einen Kurier bei einer Übergabe festzunehmen.

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Doch das könnte sich jetzt geändert haben. Erstmals steht ein Angeklagter vor dem Landgericht Dresden, den die Staatsanwaltschaft zum harten Kern einer solchen Callcenter-Bande zurechnet. Am Freitag hat der Prozess gegen den 28-jährigen Türken begonnen. Ihm wird bandenmäßiger Betrug in sieben Fällen und versuchter Betrug in weiteren zehn Fällen vorgeworfen – mit einem Schaden von 977 000 Euro. Zwischen Juni 2015 und Mai 2017 soll

Velit D. immer wieder ältere Menschen angerufen und sich als falscher Polizist ausgegeben haben – in Kempten, München, Nürnberg, Offenburg, Iserlohn, Köln, Baden-Baden, Gera, Dresden und Radebeul. Der vermeintliche Kommissar habe seinen Opfern auch Aufnahmen vorgespielt, die ihnen eine Verschwörung von Bankmitarbeitern vorgaukeln soll, um sie weiter zu verunsichern. In mehreren Fällen haben Geschädigte tatsächlich ihre Konten abgeräumt und das Geld Kurieren übergeben. Eine Frau aus Radebeul, von der die Täter insgesamt mehr als 380 000 Euro erbeutet hatten, habe sogar selbst Goldbarren im Wert von 175 000 Euro nachts per Taxi nach Berlin gefahren.

Der Angeklagte wurde im Januar bei Papenburg festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Er ist mit sieben Geschwistern in Deutschland aufgewachsen und im Alter von 13 Jahren in die Türkei gezogen, als seine Eltern ihren Aufenthaltsstatus verloren hatten. Der Mann spricht bestes Deutsch, ist sympathisch und intelligent. Für einen solchen Betrug wäre er die Idealbesetzung, zumal er tatsächlich in der Türkei in einem Callcenter gearbeitet hatte. Doch der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe. In einer mehrseitigen Erklärung berichtete er, dass er sich schon vor Jahren mit seiner Familie überworfen habe, er schon immer das schwarze Schaf gewesen sei. Mit diesen Taten habe er nichts zu tun. Seit Ende 2015 lebe er wieder in Deutschland, sei verheiratet und habe zwei Kinder. Er arbeitet in einer Stahlfirma, gibt Kurse für Deutsch, Französisch und Arabisch bei der Volkshochschule und trägt Zeitung aus – allein um seine Familie ernähren zu können. Es käme ihm nicht in den Sinn, alte Damen zu betrügen, so D. Sein Verteidiger Hansjörg Elbs sagte, es passe einfach nicht zusammen, dass ein angeblich führendes Mitglied einer Bande drei Jobs hat und einen alten Golf fährt. Bei einigen der Angeklagten Tatzeiten sei sein Mandant nicht in Deutschland gewesen.

Als erste Zeugin vernahm das Gericht die Hauptermittlerin vom Landeskriminalamt. Sie sagte, über D.s Handy seien Ermittler an Listen mit Namen von Geschädigten und weiteren Hinweisen auf die „Falscher-Polizist-Masche“ gelangt. Noch in der Türkei habe D. von drei Männern, die in Verbindung mit einem anderen Telefonbetrüger stünden, per „MoneyGram“ 7 000 Euro aus Deutschland überwiesen bekommen.

Der Prozess verspricht, spannend zu werden. Das Gericht hat daher neben den bestehenden fünf Sitzungstagen bis Ende Juli drei weitere vereinbart.