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Familien bauen gemeinsam Fabrik aus

Im Viertel steigen die Mieten. Das Modell, gemeinsam zu bauen und Gebäude zu sanieren, wird immer mehr zum Trend.

© André Wirsig

Von Ulrike Kirsten

Mit einem Abreißzettel fing alles an. Juliane Mostertz und Sven Claus spazierten vor ein paar Monaten mit ihren Töchtern Sophia und Emilia durch die Neustadt, als sie auf den Aushang von Christian Zschalig stießen. Der suchte für die Baugemeinschaft Wohnfabrik S16 nette Menschen, die sich vorstellen können, gemeinsam eine alte Fabrik in der Seifhennersdorfer Straße 16 zu sanieren und zu bewohnen. „Wir leben seit Jahren in der Neustadt. Wir wollen weiter hier wohnen, auch wenn die Mieten steigen. Die Idee fanden wir sehr interessant“, sagt Juliane Mostertz.

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Lange hatten sie zuvor nach einer bezahlbaren Wohnung im Viertel gesucht. Erfolglos. „Zurzeit leben wir auf 70 Quadratmetern. Mit zwei Kindern wird das irgendwann zu eng“, sagt die 39-Jährige. Ähnlich erging es Christian Zschalig und seiner Freundin, die sich daraufhin mit Freunden nach Alternativen umschauten und eine Baugemeinschaft gründeten. „Wir haben uns einige Immobilien angeschaut. Entweder waren die Gebäude zu teuer oder wir bekamen den Zuschlag nicht. Dann haben wir Glück gehabt und die alte Fabrik entdeckt“, sagt der 39-Jährige, der sich um alles Organisatorische für die Baugemeinschaft kümmert.

Seit September wird geplant. Drei der elf Wohnungen sind noch zu haben. Noch hat aber die EBZ Entwicklungs- und Vertriebsgesellschaft Brennstoffzelle mbH ihren Firmensitz in der Fabrik. „Zwar ist der Verkauf nicht durch, wir sind uns mit dem Besitzer aber so gut wie einig“, sagt Zschalig, der als Lehrer an der Universität arbeitet und dort Mathematik-Seminare gibt. Sobald das Gebäude der Baugemeinschaft gehört, wird die Fabrik saniert. Außerdem soll auch ein Neubau auf dem Grundstück entstehen. Die Kosten für die jeweilige Wohnung übernimmt jede Familie selbst. „Wir rechnen mit 2.700 Euro pro Quadratmeter. In den Kosten sind neben dem Kaufpreis auch der Ausbau und alle anderen Leistungen, wie Architekt und Planungsbüro, enthalten.“

Juliane Mostertz und Sven Claus haben in erster Linie die Menschen überzeugt, die sie bei dem Projekt kennengelernt haben. „Die Chemie hat von Anfang an gestimmt. Ich kann mir gut vorstellen, gemeinsam mit den anderen Tatort zu schauen oder zu feiern, auch wenn bis dahin noch viel zu tun ist“, sagt die Fotografin. Der Gedanke, vielleicht doch eine Eigentumswohnung zu kaufen, war deshalb schnell verflogen. „Wir können so mit entscheiden, wie unsere Wohnung einmal aussieht, ob wir zusammen eine Dachterrasse oder eine Fahrradgarage bauen. Außerdem konnten wir bewusst unsere künftigen Nachbarn auswählen.“ Spannend findet sie am Projekt, wie sich das Zusammenleben der Bewohner nach dem Ausbau der Fabrik entwickeln wird. Bisher ging es fast ausschließlich um Bauanträge und Kredite. „Das Ganze ist durchaus auch ein Experiment.“

Marion Kempe hat 1990 als Architektin die erste Dresdner Baugemeinschaft in der Pulsnitzer Straße unterstützt. Die Geschäftsführerin des Bauforums Dresden kennt deren Vorteile. Sie selbst hat sich so den eigenen Wohntraum erfüllt. Seit 2005 hat der Verein zehn Baugemeinschaften in der Neustadt initiiert, begleitet und beraten. „Selbst darüber bestimmen zu können, was gebaut wird, nicht allein leben zu müssen und trotzdem Kosten zu sparen, macht Baugemeinschaften so attraktiv, ob für Familien oder Alleinstehende.“