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Keine Macht den Erwachsenen!

Die Pädagogin Anne Sophie Winkelmann will erreichen, dass Erwachsene Kindern auf Augenhöhe begegnen. Aber wie soll das funktionieren? Ein Interview.

Ich will aber nicht! Wenn ein Kind Widerstand leistet, hat es das Recht dazu, sagt Pädagogin Anne Sophie Winkelmann.
Ich will aber nicht! Wenn ein Kind Widerstand leistet, hat es das Recht dazu, sagt Pädagogin Anne Sophie Winkelmann. © 123rf

Die Pädagogin Anne Sophie Winkelmann* hat eine klare Botschaft: „Kinder müssen nicht machen, was die Eltern, die Erzieher oder die Lehrer wollen. Indem Erwachsene sich über die Kinder erheben und ihre Macht nutzen, um ihre Ansichten durchzusetzen, wird die Würde der Kinder verletzt und ihrem Selbstwertgefühl geschadet.“ Eine streitbare Position, die mit älteren Auffassungen von Erziehung kollidiert. Da Kinderrechte gegenwärtig aber wieder stärker in den Fokus rücken, erfährt diese Auseinandersetzung mit Adultismus immer mehr Beachtung. Der Begriff leitet sich von adult für erwachsen ab und bezeichnet das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern. 

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Dass Kinder durch Handlungen oder Worte verletzt werden, geschieht oft unbewusst und ungewollt, wie Anne Sophie Winkelmann in ihrem Buch „Machtgeschichten“ schreibt. Mit der SZ hat die Pädagogin über Adultismus und Wege daraus gesprochen.

Frau Winkelmann, haben Sie selbst in Ihrer Kindheit die Dominanz von Erwachsenen erlebt?

Ja, ich bin ganz klassisch aufgewachsen. Und wie viele andere, habe auch ich meine Erfahrungen diesbezüglich im Gepäck. Diese alten Muster kamen wieder hoch, als ich selbst als Mutter und Pädagogin Kinder begleiten durfte. Ich habe die Reaktion der Kinder darauf gesehen und gespürt, dass ich einen anderen Weg finden möchte. Deshalb habe ich mich auch intensiv mit Machtpositionen in der Erziehung auseinandergesetzt. Diese alten Muster entsprechen nicht meinen heutigen Werten. Ich möchte, dass Kinder gestärkt und nicht gebrochen aus ihrer Kindheit hervorgehen.

Gebrochen – ein hartes Wort. Die wenigsten Eltern werden ihre Kinder bewusst brechen wollen. Oder sehen Sie das anders?

Nein. Ich glaube, alle versuchen, das Beste zu tun. Aber wir tragen vieles in uns und sind umgeben von Selbstverständlichkeiten, denen wir nicht so leicht entkommen können. So passiert es öfter mal, dass wir in der Geschwindigkeit des Alltags zu einem Kind sagen: „Wir gehen jetzt raus, mach’ doch nicht so ein Theater!“ Und dann vielleicht auch genervt nachhelfen, wenn es seine Jacke eben nicht so schnell anzieht, wie wir das wollen. Das ist übergriffig und verletzt die Würde des Kindes. Denn der Erwachsene nimmt sich nicht die Zeit, wirklich hinzuhören, was bei dem Kind gerade los ist, warum es vielleicht nicht das tun möchte, was ich sage. Wenn ich aber die Gefühle des Kindes respektiere, könnte ich ihm mitfühlend sagen: „Das ist jetzt blöd für dich, wenn ich einfach entscheide, dass wir rausgehen, oder? Du möchtest lieber hierbleiben oder mehr Zeit haben? Das passt mir nur gerade nicht. Kannst du trotzdem mitkommen oder hast du eine andere Idee?“ Wenn wir Kinder hören und sie nicht übergehen, macht das schon viel mit ihnen. Und sie kommen dann vielleicht sogar ganz von selbst mit.

Und wenn nicht? Wenn es Widerstand gibt und es wütend wird?

Das Kind hat ein Recht auf seine Gefühle. Dazu gehört auch die Wut. Das ist mir sehr wichtig, dass wir Erwachsenen in der Lage sind, die Wut der Kinder anzunehmen und zu begleiten. Auf jeden Fall geht es dann darum, dem Prozess Zeit zu geben. Keinesfalls sollte man es aber dafür bestrafen oder ihm drohen, indem wir sagen: „Ich zähle jetzt bis drei. Wenn du dann nicht kommst, gibt es heute keine Gute-Nacht-Geschichte.“ Das vermittelt dem Kind, dass etwas an ihm falsch ist und mindert sein Selbstwertgefühl. Ich bin strikt gegen Strafen. Denn es widerstrebt mir, mir etwas auszudenken, was meinem Kind wehtun könnte oder es traurig macht, damit es beim nächsten Mal tut, was ich sage. Die Beziehungen zu Kindern sollten nicht auf Angst basieren, sondern auf Vertrauen.

Sollen Kinder mehr gelobt werden?

Viele wünschen sich Lob in der Erziehung und Begleitung junger Menschen. Damit meinen sie meist, nicht nur das zu thematisieren, was das Kind falsch oder schlecht gemacht hat, sondern auch zu benennen, was es gut macht und kann. Nur – wer entscheidet das? Auch Lob trägt immer ein Machtverhältnis in sich. Es ist nicht möglich zu loben, ohne für sich das Wissen zu beanspruchen, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist. Und Lob ist das heimliche Gegenstück zu Strafe. Zudem macht Lob süchtig. Das Kind lernt, wenn es sich in einer bestimmten Form verhält, wird das honoriert. Lob lenkt davon ab, für mich selbst zu spüren, ob ich zufrieden, fröhlich oder frustriert mit meinem Handeln bin.

Sie würden Kinder also gar nicht loben?

Zumindest nicht auf diese Weise, indem ich eine Bewertung abgebe. Das steht mir nicht zu. Ich kann aber meine Freude darüber ausdrücken, wenn ein Kind die ganze Bahn geschwommen ist, und es glücklich dabei aussah. So hat es die Möglichkeit, seine Empfindungen dabei zu reflektieren und es aus diesem Antrieb heraus zu tun – nicht, um anderen damit zu gefallen.

Der eigene Antrieb fürs Handeln ist sicher wichtig. Doch es gibt doch auch Pflichten und Regeln. Was tun, wenn ein Kind keine Lust hat, bei Rot an der Straße zu warten und losläuft?

Dann werde ich es zunächst mal schnell an die Hand nehmen, um zu verhindern, dass es losläuft. Sicherheit geht immer vor. Da muss auch nicht viel geredet werden. Danach kann ich ihm meine Grenzen erläutern, indem ich von meiner Angst spreche, dass es von einem Auto überfahren wird. Adultismus in der Begleitung von Kindern zu vermeiden, heißt nicht, zu allem Ja zu sagen und alles richtig zu finden, was ein Kind tut. Im Gegenteil, es geht darum, die persönlichen Grenzen aller ernst zu nehmen und mich auch als Erwachsene mit meinen Grenzen und Werten zu zeigen.

Es ist also keine Form von antiautoritärer Erziehung?

Auf keinen Fall. Eltern sollen sogar eine klare Position beziehen und diese auch ansprechen – in der Ich-Perspektive, nicht als Befehl, in der Erwartung, dass das Kind gehorcht. Wenn ein Kind Widerstand leistet, hat es zunächst einmal das Recht dazu, und ganz sicher seine guten Gründe. Wenn ich die Position des Kindes höre, kann ich meine auch mal ändern. Kinder haben oft gute Ideen, wie Probleme gelöst werden können, das habe ich selbst oft schon erlebt. Und Eltern können sich beim Kind auch entschuldigen, wenn sie im Nachhinein Unwohlsein spüren über ihre eigene Reaktion, die ihnen im Moment der Überforderung oder Sorge herausgerutscht ist. Denn Kinder dürfen auch erfahren, dass Eltern nicht perfekt sind, und dass es nicht in Ordnung ist, wenn Erwachsene Kinder verletzen. Eine Entschuldigung muss immer ehrlich sein, am besten ohne ein „aber“ im Nachsatz.

Werden aus Kindern, die ohne Adultismus aufwachsen, bessere Erwachsene?

Das wäre sehr schön. Eine Chance ist es in jedem Fall. Denn Kinder machen in gleichwürdigen Beziehungen die Erfahrung, dass das, was sie fühlen und erleben, wertvoll und wichtig ist. Das kann durchaus zu einer Veränderung beitragen. Jede Generation hat damit die Möglichkeit, ein Stück weiter aus dieser oftmals selbstverständlichen Grenzüberschreitung und Gewalt von Erwachsenen gegenüber Kindern auszusteigen, weil sie selbst andere Erfahrungen gemacht haben.

*Anne Sophie Winkelmann ist Interkulturelle Pädagogin, freiberufliche Bildungsreferentin, pädagogische Fachkraft und Autorin. 

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