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Was machen Smartphones mit der Kindheit?

Schule, Familie und Freizeit verlagern sich zunehmend ins Digitale. Schadet der virtuelle Tauchgang Kindern zwangsläufig? Eine Suche nach dem richtigen Maß.

Das Gymnasium Dresden-Pieschen ist die Pilotschule des Kultusministeriums für Medienbildung, Informatik und digitales Lernen. Hier entwirft die Klasse 6D gerade Figuren, die ein 3D-Drucker später ausspuckt.
Das Gymnasium Dresden-Pieschen ist die Pilotschule des Kultusministeriums für Medienbildung, Informatik und digitales Lernen. Hier entwirft die Klasse 6D gerade Figuren, die ein 3D-Drucker später ausspuckt. © Jürgen Lösel

Wenn man dreimal nachgefragt und das Wort trotzdem nicht verstanden hat, ist man zu alt fürs Klassenzimmer. Irgendwas, das wie „Brolsda“ klingt, antworten zwei zwölfjährige Jungs auf die Frage nach ihrer Lieblings-App. „Ich spiele auch gerne Braaawl Stars“, erklärt ihre Sitznachbarin, betont das W und das L und lächelt milde. Es ist ein Dienstagvormittag, das Schuljahr nähert sich dem Ende. Die Klasse 6D am Gymnasium Dresden-Pieschen sitzt vor Bildschirmen und bastelt an virtuellen Figuren. Rote Zylinder, grüne Pyramiden, Kakteen mit Blüten. Im Nebenraum zwirbelt ein 3-D-Drucker Plastikfäden aneinander, ein Lehrer huscht durch Reihen und beugt sich zu den Fragenden hinunter.

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Computer, Tablets und andere elektronische Geräte gehörten hier schon vor Corona zum Unterrichtsalltag. Es ist das Pilotgymnasium Sachsens für Medienbildung, Informatik und digitales Lernen, die Professur „Didaktik der Informatik“ an der Uni Leipzig begleitet das Projekt. Elternbriefe gibt es digital statt auf Papier, Smartphones sind nur in der Mensa und beim Spielen auf dem Hof tabu, ab nächstem Schuljahr unterrichtet Schulleiterin Kerstin Ines Müller mit ihren Kollegen das Fach Medienkompetenz. „Spätestens auf dem Gymnasium bekommen Kinder ein Smartphone“, sagt Müller. „Wir wollen, dass sie dieses Gerät als Lern- und Arbeitsinstrument begreifen, nicht nur zum Spielen und Chatten.“

Dass Kinder immer früher immer mehr Zeit im virtuellen Raum verbringen, haben viele Studien gezeigt. Eine Befragung im Auftrag des Branchenverbands für Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien ergab 2019, dass mehr als die Hälfte der Kinder zwischen sechs und sieben Jahren ab und zu ein Smartphone nutzen. Ab zehn Jahren besitzen drei Viertel eigene Geräte, von den Zwölfjährigen gaben 97 Prozent an, dass sie regelmäßig online sind. Die Branche freut das Ergebnis. Ob es den Kindern guttut, ist fraglich.

Für die Klasse von David Obst wäre Unterricht im Fach „Technik und Computer“ ohne Bildschirme nicht möglich. Die 3-D-Figuren haben sie während der Corona-Zeit zu Hause weitergebaut, über die Plattform Lernsax konnten sie Kontakt halten. Jetzt, wo alle wieder da sind, folgt der Druck. Handyhüllen haben sich mehrere konstruiert, Schlüsselanhänger oder Fantasiefiguren. David Obst probiert 3-D-Druck zum ersten Mal mit einer Klasse aus. „Seid ihr mit dem Ergebnis zufrieden?“, fragt er. Via Meinungsumfrage auf Lernsax sollen sie antworten: „Was hat motiviert? Was habe ich gelernt? Was müsste ich anders machen?“ Das Ziel der Schule sei es, sagt Leiterin Kerstin Ines Müller, „kompetente Abiturienten in eine digitalisierte Berufswelt zu entlassen“. Dass Kinder während der Pandemie zu viel vor Bildschirmen gehangen hätten, habe sie von Eltern nicht gehört. „Bei uns gab es eher das Problem, dass Eltern im Homeoffice waren, Kinder aber auch an die Geräte mussten.“ Ein Telekommunikations-Unternehmen hat mit einer Laptop-Spende geholfen.

Was heißt digitale Kompetenz?

Im Fach Medienkompetenz wird Müller auch das Nutzungsverhalten reflektieren: „Wie schütze ich meine Daten? Darf ich andere filmen und das ins Netz stellen? Wie gehe ich damit um, wenn mir das passiert? Kompetenz heißt, dass man eine bewusste Nutzung der digitalen Vorteile hat, aber so reflektiert ist, dass man sagt: Ich lass das jetzt, ich will den Tag mit meiner Familie verbringen, pflege Freundschaften, gehe raus, bewege mich, bleibe gesund.“

Eine Zwölfjährige aus der Klasse 6D mit hüftlangen, braunen Locken und einem Flamingo aus Pailletten auf dem Shirt sagt, sie verbringe viel Zeit mit Büchern und im Freien. Maximal eine Stunde pro Tag dürfe sie vor dem Bildschirm sitzen, einen eigenen Computer habe sie nicht. Auch drei der Zwölfjährigen in der letzten Reihe haben analoge Hobbys: Das Mädchen spielt Fußball und Klavier, die Jungs Schlagzeug und Fußball, trainieren Karate. Zwei bis drei Stunden, sagen sie, verbringen sie zu Hause täglich mit Smartphone und Computer.

Für wissenschaftliche Erkenntnisse zu Langzeitfolgen ist die Entwicklung zu jung, der massenwirksame Eroberungszug der Smartphones rollte erst vor 13 Jahren los, als das iPhone auf den Markt kam. Vorher warfen Computer und Fernseher teils ähnliche Fragen auf, die Qualität war aber eine andere. Kinder trugen Bildschirme nicht ständig bei sich, Lebenswelten spielten sich vor allem im Analogen ab.

Kerstin Ines Müller ist Direktorin des Digital-Gymnasiums. Ab nächstem Schuljahr wird die einstige Russisch-Lehrerin Klassen in Medienkompetenz unterrichten.
Kerstin Ines Müller ist Direktorin des Digital-Gymnasiums. Ab nächstem Schuljahr wird die einstige Russisch-Lehrerin Klassen in Medienkompetenz unterrichten. © Jürgen Lösel

Mögliche Folgen untersuchte die Blikk-Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums anhand von 5.600 Kindern und Jugendlichen. Gut die Hälfte der Sechs- bis Siebenjährigen verbrachte mehr als die empfohlene Höchstzeit von einer halben Stunde pro Tag vor Bildschirmen, rund 70 Prozent der Neun- bis Vierzehnjährigen mehr als die empfohlene Stunde. Mögliche Folgen sind laut Forschern Konzentrationsprobleme, Sprachschwierigkeiten, Hyperaktivität und Suchtverhalten. Kreativität kann sinken, Nervosität steigen.

Stellen wie der Kinderschutzbund Sachsen klären darüber auf, beraten Eltern und Schulen. „Insgesamt sehe ich in der Digitalisierung eine positive Entwicklung, weil viele Zukunftschancen für Kommunikation und Bildung damit einhergehen“, sagt Referentin Angela Lüken. „Schwierig finde ich für den Familienalltag Gespräche über Gefühle und Krisen oder die ständige Erreichbarkeit.“ Früher hätten Kinder mehr Freiräume gehabt, heute würden einige Eltern dreimal oder häufiger am Tag anrufen und fragen, was sie gerade machen. Aufreibende Erlebnisse, sagt Lüken, solle man lieber persönlich besprechen. „Wenn es um einen Trauerfall, eine Krankheit oder Gefühle wie Liebeskummer geht, lässt sich das über Geräte nicht so vermitteln.“

Dabei entstehen manche Krisen genau dort, auf Online-Plattformen. Bei einer Studie zu Cybermobbing gaben zwei Drittel der befragten Jugendlichen an, dass sie im Internet schon mit verbalem Hass oder Beleidigungen konfrontiert waren. „Ich befürchte, dass Mobbing immer ein undurchsichtiges Thema war“, sagt Lüken. „Die Signale zu erkennen, ist schon analog nicht einfach. Durch die Digitalisierung ist eine räumliche Distanz noch besser möglich.“

Mindestens so schädlich wie die eigene Mediennutzung kann für Kinder die der Eltern sein. „Auch wenn sie noch sehr klein sind, merken sie, wenn die Aufmerksamkeit längere Zeit dem Smartphone gilt“, warnt Lüken. Das kann sich so anfühlen, als wären die Eltern nicht mehr da. Verunsicherung, Orientierungslosigkeit, ein Gefühl des Alleinseins sind die Folge.

Gemeinsam Regeln festlegen

Lüken empfiehlt Familien, Regeln festzulegen. Dabei hilft etwa die Seite Mediennutzungsvertrag.de, wo Eltern und Kinder sich anhand von Empfehlungen und individuellen Wünschen einen Vertrag zusammenstellen können, der für beide Seiten gilt. Er regelt zum Beispiel Zeiten und Verantwortung im Netz, Aussprachen über Erfahrungen. Eine Regel kann lauten, dass Smartphones beim Essen verboten sind – für Erwachsene genauso wie für Kinder.

Der Sohn von Nadine Eichhorn darf in Ausnahmefällen beim Essen auf dem Tablet lesen. „Wenn er elektronische Medien nutzen will, muss er seine Aufgaben erfüllen, Müll raus bringen, Geschirrspüler ausräumen“, sagt sie. Eichhorn ist stellvertretende Vorsitzende beim Landeselternrat, ihren elfjährigen Sohn zieht sie alleine groß. Während der Corona-Zeit hat er sechs bis acht Stunden am Tag vor dem Bildschirm verbracht, fünf davon für den Unterricht an einem Gymnasium im Kreis Meißen. „Aber ich weiß, was er am Computer macht“, sagt Eichhorn. Er programmiere, denke sich Spiele aus, gucke Videos. Eine Kontroll-App für Eltern auf dem Handy ihres Sohnes informiert sie darüber, welche Programme er wann nutzt. „Social Media will mein Sohn gar nicht. Ich habe mit ihm über Vor- und Nachteile gesprochen.“

Spiele, die ihr Sohn sehr gerne mag, hat Eichhorn teilweise auf Englisch eingestellt, damit er so die Sprache lernt. „Und manchen Mist soll mein Sohn auch probieren können, so lange es nichts mit Gewaltverherrlichung oder Rassismus zu tun hat.“ An seiner Schule gibt ein Polizist Informationsveranstaltungen zu Phänomenen wie Cybermobbing. „Ich würde mir wünschen, dass Medienkompetenz grundsätzlich an allen Schulen unterrichtet wird, da muss man an die Lehrpläne ran.“

Vorteile und Gefahren

Zumindest die Absicht dazu bekundeten Kultusminister Christian Piwarz (CDU), andere Bildungspolitiker und Rektoren vergangenen Sommer: Der Bildungsschwerpunkt auf Medien, Informatik und Technologie soll in Zukunft in den Großräumen Dresden, Chemnitz und Leipzig möglich sein, je in Kooperation mit den Hochschulen vor Ort, je an einem Gymnasium und bis zu drei Oberschulen. In und um Dresden sind das die 145., die Oberschule Pieschen und die Marie-Curie-Oberschule in Dohna. Auch durch Corona haben einige Schulen in Sachsen einen erstaunlichen Digitalisierungsschub hingelegt, um weiter in Kontakt zu bleiben, um weiterhin zu lernen.

Das Gymnasium Pieschen hat den Betrieb vor drei Jahren aufgenommen, vergangenes Jahr haben die Klassen das Gebäude bezogen. Die Toilettenwände sind noch blank, die Wände riechen neu, von außen könnte man den cappuccinofarbenen Backstein-Block für ein Computermodell halten, so makellos sieht alles aus. Drei Stufen von fünf bis sieben mit je vier Klassen besuchen die Schule bisher, jedes Jahr kommt eine hinzu, 2023 wird es den ersten Leistungskurs in Informatik geben. Zuletzt gab es 210 Anmeldungen für 140 Plätze, 70 Schüler mussten abgewiesen werden.

„Für uns alle ist die große Herausforderung, die Vorteile der Digitalisierung in Einklang zu bringen mit deren Gefahren“, sagt Schulleiterin Müller. „Wir wollen Schülern aufzeigen, wie eine demokratische Teilhabe in der Gesellschaft über digitale Medien möglich ist: Online-Petitionen, Zivilcourage, Meinungsäußerungen an richtiger Stelle.“ Gefahren sieht sie in der digitalen Abhängigkeit, „in einer auseinanderfallenden Gesellschaft, wenn die Beziehungen nicht mehr gepflegt werden“ oder beim frühen Konsum unangemessener Inhalte. Auch um Pornografie und ihre oft verheerenden Folgen für junge Konsumenten geht es im Unterricht. Dann aber in einem Fach, das in allen Epochen wichtig war und bleiben wird, ob mit oder ohne Computer. In Ethik.

Familienkompass 2020:

  • Hintergrund: Der Familienkompass ist eine große sachsenweite Umfrage zur Kinder- und Familienfreundlichkeit im Freistaat. Er ist ein gemeinsames Projekt der Sächsischen Zeitung, der Freien Presse und der Leipziger Volkszeitung in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Dresden.

  • Wann? Die Befragung endet zum Start der Sommerferien.

  • Wo? Leser der Sächsischen Zeitung finden den Fragebogen unter www.sächsische.de/familienkompass

  • Warum mitmachen? Mit jedem beantworteten Fragebogen helfen Sie mit, die Familien- und Kinderfreundlichkeit in Ihrer Stadt/Gemeinde zu verbessern. Nach der Auswertung konfrontieren wir Politik und Verwaltung mit den Ergebnissen und berichten in allen Ausgaben detailliert zur Situation in den Kommunen.

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