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Fans greifen Spieler an: „Scheiß Millionäre“

Der Hamburger SV stürzt weiter ab und ist auch in der Trainerfrage zerstritten.

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© dpa

Von Franko Koitzsch

Beim Hamburger SV sorgt die Abstiegsangst für Wut und Gewalt. Rafael van der Vaart flogen nach dem 0:3-Debakel gegen Hertha BSC Eier, Bierbecher und Feuerzeuge um die Ohren. Der Kapitän stürmt wütend auf eine Fangruppe zu, die ihn beschimpft. Er schubst und wird geschubst. Es fehlte nicht viel, und der Niederländer hätte sich mit aufgebrachten Anhängern eine wilde Prügelei geliefert. Während die Mehrzahl der HSV-Anhänger nach der bitteren Heimklatsche in Schockstarre verfiel, machten etwa 250 regelrecht Jagd auf Spieler, traten gegen Autos und grölten: „Scheiß Millionäre!“

Die Polizei setzte Pfefferspray und Schlagstöcke ein. Zwei Fans wurden vorübergehend festgenommen, nachdem sie Flaschen auf Ordner und Polizisten geworfen hatten. Auch unter den Angreifern kam es zu Handgreiflichkeiten, mindestens einer wurde am Kopf verletzt. „Dass uns die Fans nicht um den Hals fallen, war klar“, sagte Carl Jarchow. Der Vorstandschef versuchte gemeinsam mit Torhüter René Adler, Heiko Westermann und Marcell Jansen die Gemüter zu beruhigen.

Van der Vaart sagte: „Ich verstehe die Enttäuschung der Fans, aber es ist nicht in Ordnung, wenn Spieler angegriffen werden. Das geht in die Knochen.“ Stürmer Jacques Zoua brach sogar in Tränen aus. Den Krawallen war eine unterirdische Leistung des HSV vorausgegangen. Die Hanseaten präsentierten sich ideenlos, mutlos und brachen nach dem ersten Gegentor regelrecht zusammen. „Mir fehlen die Worte, das ist nur noch traurig, katastrophal“, sagte ein erschütterter Westermann.

Nach der in 51 Bundesliga-Jahren noch nie erlebten Negativserie von sechs Niederlagen in Folge muss Trainer Bert van Marwijk um seinen Job zittern, obwohl ihm der komplette Vorstand die Treue schwört. Doch offenbar wollen einige Aufsichtsräte die Reißleine ziehen. Nach Informationen des Hamburger Abendblattes sollen sich Vertreter des Kontrollgremiums bereits vor einigen Tagen mit Felix Magath getroffen haben. Auch Ex-Hannover-Trainer Mirko Slomka ist ein Thema.

Käme Magath, müsste außer dem Trainer auch Sportchef Oliver Kreuzer gehen. Doch Vereinschef Jarchow stand auch am Tag nach dem Desaster zum Chefcoach und verband sein eigenes Schicksal mit dem des Niederländers. „Wir haben alles analysiert und im Vorstand die Entscheidung getroffen, mit Bert van Marwijk weiterzumachen“, sagte Jarchow gestern vor einer Krisensitzung der HSV-Spitze. Dabei seien drei Fragen in den Mittelpunkt gestellt worden: Erreicht der Trainer die Mannschaft noch? Ist er entschlossen genug? Hat er einen Plan? Jarchow: „Wir haben alle Fragen mit einem Ja beantwortet.“

Der umstrittene Sportchef Kreuzer stellte trotzig fest: „Wir haben kein Trainerproblem, wir haben ein Defensivproblem.“ Van Marwijk soll den HSV auf jeden Fall am Mittwoch im DFB- Pokalviertelfinale gegen Bayern München und am nächsten Sonnabend beim Tabellenletzten Eintracht Braunschweig betreuen. Kreuzer: „Wenn ich wüsste, ein anderer Trainer sitzt draußen, und mit dem spielt die Verteidigung besser, wechsle ich gleich morgen. Aber das Gefühl habe ich nicht.“

Der HSV hatte bereits nach dem sechsten Spieltag Thorsten Fink als Chefcoach entlassen, als die Mannschaft mit vier Punkten auf Relegationsplatz 16 stand. Doch der Effekt des Trainerwechsels verpuffte schnell. Zwar bekamen die Hamburger unter van Marwijk zunächst die Kurve, blieben vier Partien ungeschlagen, aber dann folgte der Absturz auf Abstiegsrang 17. Marwijk appelliert verzweifelt an die Spieler: „Wir steigen nicht ab! Wir haben noch 14 Spiele.“

Überzeugt scheint das Team nicht zu sein. Torhüter René Adler, der nach längerer Verletzungspause erstmals wieder im Kasten stand, warnt: „Wir müssen aufpassen, dass die Mannschaft nicht auseinanderbricht.“ Er hatte mit einem gehaltenen Foulelfmeter von Doppeltorschütze Adrian Ramos eigentlich das Signal für einen leidenschaftlichen Kampf seines Teams gegeben. Wenige Sekunden später ging Hertha mit 1:0 in Führung und zerlegte anschließend das Gastgeberteam. „Ich glaube, jeder hat Angst“, gesteht Adler.

Das Pokalspiel gegen die Über-Bayern am Mittwoch kommt zur Unzeit. Adler will zwar „gute Situationen sammeln“, um das Selbstbewusstsein zu stärken. Eine deftige Klatsche kann aber auch das Gegenteil bewirken. (dpa mit sid, SZ)