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Fast 600 Euro mehr für den Pflegeheimplatz

Ein Pflegeheim in Wilthen hat seine Preise drastisch erhöht. Auch in anderen Einrichtungen drohen Steigerungen.

Von Theresa Hellwig
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Noch immer verhandeln einige Heime über neue Kostensätze. Die Pflegebedürftigen kommt das teuer zu stehen. (Symbolfoto)
Noch immer verhandeln einige Heime über neue Kostensätze. Die Pflegebedürftigen kommt das teuer zu stehen. (Symbolfoto) © dpa/Jens Kalaene

Wilthen. Als der Brief kam, erzählt die Frau aus einem Dorf bei Bautzen, da haben die Leute im Pflegeheim alle geweint. Auch ihre Mutter, sagt sie, war am Boden zerstört. „Jetzt kann ich niemandem mehr etwas geben, zum Geburtstag nicht an die Kinder und auch nicht an die Enkel“, habe sie traurig zu ihr gesagt. Seit etwa zwei Jahren ist die fast 90 Jahre alte Mutter der Frau in dem Pflegeheim „Dasar“ in Wilthen – und nun hat es auch dort eine happige Preis-Erhöhung gegeben. Mehr als 550 Euro muss die Dame nun jeden Monat mehr zahlen.

Ihren echten Namen möchte die Angehörige nicht in der Zeitung lesen. Zu sehr sorgt sie sich vor Konsequenzen für ihre Mutter. Die Rechnungen, die hat sie feinsäuberlich vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Mehr als 1.600 Euro werden jetzt jeden Monat vom Konto der Frau abgebucht. „Die Mutti bekommt etwa 1.100 Euro Rente und noch einmal 600 Euro Witwenrente“, erzählt die Tochter. „Da bleibt ja nicht viel.“ Bislang, da sei es irgendwie gegangen, mit den Pflegekosten – aber jetzt? „Luxus ist nicht mehr“, sagt die Angehörige. Sicher, dass die Heime jetzt alle nach und nach ihre Preise erhöhen, das war der Familie bekannt. Aber: „Wir haben mit 300 Euro Erhöhung gerechnet, vielleicht 400 – doch nicht mit fast 600“, ärgert sie sich.

Tatsächlich haben andere Heime in der Region ihre Kosten um etwa diese Summe erhöht. In den Einrichtungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, zum Beispiel, lagen die Summen zwischen 200 und 500 Euro, erklärt Sprecher Daniel Fuchs. Und etwa 400 Euro, zum Beispiel, muss eine ältere Dame, die im Pflegeheim Bautzen-Seidau lebt, seit einem Jahr mehr bezahlen. Sicher, die Steigerung ist etwas weniger drastisch – die Summe, die vom Konto abgebucht wird, ist aber ähnlich hoch. Mehr als 1.600 Euro muss auch die Dame aus diesem Heim jeden Monat abtreten.

Auch ihre Angehörigen sind besorgt, denn die Rente der Frau gibt das nicht her. „Wir mussten durch die Erhöhung zum Sozialamt gehen“, erzählt die Angehörige dieser 75-Jährigen. Etwa 200 Euro gibt es nun vom Amt dazu – „auch wir als Familie wurden gezwungen, uns nackig zu machen“, ärgert sich die Frau. Rund 100 Euro Taschengeld darf die Seniorin jeden Monat behalten. Davon muss sie Kleidung, Hygieneartikel wie Deo und Freizeitaktivitäten bezahlen. Auch für diese Seniorin wird Weihnachten schwer, erzählt die Angehörige. „40 Jahre lang hat sie gearbeitet, in einer Gärtnerei. Selbst mit dem Kind ist sie nicht zu Hause geblieben. Jetzt müssen wir ihr erklären, dass sie den Kindern zu Weihnachten keine Geschenke kaufen kann“, erzählt sie. Dann setzt sie hinterher: „Sie ist dann immer sehr enttäuscht.“

Kosten werden auf die Pflegebedürftigen abgewälzt

Aber warum erhöhen die Heime derart drastisch? „Personalkosten, Lebensmittelkosten, die Wasser- und Strompreise und neue Brandschutzauflagen“, zählt Sabina Kother von der Dasar-Seniorenvilla in Wilthen auf. Die Preise steigen, die Ausgaben des Heimes ebenso. „Das sind massive Ausgaben“, erklärt Kother. Auch Ursula Fleischer vom Pflegeheim in der Seidau hatte gegenüber der SZ damals so argumentiert.

In regelmäßigen Abständen verhandeln die Einrichtungen mit den Pflegekassen oder Sozialhilfeträgern, welche Preise sie verlangen dürfen und welche Zuschüsse sie bekommen. „Wann und wie oft ein Heim eine solche Verhandlung führt, ist nicht vorgeschrieben“, erklärt Klaus-Peter Buchmann, Awo-Fachberater für Altenhilfe und Pflege. „Gerade im Moment, durch den Fachkräftemangel, sind die Einrichtungen aber ein Stück weit dazu gezwungen“, erklärt er. Mehr und besser bezahltes Personal kostet Geld. Das Problem: „Die Kostensteigerungen werden auf die Portemonnaies der Pflegebedürftigen abgewälzt.“

Viele können sich das nicht leisten, wie auch die Zahlen des Landratsamtes zeigen. Fast 500 Personen in stationären Einrichtungen erhalten derzeit Unterstützung bei ihren Pflegeheimkosten. „Die Tendenz der Antragszahlen ist steigend“, erklärt eine Sprecherin – allein seit Beginn 2019 seien fast 200 Neuanträge eingegangen.

Es ist eine Schieflage, die viele ärgert. „Für die Rüstung ist Geld da. Und für die Alten und Kranken nicht?“, fragt die Angehörige der Frau im Pflegeheim in der Seidau. Und auch Sabina Kother von der Dasar-Seniorenvilla in Wilthen zeigt Verständnis und ärgert sich: „Es ist eine Schande, den alten Leuten gegenüber. Der Staat müsste mehr dazugeben.“ Awo-Fachberater Klaus-Peter Buchmann erklärt: „Die Preissteigerungen sollten statt an die Bewohner an die Kassen gehen.“ Die Awo, erzählt er, hat deshalb eine Petition gestartet. Und der Paritätische Wohlfahrtsverband schlägt vor, dass die Bundesländer die Heime bei den Investitionen unterstützen. Für viele drängt jedenfalls die Zeit, wenn man Buchmann fragt: „Es ist damit zu rechnen, dass es so weitergeht.“ Die Malteser, zum Beispiel, haben gegenüber der SZ bereits angekündigt, im kommenden Jahr ihre Preise ebenfalls erhöhen zu wollen. Es gibt viele Nachzügler, andere Heime erhöhen jährlich – und erneute Preissteigerungen stehen an.

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