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Fast täglich flatterte Post ins Haus

Martin und Hildegard Menzel haben sich von 1940 bis 1945 rund 2 000 Briefe geschrieben. Ihr Enkel konnte sie nun aufarbeiten.

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Von Jan Lange

Etwa 2 000 Briefe stapeln sich in den Kisten, verschnürt zu größeren Bündeln. Jahrzehntelang standen die Kartons in der hintersten Ecke des Dachbodens. Wieland Menzel hat sie nach dem Tod des Vaters dort entdeckt und hervorgeholt. Denn der Dittelsdorfer will mehr über seine Familie, im Besonderen über seinen Großvater Martin erfahren, den er selbst nie kennenlernen konnte. Die Briefe sind ihm eine Hilfe, denn es handelt sich um jene Post, die sich seine Großeltern von 1940 bis 1945 gegenseitig zuschickten. Der Briefwechsel begann, als Martin Menzel 1940 zu den Fliegern eingezogen und in Frankreich eingesetzt wurde. Nachdem er wegen eines Leistenbruchs wehruntauglich war, kommandierte man ihn im Herbst 1941 nach Lublin ab. Dort, weit im Osten Polens und damit fern der Heimat, arbeitete er in der Justizverwaltung. Zwei Jahre später erfolgte die Versetzung nach Krakau, wo er bis zur Räumung der Stadt im Januar 1945 blieb.

Fast täglich schrieb er an seine Familie, die weiterhin in Dittelsdorf lebte. Und fast täglich antwortete ihm seine Frau Hildegard. Der intensive Briefwechsel gibt Aufschluss über diese bewegenden Jahre, berichtet von den damaligen Sorgen und Ängsten, aber auch von den jeweiligen persönlichen Wahrnehmungen des Krieges.

Manches kennt Wieland Menzel bereits aus den Erzählungen seines Vaters Rüdiger, aber die Briefe enthüllen auch unbekannte Details. „So kenne ich nun sowohl die Stellung meines Großvaters im Justizapparat des Generalgouvernements als auch vieles von dem, was er dort tat und mitbekam“, sagt er. So hing Martin Menzel zwar nicht in der „Vernichtungsmaschinerie“ drin, aber er war auch nicht im „Grundbuchamt“ in Lublin tätig, wie es seine Großmutter nach dem Krieg gern darstellte. „Ich war schon etwas erschrocken über seine Stellung im damaligen System“, sagt sein Enkel. Der für ihn prägendste Satz aus den Briefen seines Großvaters ist datiert vom 17. November 1942. Bereits zu diesem Zeitpunkt schrieb Martin Menzel über eine mögliche Kriegsniederlage der Deutschen: „Wenn das eintreten sollte, dann gibt es nur eins, und zwar, so weit man noch am Leben ist, selbst das Leben nehmen, denn die Leiden durchmachen, die wir anderen bereitet haben, das möchte ich nicht. Erbarmen kann es da keins geben.“ Es zeigt, wie sich die Wahrnehmung des Krieges stetig änderte. Zu Beginn war er sich noch sicher, dass es schnell gehe und Deutschland den Krieg gewinne. Von Jahr zu Jahr aber wurde die Ungewissheit größer, der Zweifel stärker.

Da die Briefe das tägliche Gespräch ersetzten, schrieb das Ehepaar auch über die normalen Alltagsdinge. Hildegard Menzel erhielt Ratschläge, wie sie sich zu dieser und jener Frage stellen soll. Auch über den Arbeitsdienst, welchen die Frauen in Dittelsdorf verrichten mussten, berichtete seine Großmutter ausführlich. Geschichtlich interessant sind vor allem die Schilderungen der Belastungen der Jugendlichen durch anhaltende Flak-Dienste. Im Gegenzug schrieb Martin Menzel über Hinrichtungen, Partisanenangriffe, das jüdische Ghetto und Zwangsarbeiter aus dem KZ Majdanek bei Lublin. Er notierte zum Beispiel, dass nach der Tötung zweier deutscher Soldaten als Vergeltung 50 Polen öffentlich erschossen wurden. Während der Krakauer Zeit monierte er die ministeriale Steifheit in der Regierung des Generalgouvernements und die Eintönigkeit seines Dienstes oder äußerte sich besorgt über die heranrückende Front. Da der Briefwechsel weitgehend als Dienstpost versandt wurde, und damit so gut wie keiner Zensur unterlag, kann er mitunter recht offen, teilweise auch etwas sarkastisch über Vorgänge und Vorgesetzte berichten.

Großen Raum nimmt die Schilderung der Lebensmittelknappheit ein: der zunehmende Hunger, den Hildegard Menzel zugunsten einer ausreichenden Versorgung ihres Sohnes litt und der tägliche Kampf um etwas mehr Brot. Aus Lublin konnte Martin Menzel seiner Familie noch regelmäßig Lebensmittel schicken. In Krakau war das nicht mehr möglich. Der Briefwechsel endete am 5. Dezember 1945. Martin Menzel war zu diesem Zeitpunkt im sowjetischen Speziallager Mühlberg inhaftiert und konnte eine letzte Notiz aus dem Lager schmuggeln, das er nicht mehr verlassen sollte. Gegenwärtig erfolgt mit dem Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung die wissenschaftliche Aufarbeitung des stattlichen Briefwechsels, der jetzt auch digitalisiert vorliegt. „Eine Veröffentlichung der Ergebnisse ist für kommendes Jahr vorgesehen“, sagt Wieland Menzel. Der Briefwechsel interessiert das renommierte Institut auch deshalb, weil er in seiner Kontinuität und Zweiseitigkeit fast einzigartig ist. Während auch in anderen Familien Feldpostbriefe erhalten blieben, sind die an die Soldaten gerichteten Briefe nur selten noch vorhanden. Rüdiger Menzel hat die Briefe offenkundig nie gelesen. Das zeigt die Tatsache, dass die Briefe noch genauso verpackt waren, wie sie die Großmutter verschnürt hatte. Wegschmeißen wollte er sie aber auch nicht. Denn zum einen waren die Briefe eine der wenigen Erinnerungen an seinen Vater, zum anderen sollte sich Wieland Menzel wohl irgendwann mit den Dokumenten beschäftigen. Diesen unausgesprochenen Wunsch hat der Dittelsdorfer seinem 2011 verstorbenen Vater nun erfüllt.