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Heiliger Zufall

Die Zittauer Fastentücher sind in vielerlei Hinsicht Raritäten. Mehrfach standen sie kurz vor ihrer Zerstörung und sind doch bis heute erhalten.

Das Große Zittauer Fastentuch von 1472
Das Große Zittauer Fastentuch von 1472 © SZ-Archiv / Mario Heinke

Martin Luther war dagegen. Für den großen Reformator war ein Fastentuch, mit dem die Katholiken in der Fastenzeit den Altar verhängten, um auch mit den Augen zu fasten, nichts weiter als „päpstliches Gaukelwerk“. Die Kunde von Luthers Lehre war bis in die letzte Dorfkirche gedrungen, und in Zittau gründete sich 1521 eine evangelisch-lutherische Kirchgemeinde. Doch Wittenberg war weit und das Fastentuch von 1472 wohl zu groß und zu schön, um es im Speicher vergammeln zu lassen. Noch 200 Jahre sollte es den Zittauern die Fastenzeit anzeigen. Verschönern? Erträglicher machen? Die Zittauer Gemeindemitglieder jedenfalls ließen sich 1573 sogar noch ein zweites Fastentuch anfertigen. 

Beide Textilien sind erhalten, was schon aufgrund ihres Alters sensationell ist. Und dann ihre Größe! Selbst das kleine ist mit 15 Quadratmetern wohl nur im Vergleich zum großen Fastentuch klein zu nennen. 56 Quadratmeter misst es. Um es dem Publikum präsentieren zu können, wurde die größte Museumsvitrine der Welt gebaut.

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Das Kleine Zittauer Fastentuch von 1573 ist 15 Quadratmeter groß und zeigt die Passionsinstrumente, also das Leiden Christi.
Das Kleine Zittauer Fastentuch von 1573 ist 15 Quadratmeter groß und zeigt die Passionsinstrumente, also das Leiden Christi. © Städtische Museen Zittau

Früher war es im Chorbogen der Kirchen angebracht und hat so den kompletten Altarraum verhüllt. Hungertücher , wie sie einst auch genannt wurden, waren anfangs ohne Bilder in den Farben der Passion, also weiß oder violett.

Später begann man sie zu bebildern, erst mit christlichen Ornamenten, später mit biblischen Themen. Das kleine Zittauer Tuch zeigt die „Waffen Christi“, Passionsinstrumente, die Marterwerkzeuge seines Leidens. Auch das ist selten, in Deutschland ist es das einzige Fastentuch dieser Art. Wer es einst mit Tempera auf Leinen gemalt hat, ist nicht bekannt. Anregungen großer Renaissancekünstler wie Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, Matthias Grünewald dürften eingeflossen sein in die Vorlage, die ein Maler aus Lüttich komponiert haben soll.

Das große Zittauer Tuch ist in viele kleine Segmente eingeteilt. Darauf wird die biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zum Jüngsten Gericht erzählt. Augenpulver vom Feinsten ist das. Augenfasten stellt man sich wirklich anders vor. Achtzehn Tücher dieser Art soll es weltweit noch geben, dreizehn in Österreich, zwei in der Schweiz und je eins in Liechtenstein, Italien und Deutschland.

Wie eine Bilderbibel ist das Große Zittauer Fastentuch gestaltet. 90 Felder wurden einst auf das Leinen gemalt. Das Tuch misst 6,20 Meter in der Breite und 8, 60 Meter in der Höhe.
Wie eine Bilderbibel ist das Große Zittauer Fastentuch gestaltet. 90 Felder wurden einst auf das Leinen gemalt. Das Tuch misst 6,20 Meter in der Breite und 8, 60 Meter in der Höhe. © Städtische Museen Zittau

Ab 1672 wurde es nicht mehr benutzt. Als die Johanniskirche beim großen Stadtbrand am 23. Juli 1757 einstürzte, war es schon nicht mehr in dem Gotteshaus. Jemand hatte es irgendwann in die Ratsbibliothek gebracht, die vom Feuer verschont blieb, weil ein böhmischer Büttnergeselle den Brand löschte und die Bücher rettete, während sein eigenes Haus niederbrannte .

Als die kostbare Bilderbibel 1840 erneut zufällig zum Vorschein kam, holte König Johann sie als Leihgabe nach Dresden ins Museum des Königlich-Sächsischen Altertumsvereins. 34 Jahre war das textile  Wunderwerk dort ausgestellt und schon damals eine Sensation, dann wollten die Zittauer ihr Heiligtum zurück. Zum Glück, denn sonst wäre das Fastentuch 1945 beim Bombenangriff auf Dresden verbrannt.

Aber auch in Zittau war es in den letzten Kriegstagen nicht sicher. Man lagerte es auf den Berg Oybin aus. Dort fanden es Soldaten der Roten Armee, zerschnitten es und bastelten sich daraus eine Abgrenzung  für eine Sauna, die sie sich provisorisch im Wald eingerichtet hatten. Der Dampf setzte den Bildern arg zu. Als die Russen abzogen, ließen sie die Stofffetzen im Wald liegen. Ein Mann, der erkannte, worum es sich da handelte, brachte die Teile des Fastentuchs nach Zittau zurück. 

In den Jahren der DDR kümmerte sich niemand um das eingelagerte Tuch. Aus Scham? Aus Desinteresse? Weil man keine Chance sah, es restaurieren zu lassen?

Die Auferstehung des Tuchs begann erst nach 1990, als manche Zittauer, die es 1933 zuletzt gesehen hatten, daran erinnerten und im Museum nachfragten. Der damalige Museumsdirektor Volker Dudeck ließ die Stoffteile nach alten Fotografien zusammenpuzzlen, um zu sehen, ob noch alle Teile vorhanden waren. In der Schweizer Abegg-Stiftung und den dort arbeitenden renommierten Textilrestauratoren fand er hilfreiche Experten und Sponsoren.

1999 kehrte die Bildebibel nach Zittau zurück und kann seitdem dort nicht nur zur Fastenzeit bewundert werden.

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