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Hilfe für Kaschmir

Ein Dittersbacher verzichtete auf Geschenke zum 60. Geburtstag. Stattdessen sammelte er Geld für ein Dorf im Norden Pakistans.

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Von Sebastian Martin

Die Landschaft ist karg, kaum ein Baum steht weit und breit. Nur einzelne Sträucher sind auf den Bildern zu sehen, die der Dittersbacher Bernd Heinrich auf seinem Laptop zeigt. Im Hintergrund der Fotos türmen sich atemberaubende Berge gen Himmel. Der beeindruckendste von ihnen ist der Nanga Parbat – mit 8125 Metern der neunthöchste Gipfel der Erde und spätestens seit 1970 weltbekannt. Damals verlor Bergsteigerlegende Reinhold Messner seinen Bruder am Nanga Parbat, als beide über die Diamirflanke absteigen wollten. Er selbst wurde völlig erschöpft von Bauern gerettet. Seitdem hat der Südtiroler eine besondere Beziehung zu den Menschen in der bitterarmen Region im Norden Pakistans. Mithilfe der Messner Mountain Foundation versucht er, ihnen etwas zurückzugeben. Viele Jahre lang organisiert sie bereits Hilfe für die Bewohner abgelegenster Täler rund um den Schicksalsberg und anderer unzugänglicher Bergregionen.

Die Region am Nanga Parbat ist wunderschön, aber bitterarm. Mit einfachen Werkzeugen verlegen die Dorfbewohner von Thamorus im pakistanischen Norden eine Wasserleitung, die der Dittersbacher Bernd Heinrich mit einer Spendenaktion ermöglicht hat. 60 Famili
Die Region am Nanga Parbat ist wunderschön, aber bitterarm. Mit einfachen Werkzeugen verlegen die Dorfbewohner von Thamorus im pakistanischen Norden eine Wasserleitung, die der Dittersbacher Bernd Heinrich mit einer Spendenaktion ermöglicht hat. 60 Famili

Eines der neuesten Projekte ist eine Wasserleitung für das Dorf Thamorus, die mithilfe des Dittersbacher Bernd Heinrich finanziert wurde. Auch ihn lässt die Region rund um den Nanga Parbat nicht mehr los. Vor neun Jahren machte er mit Arbeitskollegen eine Trekkingtour in Pakistans Norden. Bis auf fast 5000 Meter schafften sie es. Vom Concordia-Platz mitten im Karakorum blickten sie auf die 8 000er-Gipfel. Seit der Tour ist Bernd Heinrich wie Reinhold Messner nicht nur von der Natur mit all ihren Extremen, sondern auch von den dort lebenden Menschen fasziniert. Vor allem von deren Herzlichkeit. Obwohl bitterarm luden sie die Fremden aus Deutschland spontan zu einer Tasse Tee ein. Mit ihren Trägern haben sie sogar getanzt, erzählt der Dittersbacher. „Es entstand ein freundschaftliches Verhältnis.“

Das alles hat Bernd Heinrich jahrelang nicht vergessen. Zu seinem 60. Geburtstag im vergangenen November kam ihm daher die Idee, auf Geschenke zu verzichten und Spenden zu sammeln. Also bat der promovierte Physiker seine Gratulanten, Geld auf ein extra eingerichtetes Konto zu überweisen. Die Resonanz war enorm. Der Leiter der Technologieentwicklung bei der B. Braun Avitum Saxonia GmbH in Radeberg wurde nicht nur von seinem Arbeitgeber und vielen Kollegen unterstützt. Auch der Chef der Bastei gab beispielsweise spontan 1000 Euro dazu, als er von der Aktion hörte. Hinzu kamen Spenden von der SSB Industrietechnik Dürrröhrsdorf, der Volksbank, von Freunden, der Familie und natürlich ein Betrag von ihm selbst.

Parallel nahm Bernd Heinrich Kontakt zu verschiedenen Bergsteigern auf, die die Menschen in der Bergregion unterstützen. Der Ansatz von Reinhold Messner gefiel ihm am besten. Denn dem Dittersbacher war ein konkreter Verwendungszweck ab Anfang an wichtig. Im Herbst 2014 schrieb er der von Messner vermittelten Kontaktperson in Pakistan die erste E-Mail. Anfangs sei noch das Ziel gewesen, mit dem gespendeten Geld eine Schule vor Ort auszustatten, sagt der 60-Jährige. Doch im Januar 2015 entschied er sich, den Bau einer Wasserleitung für das Dorf Thamorus am Fuße des Nanga Parbat in der Region Kaschmir zu bauen. Das sei wichtiger als die Ausstattung der Schule, schrieb die Kontaktperson an Bernd Heinrich in einer der E-Mails.

In dem Dorf Thamorus leben 60 Familien mit 40 Kindern unter ärmlichsten Bedingungen. Das Wasser sei bis vor Kurzem verkeimt und die Bevölkerung akut choleragefährdet gewesen, sagt der Dittersbacher. Dann zeigt er auf seinem Computer Bilder, wie die Bewohner die mithilfe der Spenden finanzierte Wasserleitung von einer Quelle in den Bergen ins Dorf verlegen. Mit einfachen Werkzeugen hacken sie einen Graben in den staubigen Boden. Auf einem anderen Foto halten sie ein Plakat hoch, auf dem in Englisch steht: Wir sind dankbar für die Unterstützung durch Bernd Heinrich, dass jede Familie im Dorf nun Zugang zu sauberem Trinkwasser hat. „Es ist ein schönes Gefühl, den Menschen helfen zu können“, sagt Familienvater von drei erwachsenen Kindern.

Deshalb will Bernd Heinrich weitermachen und für weitere Hilfsprojekte Spenden sammeln. Erste mögliche Unterstützer hat er bereits gefunden – beispielsweise Marc Henkenjohann von der Elbsandsteingruppe und Betreiber mehrerer Gaststätten in der Sächsischen Schweiz. Es gebe genug Möglichkeiten, wo man am Nanga Parbat helfen könne, sagt der Dittersbacher. Das habe ihm vor Kurzem auch wieder die Kontaktperson aus Pakistan erzählt, als diese bei ihm zu Besuch war. Gemeinsam wanderten sie durch das Elbsandsteingebirge. Dabei sei der Pakistani ebenso beeindruckt gewesen wie er vor neun Jahren im Karakorum, sagt Bernd Heinrich. Nächstes Jahr will er zurückkehren und die Einladung der Dorfbewohner von Thamorus annehmen. Denn er ist fasziniert von dieser anderen Welt.