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Feinste Blätter aus Holz geschält

Anett Wirthgen ist seit 20 Jahren die Chefin einer Holzbildhauerei. Sie hat sogar schon für das Dresdner Schloss geschnitzt.

Von Annett Heyse

Man hört nichts. Absolute Ruhe. Langsam drückt Anett Wirthgen das Eisen mit dem halbkreisförmigen Ende in das Lindenholz. Dann setzt sie erneut an, nur wenige Millimeter gegenüber. Langsam schält sich eine winzige Locke heraus. Es dauert nicht lange und auf dem Holzklötzchen zeichnet sich deutlich sichtbar ein Blatt ab. Stundenlang wird das so weitergehen, denn vor Anett Wirthgen liegen noch mehr Holzklötze, die Blätter und Blütenmuster erhalten. Die Ornamente sollen Teil einer Tür werden, ein Tischler hat sie bei der Oelsaer Holzbildhauerin bestellt.

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Anett Wirthgen leitet nun exakt 20 Jahre einen Betrieb, der 1969 vom Vater gegründet wurde und sich über Jahrzehnte einen guten Ruf in der Branche erarbeitet hat. Längst hat dort moderne Industrieproduktion Einzug gehalten, sodass Anett Wirthgen heute allein in einer Werkstatt steht, wo früher mehrere Gesellen und Lehrlinge tätig waren.

Ihr Vater Wilfried Fischer baute die Firma zunächst an der Hauptstraße 25 auf. Ihr Geld verdienten er und seine Gesellen vor allem mit Ornament- und Möbelschnitzerei. „Zu Tausenden fertigen wir Kopfstücke für Stühle an“, erzählt er. Hinzu kamen Restaurations- und Rekonstruktionsarbeiten für historische Gebäude. Verzierungen im dritten Rang des Schauspielhauses beispielsweise oder Bankteile für die Dresdner Hofkirche. „Es war eine schöne, abwechslungsreiche Arbeit mit einer enormen Bandbreite“, schwärmt er noch heute. 1994 musste Senior Fischer aus gesundheitlichen Gründen die Firma an die Tochter übergeben. Die heute 46-Jährige machte dort weiter, wo der Vater aufgehört hatte. Aber nicht mehr Serienproduktionen waren jetzt gefragt. Der Trend ging in Richtung Einzelanfertigungen oder kleiner Stückzahlen. 2002 dann der Schock: Die Flut spülte über die Werkstatt hinweg. Bis zum Bauchnabel hätten sie im Wasser gestanden, erzählt Anett Wirthgen. Viele Werkzeuge und auch einige Maschinen sowie Arbeitstische konnten zwar gerettet werden, umziehen musste sie trotzdem. 2004 fing sie an der Hauptstraße 20 in einem Neubau wieder an.

Zum Glück kamen damals aus der Landeshauptstadt Aufträge, die prestigeträchtig waren. Für das Dresdner Schloss beispielsweise. „Ich habe 2006 die Spiegelrahmen für das Bronzezimmer geschnitzt“, berichtet die Chefin und holt einen Bildband hervor. Sie zeigt auf die zarten Details, die Kronen und Muster der Rahmen. „Damals habe ich hier niemanden in die Werkstatt gelassen, es wäre ja nicht zu verantworten gewesen, wenn etwas kaputt gegangen wäre.“

Die fetten Jahre in ihrer Branche sind jedoch vorüber. Feine Verzierungen von Möbelstücken, Türen, Interieur – das alles ist kaum noch gefragt. Und wenn, erfolgt das maschinell: „Das wird doch inzwischen alles im Ausland gepresst und gefräst.“ Teure, individuelle Handarbeit hingegen werde nur noch von wenigen geschätzt. Auch deshalb ist ihre Holzbildhauerei inzwischen die letzte ihrer Art in Oelsa.

Anett Wirthgen musste sich daher neue Betätigungsfelder suchen. „Grundsätzlich mache ich alles vom Spielzeug bis zum Grabmal“, sagt sie. Vor allem reizt sie derzeit die Schriftgestaltung. So schnitzte sie beispielsweise einen gottesfürchtigen Spruch in den Balken eines Kaufbacher Fachwerkhauses. Auch Grabkreuze und -stelen stehen immer öfter in ihrem Auftragsbuch.

Anett Wirthgen setzt das Messer an, schnitzt an dem Lindenholz weiter. Es herrscht wieder absolute Ruhe. „Die braucht man zum Schnitzen. Da ist höchste Konzentration gefragt“, sagt die Meisterin noch in die Stille hinein, während sich unter ihren Händen kleine Kringel aus dem Holz schälen.