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Borbet läuft noch nicht wieder rund

Corona und Autokrise treffen den Kodersdorfer Felgenhersteller hart. Doch entlassen wurde noch niemand.

Reiner Dürkop ist Geschäftsführer von Borbet Sachsen. Das Kodersdorfer Werk durch die Krise zu steuern, ist nicht leicht.
Reiner Dürkop ist Geschäftsführer von Borbet Sachsen. Das Kodersdorfer Werk durch die Krise zu steuern, ist nicht leicht. © Nikolai Schmidt

Faust an Faust - das Begrüßungsritual ist in den vergangenen Wochen auch bei Borbet Sachsen ein anderes geworden. Die Corona-Krise hat das Werk im Kodersdorfer Gewerbegebiet fest im Griff. Wahrscheinlich wie kein anderes in dem Industriestandort an B115 und A4.

Inzwischen kann Reiner Dürkop wieder lachen, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumute ist. Zu schwer wiegt das, was er zusammen mit der rund 550 Mitarbeiter starken Belegschaft seit Mitte Februar erleben musste. "Es war Karnevalszeit. Ich kam gerade aus dem Urlaub. Und hatte schon gehört, dass in China etwas nicht stimmt. Dann ging es bei uns in Heinsberg los. Das war für mich wie ein Kaltstart. Von Null auf Hundert", erinnert sich der Geschäftsführer an jene Tage, als das Virus in Deutschland immer stärker seine Spuren hinterließ.

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Corona wirft Absatzprognose über den Haufen

Corona erwischte die Autobranche und damit auch Zulieferer wie Borbet zu einer Zeit, in der der Wachstumsmotor schon ins Stottern geraten war. Bereits Ende 2019 hatte die weltweite Nachfrage für Neufahrzeuge nach Jahren des Aufschwungs stagniert. Dies deckt sich in etwa mit den Zahlen, die eine Marktanalyse der Borbet-Gruppe Anfang 2020 zutage brachte. Hierbei ging man für Europa, Russland und die Türkei nach 2019 auch für die Jahre 2020 bis 2022 von einem jährlichen Verkaufsvolumen von etwa jeweils 21 Millionen Fahrzeugen aus.

Corona warf die Prognose jedoch schnell über den Haufen. "Ende Februar hatte sich das angedachte Volumen für 2020 auf nur noch 16 Millionen Fahrzeuge reduziert - ein Rückgang von über 25 Prozent. Damit sank natürlich auch die Aussicht, unsere Leichtmetallräder zu verkaufen", sagt der Borbet-Manager.

Doch die Schwierigkeiten haben nicht allein mit dem heimtückischen Krankheitserreger zu tun. Die Liste der Unsicherheiten ist lang. Zum Jahresende ist ein harter Brexit möglich, zuvor gibt es in Amerika eine Präsidentenwahl mit unsicherem Ausgang und der latenten Gefahr hoher Importzölle auf deutsche Autos. "Aber auch der Konkurrenzdruck innerhalb der Branche ist enorm", weiß Dürkop. Andere Felgenhersteller haben Werke in der Türkei, Südkorea, Thailand und China aufgebaut. Zudem hat in Marrokko erst kürzlich ein chinesischer Staatskonzern eine große Produktionsstätte in Betrieb genommen. "Sie alle drängen auf den europäischen Markt und verstärken den Preiskampf. Für uns gilt es, dagegenzuhalten", stellt der Chef von Borbet Sachsen klar.

Kurz- und Leiharbeit machen die Firma flexibel

Corona hat die Situation zusätzlich noch verschärft. Schon seit den ersten Krisentagen gibt es in dem Kodersdorfer Unternehmen ein firmenspezifisches Hygienekonzept, das vordergründig auf das Sensibilisieren der Kollegen setzt. Natürlich gelten auch die üblichen Abstandsregeln, wird vielerorts im Betriebsgelände Desinfektionsmittel angeboten. Externe Besucher beschränken sich bis auf Weiteres auf den Eingangs- und Verwaltungsbereich. Die Kantine lädt nicht mehr zum Verweilen ein, sondern reicht Speisen und Getränke nur noch zum Mitnehmen aus. Besprechungen werden anders organisiert, Büroordnungen sind geändert worden.

Auch Personalchefin Mareike Knöschke haben die "verrückten letzten Wochen" sehr berührt. "Mitte März machte Polen auf einmal die Grenze dicht. Unsere Mitarbeiter hätten in ihrer Heimat in Quarantäne gehen müssen, wären sie weiter nach Deutschland zur Arbeit gekommen." Innerhalb weniger Tage verschärften sich die Bedingungen so extrem, dass in der letzten März-Woche die Bänder komplett angehalten wurden. Außer Instandhaltungsarbeiten passierte nichts. Im April ging der Monatsabsatz um circa 90 Prozent zurück, da in Europa praktisch kein Auto vom Band lief. Bei der Arbeitsagentur wurde ein Antrag auf Kurzarbeit gestellt. "Ich hatte wirklich sehr unruhige Nächte. Und wollte es einfach nicht wahrhaben, dass Leute, die ich eingestellt hatte, auf einmal nicht mehr benötigt wurden", gibt Mareike Knöschke einen persönlichen Einblick in diese schwierige Zeit.

Kündigungen gibt es trotz Krise bisher nicht

Als Mitte Mai die Produktion wieder anzog, ging auch die polnische Grenze auf. "Manchmal braucht man eben ein bisschen Glück", schmunzelt die Personalchefin. Reiner Dürkop, der das Kodersdorfer Werk maßgeblich mit aufgebaut hat, hätte "nie gedacht, dass ich die Produktion hier einmal würde drosseln müssen." Denn noch immer heißt es, sehr flexibel zu sein. "Wir stellen jede Woche eine Prognose auf, für welche Kunden wir tätig werden müssen, welche Lieferanten wir dazu brauchen, wie hoch der Materialbedarf ist, wie viele Arbeitskräfte benötigt werden."

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Eine Vorschau auf die nächste Zeit ist deshalb extrem schwierig. "Die Hersteller wissen selbst nicht, wohin die Reise geht", erklärt der Manager. Der Abruf von Rädern sei deshalb großen Schwankungen unterworfen. "Mal sitzt die halbe Belegschaft zu Hause, dann wieder arbeiten wir einen Monat komplett durch." Borbet muss flexibel reagieren, setzt neben Kurzarbeit demnächst verstärkt auch wieder Leiharbeit dafür ein. Und prüft Investitionen, ob sie wirklich nötig sind. "Große Sprünge können wir uns im Moment gar nicht erlauben." Betriebsbedingte Kündigungen gab es bisher allerdings nicht. "Wir hoffen, dass dies auch in Zukunft so bleibt." Das Absatzziel wurde für 2020 inzwischen um 20 bis 25 Prozent nach unten korrigiert. Die Kapazität des Kodersdorfer Werkes liegt bei 2,5 Millionen Leichtmetallrädern im Jahr.

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