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Ferdinand Piechs großes Erbe für Sachsen

Der verstorbene VW-Manager hatte ein besonderes Faible für Dresden. Was der Freistaat und seine Autoindustrie ihm zu verdanken haben.

Ferdinand Piëch feierte seinen 75. Geburtstag in Dresden.
Ferdinand Piëch feierte seinen 75. Geburtstag in Dresden. © kairospress

Es soll an einem Wintertag 1998 gewesen sein. Da ging ein Mann mit Sonnenbrille und tief ins Gesicht gezogenem Hut durch Dresden. Ein wenig Sightseeing in der Innenstadt. Dann fuhr der Mann namens Ferdinand Piëch in einem Kleinbus kreuz und quer durchs Stadtgebiet. Der damalige Wirtschaftsbürgermeister Rolf Wolgast (SPD) begleitete den Auto-Boss auf seiner Standort-Tour. Gesucht wurde ein Platz für eine Endmontage geplanter VW-Luxuslimousinen.

In Dresden sollte sie gebaut werden, die Eintrittskarte des Konzerns in die teure Luxusklasse. Und dafür wollte er ein völlig anderes Automobil-Werk schaffen, das eben auch diese andere Klasse repräsentierte. Mehrere Flächen bot die Stadt an – darunter auch eine in Flughafen-Nähe. Doch Piëch empörte sich: So einen Kartoffelacker habe er auch in Wolfsburg.

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Der damalige VW-Aufsichtsratsvorsitzende Piech kommt im April 2013 in Hannover zur Hauptversammlung mit einem VW Ein-Liter-Auto XL1. 
Der damalige VW-Aufsichtsratsvorsitzende Piech kommt im April 2013 in Hannover zur Hauptversammlung mit einem VW Ein-Liter-Auto XL1.  © Jochen Lübke/dpa

Nein, in der Innenstadt sollte es sein. In der Nähe der Sehenswürdigkeiten, denn eine solche sollte auch das geplante Werk werden. Ziemlich bald konzentrierten sich die Wolfsburger auf das damalige Dresdner Messegelände am Straßburger Platz, am Rande des Großen Gartens. Es kam zu heftigen Bürgerprotesten. Sie fühlten sich von dem ihrer Meinung nach rüden Hoppla-jetzt-komm-ich-Vorgehen regelrecht überfahren. 

Der Autobauer, dem sonst in jeder Stadt auf der Welt der rote Teppich ausgerollt und sämtliche Investoren-Wünsche erfüllt wurden, verstand wiederum die Dresdner Welt nicht mehr. Beim Widerstand vieler Dresdner – man kann es sich heute kaum mehr vorstellen – spielte auch die kleine Parkeisenbahn auf dem geplanten Baugelände sowie ein Käfer eine entscheidende Rolle. Nach langem Hin und Her verpflichtete sich der VW-Konzern, einen neuen Bahnhof für die Parkeisenbahner zu errichten. Und der Nachtschlaf des gefährdeten Juchtenkäfers sollte mit Speziallampen gerettet werden.

Die Rathausspitze und der damalige Stadtrat taten sich schwer, den Bürgern die Ansiedlung zu vermitteln und alles professionell abzuwickeln, aber am Ende klappte es dann doch. Heute fügt sich die Manufaktur in die Natur ein, als ob sie immer dort gestanden hätte. Zur Verwunderung vieler Journalisten war der Name des Fahrzeugs, das dort am 11. Dezember 2001 seine automobile Geburtsstunde erlebte, Phaeton – nach dem Sohn des griechischen Sonnengottes Helios. Er wurde nach der Mythologie von Zeus mit einem Blitzstrahl getötet, weil er mit Helios‘ Wagen die halbe Welt in Brand gesteckt hatte.

Die VW-Manufaktur in Dresden zieht die Flaggen auf halbmast. 
Die VW-Manufaktur in Dresden zieht die Flaggen auf halbmast.  © Sven Ellger

Der enge Bezug von Piëch zu Dresden blieb. Jenseits der wirtschaftlichen Interessen genoss der VW-Boss immer wieder die Atmosphäre dieser außergewöhnlichen Stadt, wie er stets betonte. Und so wählte er Dresden als Ort für eine Feier zu seinem 75. Geburtstag. Alle VW-Größen reisten an und auch Ex-Bundespräsident Christian Wulff samt Gattin Bettina oder Niedersachsens Ministerpräsident McAllister. Gefeiert wurde im Kempinski, bestaunt wurde der Zwinger bei der Gruppenführung. Und die Dresdner konnten so manche Luxuskarrosse aus dem VW-Konzern bewundern.

Ohne Piëch, der schützend die Hand über den Phaeton hielt, wäre die Produktion der Nobelkarosse nicht erst 2016 im Zuge des Abgasskandals eingestellt worden, sondern schon eher. Statt der erhofften 20.000 Fahrzeuge pro Jahr wurden selbst im Rekordjahr 2011 nur 11.000 Fahrzeuge in Dresden montiert. Das hätte das Aus für die Gläserne Manufaktur bedeutet. Sie wäre vermutlich stillgelegt worden. Denn ein Schaufenster für Elektromobilität und Digitalisierung, als das sie heute fungiert, brauchte die Marke VW vor 2016 nicht.

„Sachsen verdankt Ferdinand Piëch, dass es wieder das Autoland Sachsen werden konnte, das es heute ist“, würdigt Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) den Verstorbenen am Dienstag. Und das stimmt. Zwickau ist geprägt von den Spuren seiner Familie. Der Großvater schuf in den 1930er-Jahren als Konstrukteur die Silberpfeile der Auto Union. Ohne seinen Enkel ist es fraglich, ob dort heute noch Autos gebaut werden würden. Denn 1993 stand das Werk auf der Kippe. 

Piëch rettete es 1995 mit der Entscheidung, aus dem Golf-Werk Zwickau ein Drehscheibenwerk zu machen, in dem Golf und Passat vom Band laufen konnten. Das war richtungsweisend und sorgte nicht nur für Beschäftigung bei VW Sachsen. Heute arbeiten in Zwickau-Mosel 7 700 Menschen. Die Entscheidung trug auch dazu bei, dass sich die Autobranche zur umsatzstärksten Branche im Freistaat entwickelte mit heute insgesamt 95 000 Beschäftigten, davon 80 Prozent bei Zulieferfirmen.

Ferdinand Karl Piëch (2.v.l.) am 27.07.1999  bei der Grundsteinlegung der von ihm iniziierten Gläsernenen Manufaktur in Dresden mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (M) und Dresdens OB Herbert Wagner (l). Am 11. Dezember 2001 nahm die Manufakt
Ferdinand Karl Piëch (2.v.l.) am 27.07.1999  bei der Grundsteinlegung der von ihm iniziierten Gläsernenen Manufaktur in Dresden mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (M) und Dresdens OB Herbert Wagner (l). Am 11. Dezember 2001 nahm die Manufakt © Ronald Bonß

Piëch habe die Sachsen sehr gemocht, wegen ihrer handwerklichen Fähigkeiten, ihrer Tradition, ihrer Affinität zum Auto und ihrer „natürlichen und respektvollen Dankbarkeit“, heißt es in Zwickau. „Besonders aber wegen ihres Erfindergeistes und ihrer Zuverlässigkeit“, glaubt Gunter Sandmann, langjähriger Sprecher von VW Sachsen und jetzt Leiter der internen Kommunikation. Ihm und seinen Kollegen sei der VW-Patriarch, der seit 2002 Ehrenbürger von Zwickau war, immer respektvoll und höflich, aber bestimmt begegnet.

Aber nicht nur für Dresden und Zwickau setzte sich Piëch ein, auch für Leipzig. Als die VW-Tochter Porsche 2010 die Produktion des Erfolgsmodells Macan zu vergeben hatte, lud der damalige Leipziger Porschechef Siegfried Bülow kurzerhand den VW-Aufsichtsratsvorsitzenden ein und überzeugte ihn von den Qualitäten des Standorts. „Zum Abschied sagte er: ‚Ich werde mich für Leipzig einsetzen.‘ Da habe ich gewusst, ich hatte gewonnen“, erzählte Bülow 2017 der SZ, als er sich in den Ruhestand verabschiedete.

Piëch sah das Engagement von VW für die neuen Bundesländer nie nur betriebswirtschaftlich. In einem Interview mit der Super Illu sagte der Österreicher einst: „Ich habe nie verstanden, dass es Westdeutsche gibt, die den Solidaritätszuschlag nicht zahlen wollen. Auch in Österreich gab es nach dem Krieg eine russisch besetzte Zone, die wirtschaftliches Schlusslicht war. Ähnlich wie in Deutschland. Ich habe als Kind im Westen gelebt, bin aber immer an meinen Geburtsort in der russischen Zone zurückgekehrt. Es war ein ergreifendes Gefühl, dass man damals alles für einander getan hat, damit es den Menschen dort gut geht.“

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