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Fernweh in Plauen

Gerhard Schmidt hat die Welt umsegelt. Nun macht er Pläne für die nächste Tour. Seinem Stadtteil hält er trotzdem die Treue.

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Von Annechristin Kleppisch

Er liebt seinen Kiez. Die Kinder, die auf dem F.-C.-Weiskopf-Platz spielen. Den Schatten, den die mächtigen Mauern vom Rathaus Plauen werfen. Das bunte Treiben rund um die Kreuzung. Den Kaffee, heiß und dampfend, im Café an der Ecke. Gerhard Schmidt ist Plauener. Seit 32 Jahren lebt er in dem Stadtteil. Sicher, er ist mehrmals umgezogen. Mit seiner Familie lebte er auf der Bienertstraße und der Münchner Straße, der Bernhardstraße und jetzt auf der Würzburger Straße. Aus Plauen ganz weg wollte er aber nie, trotz Fernweh.

Gerhard Schmidt hat eine tiefe Sehnsucht in sich. Lust auf andere Länder, Kulturen, die weite Welt, das Meer. Dafür verlässt er seinen Stadtteil, für Wochen, Monate. Dann fährt er mit dem Segelboot über die Meere, legt an, in den Häfen der Azoren, von New York und denen von Israel.

Gerhard Schmidt ist ein Weltumsegler. 2000 hat er sich zum ersten Mal auf die dreijährige Reise gemacht. Nun bereitet er eine zweite Weltumsegelung vor. Ende März geht es los. Im Mai und Juni ist Gerhard Schmidt dann rund um Griechenland unterwegs. Im Oktober werden die Kanaren umsegelt. Im Januar 2013 geht es an die Nordamerikanische Ostküste und weiter in die Karibik.

Auszeit in Hamburg

Die Liebe zum Segeln hat Gerhard Schmidt seit seiner Kindheit. Die Familie hatte einen Wohnwagen in Caputh am Schwielowsee. Dort fuhren sie mit dem Faltboot. „Ein Motorboot zum Ausleihen haben wir nicht bekommen“, sagt er. Mit 24 machte er den Bootsführerschein. Mit 35 zog es ihn richtig an die See. Kurz vor der politischen Wende in Deutschland durfte die Familie ausreisen. Es ging nach Hamburg. „Das Tor zur Welt“, sagt Gerhard Schmidt. Seine Sehnsucht von damals ist noch heute spürbar. Und trotz des Neuanfangs mit nichts in der Tasche sagte er schon damals zu seiner Frau: „Bis ich 50 bin, segel’ ich um die Welt.“

Fünf Jahre vorher erfüllte er sich seinen Traum. Hamburg hatte er da schon lange hinter sich gelassen. Nur zwei Jahre blieb er Plauen fern. Dann kehrte er zurück und machte mit einer Immobilienfirma Geld. Als die Branche krankte, verkaufte er alles und fuhr los. Über drei Jahre war er mit seiner Frau auf der „Summertime“ unterwegs. Madeira, Trinidad, Galapagos, Tahiti, Fidschi, Bali, Sri Lanka, Sudan, Ägypten, Kreta – wie eine Perlenschnur zieht sich die Route einmal über die Weltkarte. Die schönsten Orte habe er in der Südsee gesehen. Weißer Strand, türkisfarbenes Meer. „So muss das Paradies sein“, sagt er.

Doch auch das hatte irgendwann ein Ende. Zurück in Plauen wagte Gerhard Schmidt den Neuanfang. Aus Hobby und Sehnsucht wurde ein Beruf. Heute leitet er eine Segelschule in Pirna. Das Übungsboot liegt im Loschwitzer Hafen. An den Wochenenden geht es mit den Schülern auf die Elbe. Jeden Tag ist er dann auf dem Wasser. Auch die Wochenenden sind mit Arbeit gefüllt. Doch Gerhard Schmidt weiß, wofür er das tut.

Sein Fernweh wächst. Das Segelboot liegt im fernen Kroatien und wartet auf die nächste Fahrt. Noch muss es abbezahlt werden. Daher nimmt der 58-Jährige Gäste mit an Board, wenn es auf die einzelnen Etappen der Tour geht. Und organisiert Segeltörns für Reisegruppen.

Klassik auf dem Weltmeer

Erst wenn das Boot wirklich sein eigenes ist, geht er privat wieder auf Tour. Ziele dafür hat er schon. Südafrika und Brasilien stehen auf seinem Plan. Und Neuseeland. Dort wohnt eine der zwei Töchter mit den Enkelkindern. Kilometerweit liegen die Länder fern von seiner Heimat und dem Kiez in Plauen.

Einen Teil davon nimmt er dennoch mit auf Reisen. Auf CDs zum Beispiel. Gerhard Schmidt liebt klassische Musik. Er spielt Bratsche im Sinfonieorchester der Auferstehungskirche. Die Musik will er auf den Weltmeeren nicht missen, auch wenn sein Instrument zu Hause bleiben muss. „Die hohe Luftfeuchtigkeit würde das Holz zerstören“, sagt er. Von den Meeren kommt er immer wieder gern zurück. „In Plauen wohnt man einfach schön“, sagt er. Und die Weitsicht vom Hohen Stein über Dresden sei auch nicht schlecht.