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Feuer im Weinberg

Wackerbarth-Winzer schützen in Weinböhla junge Reben mit Frostkerzen gegen Minusgrade. Noch bis Sonnabend.

Auf Feuer-Patrouille: Die Winzer-Azubis Clara Burdzik (r.) und Jonas Lassak kontrollieren Donnerstagfrüh die Feuer auf dem Weinberg von Schloss Wackerbarth an der Köhlerstraße in Weinböhla.
Auf Feuer-Patrouille: Die Winzer-Azubis Clara Burdzik (r.) und Jonas Lassak kontrollieren Donnerstagfrüh die Feuer auf dem Weinberg von Schloss Wackerbarth an der Köhlerstraße in Weinböhla. © Norbert Millauer

Weinböhla. Donnerstagmorgen, um fünf. Da leuchtet doch was neben der Köhlerstraße in Weinböhla, etwa in halber Höhe am Berg. Unterm schwarzen Nachthimmel bewegen sich unzählige Flämmchen.

Ein tröstlicher Anblick bei der Kälte. Minus ein Grad, sagt das Autothermometer. Alexander Thau von Schloss Wackerbarth bestätigt das. Gemeinsam mit zwei Azubis hat der Winzer um drei auf dem Weinberg begonnen, 260 Frostkerzen aus der Ebersbacher Kerzenfabrik – erstmals verwendet – anzuzünden. 

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Gegen die besondere Kälte der frühen Morgenstunden. Temperaturen um den Gefrierpunkt sind jetzt ungünstig für die jungen, noch kleinen 3 300 Muscaris-Rebstöcke, vor einem Jahr gepflanzt auf einem knappen Hektar neben der seit Längerem angebauten Sorte Solaris.

Wenige Minuten nach fünf. Alexander Thau hat ordentlich zu tun, nicht nur mit dem Überwachen der Frostkerzen. Zahlreiche Journalisten wollen wissen, wie das funktioniert mit dem Kälteschutz. Am besten auch von oben, das gibt so tolle Bilder, ist zu hören, als nacheinander zwei Drohnen blinkend und laut surrend aufsteigen. Natürlich möchten die Fernsehteams auch O-Ton. Was genau bewirken die Frostkerzen? 

Sie können die Temperatur im Weinberg um vier bis fünf Grad erhöhen. Weitere Vorteile: Sie lassen sich dicht stellen, es entwickelt sich kaum Rauch. Die Anwohner wird’s freuen. Noch sind die Fenster der umliegenden Häuser dunkel. „Wir danken den Anliegern für ihr Verständnis, sie wurden informiert, was hier passiert“, sagt Wackerbarth-Pressesprecher Martin Junge.

Gegen 5.30 Uhr macht sich ein Rotschwänzchen bemerkbar, nachdem zuvor schon hier und da andere Vogelstimmen zu hören waren. Alexander Thau holt ein Thermometer aus der Jackentasche. Tatsächlich, drei Grad plus sind es innen, vier mehr als außen. Gut für den Muscaris, die Sorte soll hier getestet werden und zeigen, wie sie im sächsischen Klima wächst. Ein seltener Weißwein, mit intensivem Bukett, Muskataroma, Geschmack nach Zitrus- und weiteren tropischen Früchten.

Die Winzer beobachten die Weinbergfeuer.
Die Winzer beobachten die Weinbergfeuer. © Norbert Millauer

Doch weshalb sind gerade Junganlagen frostgefährdet? Sie haben noch nicht so viel Kraft, erklärt Alexander Thau, zeigt auf erste Knospen. Wenn da jetzt die Kälte reinkommt, werden die braun und fallen ab, sagt Wackerbarth-Pressesprecher Martin Junge. Das könnte bedeuten, die Rebstöcke bringen erst später Ertrag – normalerweise brauchen sie drei Jahre –, oder sie werden sogar langfristig geschädigt, bis zum Totalausfall. Dann wäre ein Neuaufreben nötig.

Etwa 2 000 Euro kostet der Frosteinsatz, die Summe möglicher Verluste und Mehrkosten fürs Wiederherstellen würde deutlich höher liegen, so Martin Junge. Ganz abgesehen davon, dass kein Winzer seinen Weinberg einfach so einer Gefahr überlassen würde, gegen die er etwas tun kann.

Um 5.50 Uhr rauscht auf der Berliner Bahn ein Zug vorbei, deutlich vernehmbar. Doch davon lässt sich niemand stören. Weder Reporter und Fotografen noch die Wackerbarth-Mitarbeiter. Auch die Azubis Clara Burdzik und Jonas Lassak, erstes Lehrjahr, haben ein wachsames Auge auf die Paraffinkerzen zwischen den Rebzeilen. Nein, erlebt hat sie so was noch nicht, sagt die junge Frau, aber im Internet davon erfahren. Und ja, sie ist gern dabei. „Wir schauen, dass nichts ausgeht und nichts brennt, was nicht brennen soll.“

In Diesbar-Seußlitz, an der Heinrichsburg, sind weitere Kollegen im Einsatz. Sie sorgen für Rauchfeuer zum Schutz von 12 500 Bacchus- und 11 000 Müller-Thurgau-Rebstöcken, gepflanzt 2015/16. Welcher Frostschutz wann eingesetzt wird, hängt Martin Junge zufolge von Temperatur und Lage ab. Er weiß von Winzern, die Hubschrauber zum Verteilen der kalten Luft nutzen. In Kanada werden Windräder in die Weinberge gebaut, die wärmere Luft herunterdrücken, hat Alexander Thau erfahren. Solche Pläne hat Wackerbarth nicht. Das Weingut testet jetzt erst mal die Frostkerzen – die sich nach ersten Erkenntnissen als recht praktikabel erweisen.

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Kurz vor sechs. Der Morgenhimmel färbt sich zunehmend blau, Winzer Thau ist mit der Wirkung der Kerzen soweit zufrieden, die Brenndauer von etwa neun Stunden wird nicht auf einmal benötigt. Sind draußen dauerhaft ein, zwei Grad plus, löscht das Team die Frostkerzen. Einfach Deckel drauf. Und fertig. Für die nächsten Morgenstunden bis Sonnabend.

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