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Filigrane Arbeit an der Flamme

Bei der Sommerakademie hat ein Glasbläsereikurs Premiere. Die Arbeit mit dem Material ist nicht ungefährlich. Ein Besuch.

Kursleiterin Henriette Preuß (l.) zeigt Teilnehmerin Barbara Heinrich verschiedene Kniffe, um heißes Glas per Brenner in Form zu bringen. Den Glaskunstkurs gab es dieses Jahr bei der Sommerakademie zum ersten Mal.
Kursleiterin Henriette Preuß (l.) zeigt Teilnehmerin Barbara Heinrich verschiedene Kniffe, um heißes Glas per Brenner in Form zu bringen. Den Glaskunstkurs gab es dieses Jahr bei der Sommerakademie zum ersten Mal. © Sebastian Schultz

Riesa. Das Wetter draußen ist herrlich sonnig, doch die vier Frauen ziehen das schummrige Innere des ehemaligen Stalls im Wohnkulturgut Gostewitz vor. Sie sitzen an einem Tisch und halten lange, dünne Stäbe aus Edelstahl und Glas in eine Flamme, die aus einer Art Bunsenbrenner vor ihnen kommt. Es geht ruhig zu in dem kühlen Raum, gesprochen wird kaum. Was auch besser ist. Denn das Arbeiten mit heißem Glas braucht volle Konzentration, sagt Henriette Preuß.

Weichglasstäbe in verschiedenen Farben – ein Grundmaterial im Glaskunstkurs. 
Weichglasstäbe in verschiedenen Farben – ein Grundmaterial im Glaskunstkurs.  © Sebastian Schultz
Per Spezialbrenner und Propangas-Sauerstoff-Gemisch wird das Glas auf einige hundert Grad Celsius erhitzt. Ab etwa 550 Grad wird der feste Werkstoff weich und kann auf einen Edelstahlstab gebeben und dann gedreht werden.
Per Spezialbrenner und Propangas-Sauerstoff-Gemisch wird das Glas auf einige hundert Grad Celsius erhitzt. Ab etwa 550 Grad wird der feste Werkstoff weich und kann auf einen Edelstahlstab gebeben und dann gedreht werden. © Sebastian Schultz
Blick durch eine Spezialbrille mit Didymium-Glas auf das erhitzte Weichglas.
Blick durch eine Spezialbrille mit Didymium-Glas auf das erhitzte Weichglas. © Sebastian Schultz
Die Werkstücke am Ende des Edelstahlstabs kühlen in einem Kühlgranulat ab.
Die Werkstücke am Ende des Edelstahlstabs kühlen in einem Kühlgranulat ab. © Sebastian Schultz
Ketten, Ohrringe, Perlen: So etwas kann im Glaskunstkurs entstehen. Je komplexer die Form, desto mehr Erfahrung braucht der Glaskünstler aber meist. Anfänger starten deshalb meist damit, kleine Perlen herzustellen.
Ketten, Ohrringe, Perlen: So etwas kann im Glaskunstkurs entstehen. Je komplexer die Form, desto mehr Erfahrung braucht der Glaskünstler aber meist. Anfänger starten deshalb meist damit, kleine Perlen herzustellen. © Sebastian Schultz

Die Frau mit den langen Filzlocken weiß, wovon sie redet: Filigrane Glaskunst ist das Handwerk der ausgebildeten Glasbläserin, die den Glaskunstkurs bei der Riesaer Sommerakademie leitet. Seit Montag probieren sich gut 80 Teilnehmer in einem Dutzend Kursen angeleitet von Profis in verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen. Viele der Kurse sind etabliert: Graffitimalerei, Holzbildhauerei, Tiefdruck, Rock-Pop, Aktzeichnen.

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Der Glasbläsereikurs aber ist neu. Mit bei der Premiere dabei ist auch die zwölfjährige Johanna aus Mautitz, die jüngste Teilnehmerin bei der diesjährigen Sommerakademie. Gleich neben ihr sitzt Ruheständlerin Barbara Heinrich aus Radebeul. Die frühere Mitarbeiterin eines Wohlfahrtsverbands begeistert sich sonst eher fürs Malen und Zeichnen. „Aber ich hatte mal Lust, etwas ganz anderes zu machen.“ Seit Montag bringt sie unter der gut 800 Grad heißen Flamme eines Spezialbrenners Weichglas in Form. Kleine Perlen sind dabei entstanden, aber auch Stücke in Tropfenform und ein kleiner Löffel.

Dass die Arbeit mit dem heißen Glas nicht nur ein feines Händchen braucht, sondern auch nicht ganz ungefährlich ist, zeigt der Blick auf eine verbrannte Stelle an Barbara Heinrichs Hand. „Manchmal platzt das Glas auch“, sagt Kursleiterin Henriette Preuß. Große Temperaturunterschiede verkraftet das Material nämlich nicht. Deshalb findet der Kurs drinnen statt, denn draußen kann eine kleine Windböe schon zum Problem werden: Kühlt das erhitzte Glas zu schnell ab oder ein Stück in sich zu ungleichmäßig, kann es platzen – und herumfliegen. Ganz verhindern lässt sich das selbst für Profis nicht.

Blick durch die Spezialbrille

Damit möglichst nichts ins Auge geht, tragen die Frauen Spezialbrillen. Deren violett schimmerndes Glas ist nicht nur ein mechanischer Schutz. Es macht auch den Blick in die extrem helle, orangenfarbene Flamme etwas erträglicher. „Mich fragen manchmal Leute, ob die Arbeit mit dem Glas auf die Lunge geht“, sagt Henriette Preuß. Das eigentliche Problem seien aber die Augen. Mit den Jahren sinke die Hell-Dunkel-Toleranz. „Wenn ich nachts Auto fahre und die Schilder an der Tankstelle grell im Dunkeln leuchten ist das furchtbar“, erzählt die Glaskünstlerin. Aber: Das bringe der Beruf eben mit sich. 

Für viele Künstler hat das „Coronajahr“ indes noch ganz anderen Probleme mit sich gebracht, allen voran fehlende Einnahme. Sommerakademie-Mitorganisator Jan Giehrisch ist deshalb froh, dass die vom Kulturförderverein Riesa getragene Veranstaltung überhaupt stattfindet. Zwar habe es 2019 gut 100 statt diesmal 80 Teilnehmern gegeben. „Aber angesichts von Corona ist die Zahl super“, findet Giehrisch, der selbst wieder einen Sandsteinplastiken-Kurs geleitet hat.

Den Abschluss der Akademiewoche bilden am Freitagabend Vernissage und Konzert am beziehungsweise im Wohnkulturgut. Bei der Vernissage ab 19 Uhr sind die Arbeiten aller Kursteilnehmer zu sehen. Das Konzert ab 20 Uhr gestalten die Teilnehmer vom Rock-Pop-Kurs. Wegen der coronabedingten Abstandsregeln findet es auf der Koppel vorm Gut nahe dem Keppritzbach statt. Auf einer eigens organisierten Bühne sollen 17 Musiker Platz finden, davor bis zu 500 Besucher – und so der 28. Sommerakademie einen fulminantes Ende bescheren.

Gäste von Vernissage bzw. Konzert werden gebeten, Masken und eine Decke oder Kissen als Sitzgelegenheit mitzubringen.

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