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Junge Feuerwehrleute vor dem Absprung?

Was der Sparvorschlag der Zittauer Verwaltung für die Sicherheit und die hauptamtlichen Kräfte bedeutet, sagt Feuerwehrchef Uwe Kahlert.

Uwe Kahlert.
Uwe Kahlert. © Archivfoto: Thomas Eichler

Rund 1,9 Millionen Euro will die Zittauer  Stadtverwaltung mittelfristig bei der Freiwilligen Feuerwehr mit ihren hauptamtlichen Kräften sparen. Der Vorschlag sorgt für heftigen Gegenwind aus der Bevölkerung und für Verunsicherung bei den Kameraden. 

Vor allem bei den hauptamtlichen Kräften soll der Rotstift angesetzt werden, um die Stadtkasse zu sanieren. Seit 1950 gibt es eine Berufsfeuerwehr, die zu DDR-Zeiten 36 Mitarbeiter hatte. 1991 wurde sie in eine Freiwillige Feuerwehr mit 27 hauptamtlichen Kräften umstrukturiert. Nach zwischenzeitlichen Sparrunden sind es derzeit 23 hauptamtliche Kräfte, von denen vier noch in der Ausbildung stecken und fünf demnächst in Rente gehen. 

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Die hauptamtlichen Kräfte sind an sieben Tagen pro Woche 24 Stunden im Einsatz. Der Sparvorschlag, über den der Stadtrat befinden muss, sieht vor, dass sie künftig an Wochenenden oder nachts nicht mehr arbeiten. Von einer Abschaffung der hauptamtlichen Kräfte ist bisher keine Rede. Gleichwohl befürchten viele, dass es am Ende so kommen könnte. Wie die Zittauer Feuerwehr den Vorschlag bewertet, sagte deren Leiter, Uwe Kahlert:

Herr Kahlert, wenn die Stadtverwaltung den Vorschlag zur Neustrukturierung umsetzt, haben die hauptamtlichen Kräfte der Zittauer Feuerwehr am Wochenende oder nachts frei. Das müsste die Kameraden doch freuen, oder?

Nein, das freut die Kameraden nicht. Es gab viele solcher Arbeitszeitmodelle in Deutschland, die größtenteils gescheitert sind. Das 24-Stunden-System, nach dem auch wir arbeiten, hat sich bewährt. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, Polen ... Außerdem wollen die Kameraden das 24-Stunden-System.

Welchen Vorteil hat das 24-Stunden-System? Bekommen Ihre Mitarbeiter dadurch mehr Geld?

Durch das 24-Stunden-System bekommen die Kameraden auch mehr Geld, weil dadurch der „Dienst zu ungünstigen Zeiten“ vergütet wird. Aber sie haben auch mehr Zeit für ihre Familien. Während des 24-Stunden-Dienstes absolvieren sie - wenn sie nicht raus müssen - bis abends normale Tätigkeiten wie die Wartung der Fahrzeuge, Geräte und Ausrüstung sowie die Betreibung des Feuerwehrtechnischen Zentrums. Danach gehen sie in die Bereitschaftsphase. Die folgenden 48 Stunden haben sie frei. Wenn ich unseren elf jungen Kameraden jetzt sagen müsste, dass sie in ein 12-beziehungsweise 8-Stunden-System wechseln sollen, würden sie sich nach anderen Alternativen umsehen. Sie gehen zu den Feuerwehren mit hauptamtlichen Kräften oder Berufsfeuerwehren, die 24 Stunden arbeiten.

Haben die jungen Kameraden schon angedeutet, dass sie diesen Weg bei einer Neustrukturierung gehen würden?

Ja. Wenn dann auch noch die fünf älteren Kameraden in Rente gehen, war es das mit den hauptamtlichen Kräften im 24-Stunden-Dienst.

Was würde die Neustrukturierung für die Sicherheit von Zittau und der Umlandgemeinden bedeuten?

Es gibt Vorschriften, wie schnell die Feuerwehr an der Einsatzstelle zu sein hat. In Zittau schaffen das die hauptamtliche Kräfte in der Regel innerhalb von fünf Minuten, die ehrenamtlichen Kräfte meist innerhalb von zwölf, aber nicht immer in der erforderlichen Besetzung. Wenn es brennt oder jemand bei einem Unfall im Auto eingeklemmt ist, wird jede zusätzliche Minute zu einer Ewigkeit. Die Neustrukturierung hätte auch noch ganz andere Auswirkungen. Wir haben zum Beispiel in Zittau Firmen mit einem großen Risikopotenzial. Aufgrund der hohen Brandlast und leicht entzündlichen Stoffen, zum Beispiel in der Textilindustrie sowie der Kunststoff verarbeitenden Industrie, zählt jede Minute, um eine rasche Brandausbreitung zu verhindern.

Und für die Umlandgemeinden?

Es dauert länger, bis Hilfe aus Zittau kommt. Zudem haben wir Spezialtechnik, die die Gemeindefeuerwehren nicht besitzen.

Mit der Neustrukturierung würden Stadtrat und -verwaltung diese Einbuße an Sicherheit also bewusst in Kauf nehmen?

Ich glaube eher, dass manchen Stadträten oder auch Bürgern die Folgen gar nicht so bewusst sind, weil es in der Vergangenheit immer funktioniert hat.

Wären die ehrenamtlichen Kräfte überhaupt in der Lage, das Einsatzvolumen der hauptamtlichen Kräfte abzufangen?

Ja, aber tageszeitabhängig mit einigen Abstrichen in Bezug auf Eintreffzeit und Funktionen.

Mit welchen Abstrichen?

Wie schon gesagt: Die Eintreffzeit wäre ein großer Abstrich. Ein zweiter ist die rückläufige Anzahl der Atemschutzträger bei der Zittauer Feuerwehr. Allein in den letzten acht Jahren ist sie von 104 auf 78 gesunken. Und bei den 78 sind die 23 hauptamtlichen Kräfte schon eingerechnet. Manchmal kommen bei Einsätzen auch nur fünf, sechs, also zu wenige ehrenamtliche Kräfte zusammen. Manchmal kommen ausreichend, aber dann ist es auch schon passiert, dass es ausgerechnet an Spezialisten wie Fahrer für die Löschfahrzeuge fehlt. Für die Zukunft würde dies bedeuten, dass generell bei Einsätzen die Ortsfeuerwehren mit alarmiert werden müssten. Bei den hauptamtlichen Kräften sind alle diese Fähigkeiten gebündelt. Auch unsere Ortswehren sagen: Ohne die Hauptamtlichen geht es nicht. Sie sind ein eingespieltes Team und können sich zu 200 Prozent aufeinander verlassen. Das ist bei immer neu zusammengesetzten Teams aus ehrenamtlichen Kräften nicht immer der Fall.

Ist Zittau inzwischen nicht generell für hauptamtliche Kräfte zu klein, also zu finanzschwach?

Aus meiner Sicht nein, aber das müssen die Stadtratsmitglieder einschätzen.

Gibt es eigentlich eine verlässliche Untersuchung darüber, ob Zittau noch hauptamtliche Kräfte braucht?

Ja, die Standortanalyse. Sie ist in diesem Jahr geplant und Voraussetzung für den neuen Brandschutzbedarfsplan, den ich bis November in den Stadtrat einbringen will. Wenn sie ergibt, dass zum Beispiel zwölf hauptamtliche Kräfte für die Tageseinsatzbereitschaft ausreichend sind, dann kann man vernünftig mit der Stadtverwaltung und dem Stadtrat darüber diskutieren, wie wir weiter verfahren. Sie kann aber auch ergeben, dass wir mehr als jetzt benötigen und auch da müssen vernünftige Gespräche mit den Verantwortlichen geführt werden.

Gibt es ähnlich große Städte, die sich noch hauptamtliche Kräfte oder eine Berufsfeuerwehr leisten?

Ja, zum Beispiel Riesa, Weißwasser, Hoyerswerda, Pirna und Freital.

Wie gehen ähnlich große Städte vor, die sich keine hauptamtlichen Kräfte oder nur noch sehr wenige leisten?

Meißen zum Beispiel hat nur noch zwei, drei hauptamtliche Kräfte. Der Rest der Truppe ist aber bei der Stadt angestellt, zum Beispiel im Bauhof. So können sie sofort, bei Bedarf auch mehrfach am Tag, ausrücken und wenn nötig, nach dem Einsatz ausschlafen. Bei privaten Arbeitgebern funktioniert das nur sehr selten dauerhaft.

Könnten Sie sich den Weg auch für Zittau vorstellen?

Ja, das wäre zumindest ein Weg, um die Tagesbereitschaft abzusichern.

Wie ist das mit dem Vorschlag aus dem Stadtrat, die Umlandgemeinden stärker zur Kasse zu bitten. Gibt es Verträge mit den Umlandgemeinden über die Hilfe der Zittauer Feuerwehr?

Nein. Das wollen die Gemeinden nicht, denn ein Vertrag würde dauerhafte Kosten verursachen. Bisher zahlen sie gemäß des Brandschutzgesetzes für jeden Einsatz separat.

Ein Vertrag hätte für Zittau den Vorteil einer stetigen Geldquelle zur Finanzierung der hauptamtlichen Kräfte. Gebe es nicht auch Vorteile für die Gemeinden?

Ja. Die einzelnen Einsätze wären dann unabhängig von deren Größe für die Gemeinden kostenlos. In diesem Fall müssten sie sich auch nicht so oft auf die ehrenamtlichen Kräfte ihrer kleinen Nachbargemeinden, bei denen nicht immer die Einsatzbereitschaft gesichert ist, verlassen. Zumal wir in der Regel schnell vor Ort sind. Aber das ist ein schwieriges Thema.

Wären Verträge mit den Nachbargemeinden eine Lösung für das Zittauer Feuerwehr-Problem?

Es wäre ein Lösungsansatz, der zwar nicht die angestrebten 1,9 Millionen Euro einbringen, aber vieles einfacher machen würde.

Hat die Zittauer Feuerwehr auch Finanzierungsvorschläge?

Ja. Wenn die Stadt zum Beispiel Geld für Speziallehrgänge in die Hand nehmen würde, könnten wir für andere Gemeinden weitere Aufgaben kostenpflichtig übernehmen und somit zusätzliches Geld erwirtschaften. Zum Beispiel hat nur ein Kamerad, der bald in Rente geht, die Berechtigung, Feuerlöscher zu überprüfen. Er macht das nur für Zittau. Der Lehrgang kostet 3.000 Euro. Aber auch andere Speziallehrgänge könnten von den Kameraden der hauptamtlichen Kräfte besucht werden, um damit auch Leistungen für Dritte in ihrer Bereitschaft zu erbringen.

Wie viel Geld könnten diese zusätzlichen Dienstleistungen erbringen?

Etwa 150.000 Euro. Allerdings sollte außerdem betrachtet werden, dass die Feuerwehr umfängliche Dienstleistungen wie die Inbetriebnahme und Pflege der Brunnen, die Überwachung der Einbruchmeldeanlagen städtischer Gebäude, technische Unterstützung der Bauaufsicht zum Begutachten von Gebäuden und weitere für die Stadt erbringt, die sonst zusätzliche Kosten verursachen würden. Gegengerechnet gehört auch das Ausfallgeld, das die Stadt Arbeitgebern von ehrenamtlichen Kameraden zahlen müsste, wenn sie statt der hauptamtlichen Kräfte zum Einsatz kämen. Prinzipiell sollte klar sein: Die Feuerwehr ist eine Pflichtaufgabe der Gemeinde und trägt zu ihrer Sicherheit bei. Und Sicherheit kostet Geld. Meine Meinung ist, dass wir uns jetzt klar positionieren müssen: Wollen wir die Sicherheit auf diesem Niveau? Wenn ja, dann müssen wir das dafür nötige Geld einplanen.

Haben Sie dennoch Verständnis für die Sparzwänge der Stadt?

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