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Vor der Tortur auf Sachsens härtester Radstrecke

316 Kilometer, 5.300 Höhenmeter, 13 Anstiege – drei Dresdner gehen für den guten Zweck auf die schweißtreibende Tour. Aber nicht ohne Leistungstest.

Fiona Kolbinger ist fit. Trotzdem macht sie vor der großen Tour den Leistungstest am Uniklinikum Dresden bei Stephan Lasch (l.) und Angelika Sauermann.
Fiona Kolbinger ist fit. Trotzdem macht sie vor der großen Tour den Leistungstest am Uniklinikum Dresden bei Stephan Lasch (l.) und Angelika Sauermann. © Ronald Bonß

Dresden. Der Schweiß fließt über die Stirn von Fiona Kolbinger. Perle für Perle tropft über ihre Wange auf den Fußboden des Untersuchungszimmers im Dresdner Uniklinikum. Mit einer leichten Armbewegung wischt sich die Extrem-Radsportlerin durchs Gesicht. Kräftig strampelt die 25-Jährige bei der sportmedizinischen Untersuchung auf dem Fahrradergometer.

Belastung ist die Dresdnerin gewohnt. Im vorigen Jahr gewann sie das härteste Radrennen Europas. Mehr als 4.000 Kilometer legte sie innerhalb von zehn Tagen auf dem Rennrad zurück. Von Burgas am Schwarzen Meer ging es quer durch Europa bis nach Brest am französischen Atlantik.

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Eine Quälerei war dieses Rennen aber für sie nicht – im Gegenteil. Es seien die zehn schönsten Tage ihres Lebens gewesen. Gern hätte sie deshalb ihren Titel verteidigt, doch in diesem Jahr fällt das Transcontinental Race wegen der Corona-Pandemie aus. Kolbinger hat nun Zeit für andere Projekte. „Eines ist schon länger geplant“, sagt sie. Am Samstag will sie gemeinsam mit dem Dresdner Arzt Lorenz Hofbauer und dem Ingenieur Peter Müller quer durchs Erzgebirge fahren, die sogenannte Stoneman Miriquidi Road an einem Tag bewältigen. Für Fahrradfahrer ist das so etwas wie ein Ironman für Triathleten.

Die Route führt sie dabei von Altenberg über Marienberg zu Sachsens höchstem Punkt, dem Fichtelberg. Von dort geht es über Seiffen wieder zurück nach Altenberg. Mehr als 300 ewige Kilometer, 5.300 schwere Höhenmeter und 13 giftige Anstiege – diese Strecke kann als Sachsens härtester Radrundkurs bezeichnet werden. Der Körper wird extremen Belastungen ausgesetzt – besonders, wenn man den Kurs an einem Tag bewältigen will. Daher ist die sportmedizinische Untersuchung vorab nötig. Die Radfahrer werden dabei auf Herz und Nieren getestet – oder richtiger gesagt: auf Herz und Lunge. Denn bei der umfangreichen Untersuchung wird vor allem die Atemfähigkeit ausgewertet. Dafür tragen sie eine spezielle Maske, an der ein Sensor befestigt ist. Dieser misst kontinuierlich Sauerstoff- und Kohlendioxidkonzentration in der Atemluft.

Extrem-Radsportlerin Fiona Kolbinger aus Dresden will gemeinsam mit Lorenz Hofbauer und Peter Müller an einem Tag Sachsens härteste Radstrecke abfahren.
Extrem-Radsportlerin Fiona Kolbinger aus Dresden will gemeinsam mit Lorenz Hofbauer und Peter Müller an einem Tag Sachsens härteste Radstrecke abfahren. © Thomas Schlorke

Kolbinger ist diesen Test gewohnt, Hofbauer und Müller machen ihn zum ersten Mal. Dementsprechend aufgeregt sind sie. „Ein bisschen angespannt war ich schon“, sagt Müller, der als Erster auf das Ergometer musste. Er ist im Erzgebirge aufgewachsen und kennt die anspruchsvollen Streckenprofile seiner Heimat.

Die größte Herausforderung ist für den Ingenieur des Dresdner Fraunhofer Instituts die Nahrungsaufnahme während der Fahrt. Bis zu 6.000 Kilokalorien müsste man verspeisen. Energiezufuhr ist deshalb extrem wichtig. „Ich esse gern Bananen“, sagt er. Das seien gute Energielieferanten. Aber bei einer der größeren Trainingsfahrten über 240 Kilometer hätte selbst ein Kilo Bananen nicht gereicht. „Da muss ich beim nächsten Mal mehr einpacken.“

Bananen gehören auch zu Kolbingers Lieblingsspeisen. Während der Fahrt trinkt sie außerdem einen Kefir oder eine Buttermilch. „Mein Magen kann eigentlich sehr viel ab“, sagt sie. Damit hat sie für solche extremen Radstrecken einen entscheidenden Vorteil. Meist sitzt man den ganzen Tag auf dem Rad ohne lange Pause. „Fiona kann auch auf dem Rad essen. Viele vertragen das weniger gut“, sagt Hofbauer. „Es ist aber enorm wichtig, genug Energie und Flüssigkeit aufzunehmen.“

Darauf wolle man besonders achten. Denn Ziel ist es, in Altenberg loszufahren und dort gemeinsam auch wieder anzukommen. „Wir fahren diese Tour zusammen“, sagt Kolbinger. Jeder müsse dabei auch vorn und damit im Wind fahren, selbst wenn Hofbauer mit einem Augenzwinkern ankündigt: „Ich hänge mich nur ans Hinterrad der beiden.“

Fiona Kolbinger arbeitet als Assistenzärztin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden.
Fiona Kolbinger arbeitet als Assistenzärztin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden. © dpa/Sebastian Kahnert

Für den guten Zweck wird auch er mal die Führungsarbeit leisten. Mit ihrer Aktion wollen sie Spenden für die Stiftung Hochschulmedizin Dresden sammeln – insgesamt 10.000 Euro. Von dem Geld sollen Fahrradergometer für krebskranke Patienten und ältere Menschen gekauft werden. „Während der Corona-Zwangspause wurde diesen Menschen gesagt, dass sie zu Hause bleiben sollen. Das war auch richtig, aber dadurch fehlt natürlich die dringend benötigte Bewegung“, sagt Hofbauer, der das Zentrum für gesundes Altern am Uniklinikum leitet. Durch die neuen Geräte besteht die Chance, dass die Patienten wieder aktiver sind – auch in Corona-Zeiten.

Kolbinger musste nicht lange überlegen, ob sie bei diesem Vorhaben mitmacht. „Ich war sofort begeistert von der Idee“, sagt die gebürtige Bonnerin, die als Assistenzärztin an der Uniklinik arbeitet. Nach dem Sieg im Transcontinental Race hätte Hofbauer sie angeschrieben, also lange vor Corona. Doch auch damals schon wollten Hofbauer und Müller für einen guten Zweck durchs Erzgebirge radeln.

Beide würden seit eineinhalb Jahren für den bekannten Rundkurs trainieren. „Dass wir nun auch Fiona für unser Projekt gewinnen konnten, ist für mich wie wenn wir auf einer Wiese Fußball gespielt hätten, und dann wäre plötzlich Messi gekommen und hätte bei uns mitgespielt“, sagt Hofbauer. „Fiona ist für uns eine Galionsfigur des Projekts.“

Mittlerweile ist Kolbinger an der Belastungsgrenze angekommen. Deutlich über 300 Watt tritt sie inzwischen – ein Spitzenwert. „Das entspricht in etwa dem Fünffachen ihres Körpergewichts“, erläutert Dr. Heidrun Beck, Leiterin der Sportmedizin im Uniklinikum. Eine gesunde, fitte Frau würde das Zweieinhalbfache schaffen, ein Mann das Dreifache.

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Wirklich verwundert ist die junge Extremsportlerin über ihre außergewöhnliche Leistung anschließend nicht. Diese Leistungsfähigkeit hat sie sich hart erarbeitet. Bis zu 400 Kilometer fährt sie in der Woche quer durch Sachsen – selbst, als die Bewegungsfreiheit in Corona-Zeiten auf 15 Kilometer um den Wohnbereich begrenzt war. „Ich liebe es einfach, lange auf dem Rad zu sitzen“, sagt sie.

Der Schweiß, der von der Stirn tropft, störe sie dabei nicht. „Der gehört nun einmal zum Sport dazu, besonders im Sommer.“ So werden auch bei der Tour durchs Erzgebirge Schweißperlen durch die Gesichter fließen. Und darauf freue sie sich.

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